Frei von allem

Enrique Tallo verlegt individuelle Bücher zum Spottpreis. So umgeht er den Markt und bietet Autoren auf Mallorca ein Mittel zum Ausdruck. Zuletzt psychisch Kranken in Calvià

19.01.2016 | 10:13
Fand es frustrierend, all die Bücher im Lager zu sehen, die niemand lesen wollte: Enrique Tallo.

„Selber verrückt!" heißt ein Buch, das in den vergangenen Tagen auf Mallorca verlegt wurde. Sowohl der Inhalt als auch das Format von „Pa loco tú", so der Originaltitel, sind ungewöhnlich. Es enthält Kurzgeschichten und Gedichte von elf Autoren, die zum ersten Mal etwas veröffentlicht haben. Mit wenigen Worten erzählen sie die Erlebnisse und Gedanken einer Hündin und einer Polizeiknute oder ihre eigenen Geschichten. Die sind alles andere als langweilig.

Sie alle arbeiten in der Recyclinghalle der Wohltätigkeits­vereinigung Dexailles im Gewerbepark Son Bugadelles in Calvià. Deixalles gibt Menschen Arbeit, die von sozialer Ausgrenzung bedroht sind oder den Schritt ins Abseits bereits vollzogen haben: Immigranten, Kranke, Behinderte. In Calvià sind es Menschen, die in psychiatrischer Behandlung sind.

Präsentiert werden die Texte zwischen zwei Buchdeckeln aus gebrauchtem Pappkarton, in einer Auflage von genau 20 Exemplaren. Der Buchblock dazwischen besteht aus vier handgenähten Bünden, die am Buchrücken festgeklebt sind. Beste Buchbinderarbeit also, wenngleich das mit der exakt angelegten Papierschneidemaschine nicht immer so ernst genommen wird. Die Seiten liegen nicht genau aufeinander, man sieht, dass es von Laien handgemachte Unikate sind. Das verleiht den Büchern Charme und macht sie zu Objekten, die an improvisierte Schatzkisten, Sammelmappen, Alben, an etwas sehr Persönliches erinnern. Hinzu kommt, dass das Cover jeden Exemplars individuell gestaltet ist, mit Pinsel, Acrylfarbe und Klarlack.

Hinter dem Literatur- und Buchbindeworkshop, der Ende 2015 während drei Monaten in Son Bugadelles stattgefunden hat, steht Enrique Tallo. Der 46-Jährige ist einer von weltweit rund 120 Kartonverlegern. Tallo ist auf der Kanareninsel La ­Gomera geboren und vor zehn Jahren nach Mallorca gezogen. Seit vier Jahren betreibt er auf der Insel den Verlag und das Secondhand-Buchgeschäft „Ediciones Karakartón" (Verlag Kartongesicht), neuerdings in Sineu. Er bindet Kurzgeschichten, Gedichte und Kinderbücher auf Bestellung, alle einzeln und in Handarbeit. Wer möchte, kann sein Werk auch zusammen mit Tallo fabrizieren. In der Auslage seines Ladens sind in drei Reihen Kartonbücher ausgestellt, ­mallorquinische ­Kindergeschichten oder Gedichte und Romane von Autoren aus (fast) aller Welt. Demnächst soll das erste Buch auf Deutsch erscheinen: Tallos Kindergeschichte „El castillo mágico" (Das Zauberschloss) wird gerade übersetzt.

Das eigentliche Angebot des kleinen Ladens neben dem Marktplatz von Sineu ist indes viel größer, als es das Dutzend Bücher im Schaufenster vermuten lässt. Innerhalb von drei Tagen kann Enrique Tallo für einen Preis von circa fünf Euro pro Exemplar aus jedem Text ein individuelles Buch machen. Vorausgesetzt, der Autor fordert dafür keine Urheberrechte, sondern lanciert sein Werk als sogenannten freien Inhalt.

Kartonverleger machen mehr, als den kommerziellen Buchmarkt zu boykottieren und dem Witzspruch „Der Trend geht zum Zweitbuch" eine neue, ernste Bedeutung geben. Sie vermitteln: Jeder hat etwas zu sagen und jeder kann sich ein Buch leisten. Tallo hat das nicht nur psychisch Kranken, sondern auch Kindern, Langzeitarbeitslosen, Gefängnisinsassen vermittelt. „Ich arbeite am liebsten mit Leuten, die sich erst mal nicht als Schriftsteller sehen", sagt er.

Kartonverlage sind die radikale Form des Selbstverlages, denn sie setzen auf die totale Autonomie des Autors. Der schreibt, druckt, faltet, näht und malt selbst, braucht lediglich einen Zugang zum Computer. Alle Texte, die zwischen zwei ­Pappkartons erscheinen, müssen als digitales Dokument gespeichert sein. So können sie anderen Verlagen geschickt, dort ausgedruckt und publiziert werden.

Das Netzwerk ist besonders dicht in Lateinamerika. Die Bewegung der Kartonverleger gibt es seit dem Jahr 2003. Entstanden ist sie in Buenos Aires, als Reaktion auf die katastrophale wirtschaftliche Situation damals in Argentinien.

In Buenos Aires hat Enrique Tallo auch das Modell des Low-budget-Verlegens kennengelernt. Er ist selbst Schriftsteller und hat viele Jahre als Korrekturleser eines kanarischen Verlages gearbeitet. „Ich fand es sehr frustrierend, all die Bücher im Lager zu sehen, die niemand kaufen, geschweige denn lesen wollte", erinnert er sich bei einem cortado in einer Bar von Sineu, „am Ende werden sie eingestampft, welch ein ­Irrsinn!".

So weit kommt es bei Ediciones Karakartón nicht. Tallo arbeitet meistens in Zusammenarbeit mit den Autoren und nur auf Bestellung. Die Texte von „Pa ­loco tú" wird er demnächst wieder in Händen halten. Das Autoren­kollektiv wird die Sammlung im Februar in Calvià präsentieren. „Wir haben beschlossen, nur 30 Bücher für den Anlass zu machen", sagt Tallo grinsend, „damit am Ende keine übrig bleiben."

Ediciones Karakartón, Carrer d´Avall 2, nahe Marktplatz Plaça Es Fossar. Ladenöffnungszeiten 10-14 und 16-20 Uhr. https://edicioneskarakarton.wordpress.com

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