Kurzfilme aus Palma: Antihelden und das große Publikum

Jossie Malies und Julie Reier warten auf den 14. Dezember. Dann wird bekannt, ob sie Anwärter auf einen Goya-Filmpreis sind. Das Paar macht witzige Kurzfilme mit bedrückender Botschaft

07.12.2015 | 08:53
Der fünfte Teil der Animationsreihe "Bendito Machine": Ein Außerirdischer überlebt die Zerstörung der Erde.

Die Hauptfiguren seiner Kurzfilme nennt er „unwahrscheinliche Helden". Figürchen, die eher schwächlich daher kommen und der Gegenentwurf der Superhelden sind. Jossie Malis, chilenisch-peruanischer Animationsfilmer und Zeichner aus Palma de Mallorca, hat bereits fünf solcher Wichte entwickelt, für jeden Film des Zyklus´ „Bendito Machine".

Omnipräsent sind Maschinen, die teils sympathisch, teils zerstörerisch wirken. Sie geraten oft außer Kontrolle und treiben die Handlung voran. Bei ihren Abenteuern werden die Kerlchen von einer Fanschar begleitet, mehr als 4.000 Follower sind es auf Face­book. Die Reihe hat außerdem rund 30 internationale Auszeichnungen bekommen. Jetzt scheinen Malis´ Antihelden das große Publikum zu erobern. Am 6. Februar 2016 könnte der fünfte Teil von „Bendito Machine" den spanischen Filmpreis Goya gewinnen.

Er heißt „Pull The Trigger", Drück ab. Erzählt wird in zwölf Minuten die Geschichte eines Außerirdischen, der die gesamte Gewaltgeschichte der Menschheit, inklusive atomarer Verseuchung, in einem improvisierten Grab übersteht. Als er etwas lädiert gerettet wird, scheint er nichts mitbekommen zu haben. Ein Raumschiff holt den Helden heim, zurück bleibt eine unbelebte, strahlende Erde.

Für den 39-jährigen Malis haben die Filme „therapeutischen Wert". Sie beziehen sich trotz aller Außerordentlichkeit auf den Alltag: „All diese sozialen Themen, die uns Tag für Tag deprimieren, die sich in unser Leben drängen ... Die Ohnmacht, die wir angesichts der Katastrophen empfinden", sagt er, „all das wird kaum in Zeichentrickfilmen behandelt."

Seine Anliegen setzt Malis im Stil der Silhouetten-Animation um, mit 2D Flash Animation-Technik. Vorbilder sind unter anderem der Franzose Michel Ocelot, Autor des Kinderfilms „Kiriku" und die Deutsche Lotte Reiniger. Deren Film „Die Abenteuer des Prinzen Achmed" wurde 1926 aufgeführt und ist der älteste erhaltene Film dieser Art. Darin werden die Scherenschnittfiguren noch von Hand bewegt. Hinter all dem steht indonesisches Schattentheater, „eine visuell reduzierte und primitive Art des Erzählens," so Malis. Die Optik erinnert an das abendliche Zusammensitzen am Lagerfeuer. „Mit von Schatten verzerrten Gesten wurden Geschichten von bösen Geistern erzählt", schwärmt er.

Die visuelle Wirkung der Filme wird erheblich verstärkt durch Vertonung und Filmmusik. Die deutsche Komponistin Julie Reier hat sie in stundenlanger Arbeit geschaffen, mit Samplern oder am Klavier. Bei Animationsfilmen gibt es keinen realen Ton, das heißt jeder Seufzer und Räusperer, jeder geknickte Grashalm braucht ein Geräusch. Die Musik vermittelt auf köstliche Weise die Ironie der Filme und das letztlich absurde Anliegen der Helden, die Kontrolle zu behalten.

Reier ist in Freiburg aufgewachsen, hat lange in München und Barcelona gelebt und ist mit Jossie Malis verheiratet. Bei Bendito Machine fungiert sie auch als Projekt­managerin. Die beiden arbeiten seit 2009 in ihrer Produktions­firma Zumbakamera.

Derzeit ist sie mit der Bewerbung des Films beschäftigt. Das bedeutet: Flyer an die 1.200 Mitglieder der spanische Filmakademie schicken, damit die den Streifen kennen lernen und vielleicht für ihn stimmen können. In der Unterkategorie Animationskurzfilm muss sich „Bendito Machine – Pull the trigger" gegen vier Bewerber behaupten. Hinter denen stünden etablierte Produktionsfirmen oder das valencianische Filminstitut CulturArts, beklagt Reier, „wir machen alles im Zweimannbetrieb". Reier sieht das mit dem Filmpreis gelassen. „Auch ohne Goya machen wir weiter", sagt sie, „es macht einfach riesig Spaß."

Das balearische Kulturinstitut IEB (Institut d´Estudis Balearics) würde im Fall einer Nominierung wohl helfen, heißt es in der Institution. Besonders dann, wenn mehrere Filme der Inseln auf die Kandidatenliste kommen. Zwei weitere Streifen mallorquinischer Regisseure könnten es schaffen: „I´m Your Father" von Toni Bestard und Marcos Cabotá und „El rey de la Habana" von Agustí Villaronga.

Am 14. Dezember wird die Liste bekannt gegeben. Die Wartezeit vertreiben sich Malis und Reier mit Arbeit. Die sechste und letzte Folge der Saga ist in Vorbereitung. Derzeit läuft eine Crowdfunding-Kampagne bei kickstarter.com. 16.000 Euro wären gut, meint Reier, auch wenn die Summe etwas schwierig zu ermitteln sei, sagt sie, „denn wir machen das alles nebenbei". Geld verdient das Paar mit Corporate Videos für US-amerikanische Firmen und Vereinigungen. Eine Produzentin in Los Angeles versorgt die beiden mit Aufträgen.

www.benditomachine.com
www.zumbakamera.com

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