Es tut sich was in Manacor

Atelierbesuch in der einstigen Industriestadt: Drei Künstler setzen einen Trend und arbeiten in einer ausgedienten Schreinerei. Manacor ist voll von solchen Hallen

03.02.2016 | 10:08
Catalina Julve, Doménec Boronat und Toni Pascual (v.li.) in ihrem offenen Atelier in Manacor. Das neue Modell wird sich durchsetzen, meinen sie.

Vormittags arbeiten, nachmittags malen. Das klingt gut, vor allem, wenn alles in Fußweg-Distanz liegt. Catalina Julve, Doménec Boronat und Toni Pascual leben in Manacor. Vergangenen Herbst haben sie ihr Schicksal selbst in die Hand genommen und ein offenes Atelier gegründet, „nachdem uns endgültig klar geworden war, dass von der Stadt nichts zu erwarten ist", so Julve.

Die 43-jährige Autodidaktin bezieht sich dabei auf die Situation im Rathaus von Manacor: Dort regiert nach einem kurzen Intermezzo einer Linkskoalition seit November wieder die konservative PP, wie schon in den Jahren zuvor. Ein Misstrauensvotum hatte den überraschenden Wechsel möglich gemacht.

Kulturpolitik sei in Manacor, der drittgrößten Gemeinde Mallorcas und Hauptstadt des Inselostens, immer an der Bildenden Kunst vorbei gemacht worden, kritisieren die drei. Nun haben sie den 300 Quadratmeter großen Raum „N. 10, Sense Títol" bezogen, der einem Verwandten von Julve gehört. Der Name entstand spontan während des Interviews und wird wohl schnell in aller Munde sein. Einen Trend hat das Atelier schon gesetzt.

So eröffnete kurze Zeit später die alteingesessene Theatergruppe La Fornal das Theater „Sala La Fornal" in einer ehemaligen Werkstatt. Es bietet Platz für 50 Zuschauer und liegt in der Parallelstraße Coves de Hams. Und an der Plaça Joan March, auch in der Nähe, richten sich Jugendliche derzeit einen „Ateneo" genannten Treffpunkt ein.

„N.10 Sense Títol" ist eine ausgediente Schreinerei im Viertel Ses Verges, am Rand des alten Stadtkerns. Der Raum liegt im Erdgeschoss, ist hell erleuchtet und in seiner Gestaltung so neutral, dass man geradezu den Drang verspürt, gestalterisch aktiv zu werden.

Drei Wandabschnitte haben sich Julve, Boronat und Pascual aufgeteilt. Die Arbeitsbereiche erkennt man an den Teppichen, die vor der Wand liegen. Die Werkstatt hat keine Heizung, deswegen kommen die drei auch immer in dicken Jacken zum Malen. Im hinteren Teil führt eine Tür in einen Nebenraum. Dort will Boronat, der vor allem Videokunst und Kurzfilme macht, einen Filmclub einrichten. Die Leinwand hängt schon.

Die Straße, ja die ganze Stadt sei voll von leer stehenden, ehemaligen Werkstätten, Garagen und Fabrikhallen, sagt der 27-jährige Toni Pascual, und in seiner Stimme schwingt etwas Groll mit. Die Stätten erzählen von früher, als Manacor noch für Holzmöbel, Trabrennen und örtliche Perlenfabrikation bekannt war. Hinter dem Bahnhof sei der erste Gewerbepark dem Verfall überlassen, schönste Industriebauten aus Sandstein, die andernorts schon längst zu Kulturzentren umgebaut worden wären, klagt Toni Pascual. Er versteht nicht, warum die Stadt ein neues Auditorium errichtet hat, anstatt alte, mit der Stadtgeschichte verbundene Gebäude aufzuwerten.

Kulturzentren gibt es in Manacor immer weniger: Früher, so erzählt Julve, die schon seit 20 Jahren großformatige Bilder malt, ausstellt und verkauft, habe man in der Galerie Quàsars oder in dem Saal Sacma noch Arbeiten zeigen können. Nun gebe es nur noch die denkmalgeschützten, städtischen Kulturzentren Torre de Ses Puntes und Torre dels Enagistes. „Das eine ist zu dunkel, und bei dem anderen darf man nichts in die Wand nageln", sagt sie und seufzt. Es ist also an der Zeit, das agrarisch-industrielle Image der Stadt zu erneuern. Man spürt, dass die drei Künstler sich anbieten würden für so einen Wandel. Denn, so sagen die gebürtigen manacorís Julve und Pascual, „wer aus Manacor stammt, liebt seine Stadt".

Doménec Boronat hält sich etwas zurück, denn der gebürtige Valencianer lebt erst seit vergangenem Herbst in Manacor. Er hat in Valencia Kunst studiert und unterrichtet an einem Gymnasium von Manacor Zeichentechnik. In seiner künstlerischen Arbeit nutzt er neben der Kamera vor allem Pinsel und Ölfarben.

Die drei haben sich bei einer Versammlung im September gefunden. Organisiert hatte das Treffen Joan Miquel Artigues. Der bekannte Schauspieler und Regisseur hatte die Szene eingeladen, um nach Bedürfnissen und Befindlichkeiten zu fragen. Im Stadtrat war damals noch der Musiker Carles Grimalt von Volem (lokale Variante von Podemos) für die Kultur verantwortlich.

Rund 25 Kulturschaffende waren gekommen, die meisten aus Manacors recht großer und aktiver Theaterszene. „Wir waren eher Randfiguren", erinnert sich Boronat, „aber die Dynamik war gut, es ist einiges passiert". Und Catalina Julve ergänzt: „Wir haben unsere Angst verloren und einfach selbst die Initiative ergriffen."

Als nächster Schritt soll nun eine locker angelegte Veranstaltungsreihe ins Leben gerufen werden, bei der sich die lokale Kulturszene vorstellt. Es sollen Veranstaltungen werden wie die zur Eröffnung Ende Dezember. Die Sängerin Joana Gomila trat auf, die Tänzerin Dana Fuster und der Dichter Rafel Amorós. Und dann, so erzählen die drei lachend, habe auch noch die weithin bekannte, schon betagte Margalida Fullana Volkslieder gesungen. ­„Irgendjemand hat die wohl mitgebracht", sagt Julve. „Damit wir nicht vergessen, wo wir sind."

Offenes Atelier „N.10 Sense Títol", Carrer Miquel Servet 10, Manacor. Anmeldung unter Tel.: 619-08 70 50, 666-84 61 01 oder 636-21 01 62. Facebook: N.10sensetitol

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