Malspiel nach Arno Stern: "Hier erklärt niemand etwas"

Spaß an der Kreation und Kontakt mit dem Selbst - das gibt es jetzt auch auf Mallorca

24.12.2015 | 15:54
Katja Nüschen (kniend) mit Teilnehmern des Malspiels in Son Sardina. Jeder malt, was und wie er will.

Eigentlich dürfte man auf dieser Seite keine Bilder sehen. Denn alles, was die Teilnehmer des Malspiels im Stadtteilhaus von Son Sardina machen, ist für die Mappe. Die Leiterin des Treffens, Katja Nüschen, achtet darauf, dass nichts bewertet oder gedeutet, auch nicht hergezeigt, geschweige denn zu Hause aufgehängt wird. „Wenn ein Bild fertig ist, lege ich es kommentarlos zu den anderen", sagt die Deutsch-Mallorquinerin. Dort bleiben die Werke bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag.

Denn beim Malspiel, einer von Arno Stern in den 50er Jahren begründeten pädagogischen Bewegung, geht es weder um Qualität noch um Kommunikation. Malen dient hier dem Kontakt mit dem Selbst, dem Genuss des Moments und dem entspannten aber ­konzentrierten Miteinander.

Stern, ein deutscher Hitlerflüchtling mit französischer Staatsangehörigkeit, ist mit seinen 91 Jahren noch immer aktiv. Er hat Hunderttausende Bilder gesehen und gesammelt. Davor, sie zu deuten, hütet er sich. Stern beschäftigt sich in der sogenannten Ausdruckssemiologie lediglich mit immer wiederkehrenden Formen und Motiven, die Menschen unterschiedlichen Alters und verschiedener kultureller Prägung malen. Stern nennt sie Formulationen. Kopffüßler, Häuser mit schief sitzenden Kaminen, psychedelische Formen, geometrische Muster, simplifizierte Landschaften, sie entstehen in Frankreich ebenso wie in Mauretanien oder Peru.

Stern gibt seine Theorie seit Jahren weiter. In Paris bietet er regelmäßig Fortbildungen und leitet Menschen an, die einen „Malort" einrichten wollen. Katja Nüschen hat nun den ersten auf Mallorca gegründet, nachdem sie im Sommer bei Stern eine Ausbildung absolviert hat.

31 Menschen treffen sich jeden Dienstag und Mittwoch ­nachmittags zum freien Malen. Der Ort ist ein mit Packpapier ausgehängter
Nebenraum der Bibliothek von Son Sardina. In seiner Mitte steht ein hölzerner Palettentisch, in dem 18 Töpfe mit leuchtenden Farben hängen und etliche Pinsel ordentlich aufgereiht liegen. Es gibt Blätter im Format 50 mal 70 ­Zentimeter, Reißzwecken und Hocker und Leitern. Alles ist hochwertiges Standardmaterial nach Arno Stern.

Katja Nüschen verteilt und verwaltet das Material, unterstützt die Malenden mit einer dienenden Einstellung, die, so Sterns Theorie, dem Teilnehmer Selbstvertrauen und das Gefühl verleiht, sein Tun, also er selbst, sei wichtig. Die „Malorte" stehen Menschen jeden Alters offen und dienen dezidiert keinem therapeutischen Zweck im klassischen Sinn, wie Nüschen erklärt. „Wenn Sie unter Therapie allerdings Momente des Wohlfühlens verstehen", erklärt sie, „wie man sie bei einem Kaffee mit einer Freundin oder einem Spaziergang empfinden kann, dann würde ich das Malspiel schon dazu rechnen."

Dass sich die Menschen an diesem Nachmittag sehr wohlfühlen, wird beim Betreten des Raumes sofort deutlich. Vertieftes Pinseln, ruhiges Atmen und hier und da ein Kindergekicher erfüllen den Raum. Nüschen beobachtet ihre Teilnehmer, schiebt ihnen einen Hocker hin, wenn der Arm zu kurz wird, heftet ein neues Blatt an, wenn das erste voll ist.

Die Werke sind wunderbar farbkräftig, anregend, frech und schön. Eine schwangere Frau malt nur blaue Querlinien, eine andere ein opulentes Werk voll ineinander verschlungener, organischer Formen. Ein Mann malt schwarze Autos, die sich einer hellgrünen Fläche nähern. Der siebenjährige Layrún malt einen Weihnachtsbaum. „Letzte Woche habe ich einen meterhohen Baum gemalt und davor waren es Colaflaschen", sagt er. Er kommt mit seiner Mutter, die neben ihm malt. Die Malstunden bei Katja findet Layrún auf jeden Fall besser als die in der Schule. „Hier darf ich malen, was ich will", sagt er still.

Eine ähnliche Antwort gibt Isa, Mutter der vierjährigen Olivia, die sich schon in die Bibliothek verzogen hat. Die Industrie-Ingenieurin holt jetzt auf, was ihr in der Kindheit verwehrt war. „Ich komme her, weil hier niemand etwas erklärt", sagt sie. „Früher fand ich meine Bilder immer schrecklich. Ich hatte richtige Panik vor dem Kunstunterricht."

Info: eljocdepintar@gmail.com. Preis auf Anfrage.

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