Kaltes Grausen in tropischer Hitze

Der Mallorquiner Hèctor Hernández dreht einen Horrorfilm, der illegal im Netz verbreitet wird – und plötzlich bricht am anderen Ende der Welt die Hölle los

26.02.2016 | 09:04
In „El cadáver de Anna Fritz" geht es um Leichenfledderei. Die schöne Tote ist Schauspielerin Alba Ribas.

Es ist ein Bild, das einem kalte Schauer gleich kübelweise über den Rücken treibt: Drei junge Männer vergehen sich unter fahlem Licht in einem Leichenschauhaus an einer Toten. So beginnt der Erstlings-Horror-Thriller des mallorquinischen Regisseurs Hèctor Hernández. Das Grauen überkommt den Zuschauer vollends, als die tote – eine ansehnliche Schauspielerin – auf einmal die Augen öffnet.

Der 75-minütige Spielfilm mit wenig bekannten jungen Schauspielern heißt „El cadáver de Anna Fritz" (Die Leiche von Anna Fritz) und ist im vergangenen Jahr auf Festivals in Austin (Texas), London, Paris und in Sitges bei Barcelona gelaufen. Die Kritiker waren durchaus angetan. „La Vanguardia" sprach von einem „großen kleinen Film", „El País" von einem „gelungenen Debüt" des 40-jährigen Insulaners. Hèctor Hernández schrieb früher Romane und harmlose Drehbücher – unter anderem für die inzwischen eingestellte Kinderpuppen-Serie „Los Lunnis" des spanischen Staats­kanals TVE.

Wirklich begeistert von dem Schocker war man allerdings ganz woanders – auf den Philippinen. „Als von dem Film vor einigen Wochen in Dänemark erstmals DVDs verkauft wurden, hat ihn jemand illegal auf Facebook geladen, und auf den Philippinen hat das wie eine Bombe eingeschlagen", so Hernández im Gespräch mit der MZ.

In 24 Stunden sei der Film glatt zwei Millionen Mal angeschaut worden, und an einem einzigen Tag habe es 700.000 Facebook-Kommentare dazu gehagelt. Dabei hatten es die Filipinos mit einer „sehr schlechten Bildqualität" zu tun, und zudem wurde Spanisch gesprochen, was auf den Philippinen kaum noch wer versteht. Nach drei Tagen löschte Facebook den Link auf Verlangen der in Barcelona ansässigen Produktionsfirma Contraluz Films.

„Es waren die Schauspieler, die mich auf das Phänomen aufmerksam machten", sagt Hèctor Hernández. „Sie bemerkten plötzlich Tweets von irgendwelchen Filipinos, die zum Teil sehr aufgeregt über den Film diskutierten." Plötzlich tauchten auch T-Shirts mit dem dänischen DVD-Cover auf und eine multimedial verbreitete Aufforderung, bloß schnell einen zweiten Teil des Streifens zu produzieren.

„Es ist möglich, dass man solche Horrorfilme auf den Philippinen nicht gewöhnt ist und dass sich die Leute deswegen darauf stürzten", versucht sich der Regisseur das Phänomen zu erklären. „Im Spanien der 50er-Jahre wäre das wohl auch passiert, wenn es damals die heutigen Technologien gegeben hätte." Zudem gebe es auf den asiatischen Inseln seines Wissens keine ausgeprägte Kino-Kultur. So richtig zum Laufen gebracht habe das Netz-Phänomen eine bekannte philippinische Schauspielerin, die in Tweets darauf aufmerksam gemacht habe.

Die massive Verbreitung der DVD-Kopie sei zwar gut für den Film („Er bleibt am Leben"), aber ausgesprochen schlecht für die Film-Industrie, die auf Einnahmen angewiesen ist. „Wir haben eine Firma engagiert, die sich im Internet auf die Suche nach entsprechenden Links machte, um dem Spuk ein Ende zu bereiten. Rechtlich gegen die Filmdiebe vorzugehen sei sowohl auf den Philippinen als auch in Spanien äußerst schwierig. In den USA sei man da schon weiter. „Wer beim illegalen Verbreiten erwischt wird, muss dort mit hohen Geldstrafen rechnen", weiß Hernández.

Das Phänomen erinnert ihn an den Dokumentarfilm „Searching for Sugar Man". Darin wird die Geschichte des wenig bekannten US-Sängers Sixto Rodríguez erzählt, der ohne sein Wissen Anfang der 70er-Jahre auf einmal in Südafrika zum Star wurde, weil die Leute seine Songs als Anti-Apartheid-Lieder verstanden. Der Sänger schuftete derweil als Bauarbeiter in seiner Heimatstadt Detroit.

Ganz so dramatisch ist die Lage bei Hernández nicht. Er hofft nun auf den finanziellen Erfolg seines Leichen-Schockers in Deutschland. „Dort ist die synchronisierte DVD seit einigen Tagen im Handel", sagt er. Ganz legal.

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