Bel Fullana, Jahrgang 1985

Die Mallorquinerin verwandelt die Galerie L 21 in Palma in ein buntes Paradies – und eckt damit an

21.02.2016 | 01:00
Bel Fullana stammt aus dem kleinen Dorf Son Carrió. So richtig verstehen tun die Menschen dort nicht, was sie da macht.
Bel Fullana stammt aus dem kleinen Dorf Son Carrió. So richtig verstehen tun die Menschen dort nicht, was sie da macht.

Auch der Boden ist rosa. Genauso wie die Wände. Und die Decke. Wenn man in die Galerie L 21 kommt, fällt der erste Blick auf die riesigen Gemälde auf der linken Seite. Bunte Dinosaurier sind zu sehen, Palmen, Blumen, Herzchen. Eine Frauenfigur auf Knien mit einem Glas Wein in der Hand. In der Mitte des Raums stehen Möbel, alle bunt, in den Farben des Regenbogens. Und aus dem Hintergrund sticht überall das Rosa hervor.

Es wirkt wie das Werk eines kleinen Kindes, das auf ein paar Leinwänden ausgerutscht ist und diese in sein Kinderzimmer gestellt hat. „Rosa Dulce“ heißt die Ausstellung, die die mallorquinische Künstlerin Bel Fullana hier präsentiert. Süßes Rosa.

„Mich fasziniert an Kindern, dass sie sich ohne Tabus ausdrücken können. Sie zeichnen einfach drauflos.“ Es ist Fullana nicht leichtgefallen, sich vom Druck der Kunstlehrer, die auf Technik bestanden, zu befreien und wieder zurückzukehren zu den Ursprüngen. Sich vom perfekten Strich zu lösen. Fullana trickst sich selbst aus. Malt etwa mit der linken Hand statt der starken Rechten. „Um die Kontrolle zu verlieren.“

Erst auf den zweiten Blick fallen die Brüche auf. Die etwas dunkleren Gemälde auf der rechten Seite. Ein Gesicht in schwarzer Farbe. Auf einem anderen steht nur „mierda“. Und vor allem die Fotos, die auf der Fensterbank hinter der breiten Galeriefront stehen. Selfies, manche verfremdet. Bilder von Partys, von nackten Menschen, aber auch von Geburtstagspartys aus der Kindheit. Oben, direkt unter der Decke, hat Fullana in einem etwas dunkleren Rosaton Wörter aufgeschrieben. Kontextlos. Wörter wie Pamela Anderson, Hello Kitty, chocolate, caras, Toxic Pussy.

Fullana sagt, diese Ausstellung sei identisch mit ihr. Ein Selfie? „Ja.“ Fullana ist 1985 geboren. Eine Unmenge an meist ziemlich schlechten Artikeln und Büchern hat sich mit ihrer Generation auseinandergesetzt. Generation Y, Generation Maybe, Millennials wurde sie genannt. Eine Generation, die in friedlichen Zeiten aufgewachsen ist, im Wohlstand, die in dem Moment, als sie ihre Ausbildung beendet hatte, von der Wirtschaftskrise getroffen wurde. Glaubt man den Artikeln, sind dabei keine besonders tollen Menschen herausgekommen:

Auf sich selbst fixiert seien diese Leute. Bindungs- und entscheidungsunfähig. Durch Kabelfernsehen in der Kindheit und Social Media im jungen Erwachsenenalter überhaupt nicht mehr in der Lage, sich auf irgendwas länger zu konzentrieren. Die stichwortartigen Referenzen von Fullana passen zu diesem Bild ebenso wie ihr rückwärts gewandter Blick: eine Generation, die nicht erwachsen wird. Empfindet sie Nostalgie für ihre Kindheit? „Nein, aber ich habe Angst vor dem Älterwerden“, sagt sie.

Begleitet wird die Ausstellung von wöchentlichen Workshops, bei denen Bel Fullana etwas Neues lernt. Das Mädchen will die Welt entdecken und lädt sich Leute ein, die ihr etwas beibringen. Vergangene Woche hat sie sich in der Galerie von ihrer Mutter das Backen von panades (Teigtaschen) beibringen lassen. Mit mäßigem Erfolg: Es waren kaum Leute da und Fullana fühlte sich etwas verloren.

Für diesen Donnerstag plant sie eine Tuppersexparty. Die Woche darauf will sie Häkeln lernen. Acht Aktivitäten sollen es insgesamt sein. Das alles hat keinen tieferen Sinn, außer dass Fullana diese Dinge mal machen möchte. Und statt sie in ihrem eigenen Wohnzimmer zu veranstalten, verlegt sie sie in das Kinderzimmer in der Galerie. Ob sie dabei wirklich was lernt, ist zweitrangig.

Für Fullana geht es auch darum, der Galerie den Schrecken der Ernsthaftigkeit zu nehmen: „Ich habe mich in dieser Atmosphäre, bei diesen Gesprächen über Kunst nie wohlgefühlt.“ Und ihr falle es schwer, ihre Kunst als etwas Ernsthaftes zu präsentieren. Sagt sie. Denn natürlich steckt sie viel Arbeit da rein. Oder? „Ja, aber häufig fühle ich mich mit anderen Künstlern nicht auf einer Höhe.“ Eigentlich grundlos: Nach ihrem Kunststudium in Barcelona kam sie zurück auf die Insel und wurde bald von der Galerie übernommen. Seit vier Jahren lebt sie hauptsächlich von ihrer Kunst, hat unter anderem schon in Sao Paolo ausgestellt.

Bel Fullana kommt aus Son Carrió, einem kleinen Dorf mit knapp über tausend Einwohnern in der Gemeinde Sant Llorenç del Cardassar im Osten der Insel. Einer dieser Orte, wo jeder jeden kennt, wie so häufig auf Mallorca. Wo die Leute so gerne übereinander reden. Wo der Satz „No he xerrat amb ningú més d‘això“ (Ich habe mit niemand anderem darüber geredet) bedeutet: Das ganze Dorf weiß es.

So etwas wirkt sich natürlich auf die kreative Arbeit aus. „Ich habe viele Probleme wegen meiner Kunst bekommen“, sagt sie. Es gibt etwa ein Bild, ein Selfie, wo sich Fullana eine Banane in den Mund steckt. Es ist eigentlich nicht besonders suggestiv. „Natürlich hat es eine gewisse Konnotation, aber ich sehe das eher als Spiel. Für meine Mutter aber wirkt es so, als wäre ich die größte Schlampe der Stadt.“ Wobei die Angst natürlich weniger darin besteht, dass es so sein könnte, sondern dass die anderen Leute es denken könnten.

Wenn man innehält, wird einem an dieser Stelle klar, warum die Kunst auf Mallorca häufig so handzahm ist. Und wie viele kreative Projekte auf Mallorca vermutlich nicht umgesetzt werden, weil die Leute nicht aufhören können zu reden. „Vor zwei Jahren hatte ich eine Phase, wo ich aufgehört habe zu fotografieren. Und das sollte nicht so sein, denn ich liebe es zu fotografieren.“

Man könnte Fullana vorwerfen, einfach eine Art Facebookprofil angereichert mit Kindermalereien in die Galerie gestellt zu haben. Naivität gepaart mit Narzissmus. Denn natürlich ist sie eine Vertreterin ihrer Generation. Natürlich macht sie Kunst, die nur von Leuten stammen kann, die ausschließlich in kontinuierlicher Reizüberflutung gedeihen. Die eine Million popkultureller Referenzen aufzählen, verstehen und im richtigen Kontext einsetzen können, vielleicht aber keinen geraden Satz über die Kunst der Renaissance hinbekommen.

Bel Fullana versucht gar nicht zu verstecken, woher sie kommt und was sie macht. Aber sie transportiert dies in den Kontext einer Galerie und kreiert damit einen Diskurs über das Ich, das in einer Gesellschaft der unzähligen Möglichkeiten den Halt in einer selbst kreierten, heilen, rosa Welt sucht. Sie verweigert sich dem Zwang zum Tiefgang, zur gekünstelten Ernsthaftigkeit und schafft dadurch Werke, die vielleicht besser als tausend kluge Worte etwas über ein Lebensgefühl verraten. Zwischen den ganzen kontextlosen Wörtern in Dunkelrosa unter der Decke sticht eines heraus. Da steht: Bel Fullana.

„Rosa Dulce“ von Bel Fullana, Galerie L 21 (San Martí, 1), bis 1.4.

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