Sommerinterview: "Mallorca ist wie Blätterteig"

Autor Biel Mesquida über mallorquinische Heuchelei, Parallelgesellschaften und die Kirche – und warum er trotzdem hier ist

22.07.2016 | 01:00

Der rundliche Mann wartet schon lesend im Restaurant Ca´n Canolli in Santa Maria del Camí. Er begrüßt uns freundlich mit einer tiefen, knarzenden Stimme. Biel Mesquida ist seit den 70er-Jahren einer der wichtigsten Autoren Mallorcas. In Büchern wie „Acrollam" oder zuletzt „Trèmolo" skizziert er das Leben auf Mallorca in kurzen, prägnanten, teilweise bösen Vignetten. Zudem ist er ein meinungsstarker Kolumnist mehrerer Zeitungen.

In Ihren Erzählungen erforschen Sie häufig die mallorquinische Gesellschaft und deren Seele. Was fasziniert Sie so daran?
Ich werde das häufig gefragt: Du schreibst nur über Mallorca, kommst du nie raus? Und ich sage: Nein, das habe ich nicht nötig. Wir haben hier alles: Russenmafia, Gitano-Mafia, Hoteliers-Mafia, Hollywood-Mafia. Es gibt so viele Geschichten und Protagonisten, da gibt es noch einiges zu erzählen.

Manchmal hat man das Gefühl, es gäbe viele parallele Mallorcas.
Mallorca ist wie ein Blätterteig. Manchmal ist er mit Schokocreme gefüllt und manchmal mit Scheiße. Aber die einzelnen Blätter des Teiges haben keine Verbindung zueinander, sie sind parallel aufei­nandergeschichtet, in Ghettos. Wenn Sie mich fragen, mit wie vielen Deutschen ich persönlichen Kontakt habe, dann mit keinem. Obwohl viele Deutsche um mich herum sind. Mit der Russenmafia ist es dasselbe. Und mit den großen Fischen der Immobilienbranche auch.

Mit wem haben Sie denn dann Kontakt?
Ich habe ein paar wenige Freunde und Vertrauenspersonen. Aber mehr und mehr erfülle ich das Klischee des Schriftstellers in seinem Türmchen, der viele Ferngläser hat. Mit denen beobachte ich diese Parallelgesellschaften. Und dabei ist mir aufgefallen: Diese ganzen Menschen, die aus europäischen Ländern hierhergekommen sind, interessieren sich null für die Insel und ihre Kultur. Ich habe im Laufe der Jahre auch Deutsche kennengelernt. Ihr Interesse an Mallorca war stets sehr oberflächlich: Strand, Tramuntana, Castell de Bellver und die Kathedrale.

Wie lange ist das her?
Etwa zwei, drei Jahre.

Wie erklären Sie sich das angesichts der Tatsache, dass Mallorca und Deutschland seit Jahrzehnten eine so intensive Verbindung pflegen?
Das ist Teil eines weltweiten Phänomens des Desinteresses an der Kultur. Es gibt kaum noch Austausch zwischen den Kulturen. Jeder achtet nur auf sich. Das macht es natürlich für die kleineren Kulturräume besonders schwer. Der Brexit ist das beste Beispiel für diesen kleingeistigen Schiss. Ich selbst sehe mich als katalanisch-europäischen Autor. Katalanisch wegen meiner Sprache und europäisch wegen meiner Einstellung. Ich will Menschen kennenlernen, egal ob sie aus Paris, Berlin oder Almería kommen. Genauso wie ich mich für ihre Kulturen interessiere, wenn ich da bin. Diese Neugier ist sehr selten geworden.

Und die Mallorquiner? Interessieren sie sich für die eigene Kultur?
Nun ja, bei den Mallorquinern sehe ich ein ähnliches Phänomen. Sie interessieren sich nicht so sehr für die eigene Kultur wie für den eigenen Vorteil. Es gibt eine Rette-sich-wer-kann-Kultur.

Was haben Sie durch Ihre Bücher noch über die Mallorquiner herausgefunden?
Es ist eine sehr destrukturierte Gesellschaft. Es gibt kaum noch einen sozialen Zusammenhalt. Der Einzige, der für ein bisschen Gemeinschaftsgefühl in den vergangenen Jahren gesorgt hat, war der Panzergeneral Bauzá (konservativer Balearen-Premier von 2011 bis 201, Anm. d. Red.). Der hat sich so an der Sprache, der Kultur, der Landschaft vergangen, dass wir für einen Moment alle zusammengehalten haben, unabhängig von Alter, Einkommen und Bildungsgrad.

Wie erklären Sie sich, dass die PP trotzdem wiedergewählt wird?
Das ist eine Mischung aus ­Masochismus und Angst. Ich saß vor wenigen Tagen mit einer 85-jährigen Dame zusammen. Ihr Vater war im Bürgerkrieg von den Faschisten getötet worden und sie erzählt mir, dass sie die PP wählt, eine Partei, die sich immer noch nicht von Franco losgesagt hat. Und ich sagte: „Die Väter dieser Leute haben deinen Vater getötet. Wieso wählst du sie?" Sie antwortete: „Weil sonst der mit dem Zopf (Podemos-Chef Pablos Iglesias, Anm. d. Red.) kommt und uns unsere Häuser wegnimmt." Das ist der Wahnsinn.

Es ist eine sehr mallorquinische Angewohnheit, sich über alles zu beschweren, was Mallorca betrifft.
(lacht) Ja, ich bin sehr mallorquinisch. Mallorca tut mir weh. Ich wünschte, es wäre anders. Schauen Sie sich mal diese Bar an. Ihr ganzes Leben hieß sie Ca´n Calet. Wie heißt sie jetzt? Ca´n Canolli. Kein Mensch nennt das so. Was soll das überhaupt bedeuten? Wenn man die ursprünglichen Namen verschwinden lässt, greift man die Kultur an. Am Ende ist die Insel ein Freizeitpark. Und überall werden die gleichen Läden stehen. Und dann ist alles Ca´n Gucci und Ca´n Chanel. Wir verlieren unsere Essenz.

Der Fotograf schaltet sich mit einer Frage ein:
Wie kommen Sie damit klar? Betrinken Sie sich?
Ich lese und schreibe. (Mesquida fängt an, ein Gedicht, aus seinem mitgebrachten Buch zu lesen). Das ist von Horaz. Ist es nicht wundervoll? Ich gehe auch gerne spazieren, alleine oder mit Freunden. Wir reden. Ich verliebe mich in einen kleinen Vogel und widme ihm ein Gedicht. Ich gehe ins Kino. Ich schwimme.

Versuchen wir es andersherum: Was ist gerade gut an Mallorca?
Es gibt viele Menschen, etwa Lehrer oder Dichter, die für die Sprache kämpfen. Und es gibt einige Initiativen, die sich für den Umweltschutz oder die Kultur einsetzen. Das finde ich sehr gut.

In Ihren Büchern geht es auch viel um Sex. Wie geht es der ­mallorquinischen Gesellschaft mit diesem Thema?
(lacht) Ach, der Sex. Für mich sind Liebe und Sex identisch. Die Mallorquiner haben viel Sex, aber es gibt auch viel Heuchelei und Unterdrückung. Zum einen weil es anscheinend eines Gesetzes bedarf, um Schwule, Lesben und Transgender-Menschen zu schützen. Das sagt viel über eine Gesellschaft aus. Oder schauen Sie sich die ganzen Fälle von häuslicher Gewalt an, wir sind da sehr zurückgeblieben. Zum anderen ist die Gesellschaft heuchlerisch, weil viele Menschen in Bezug auf Sex ein Doppelleben führen.

Das ist doch der katholische Ethos: Du kannst machen, was du willst, solange du dich dafür schämst.
Nicht nur das. Die Menschen denken hier immer noch, dass der Tod von der Kirche verwaltet wird. Da sterben Menschen, die an nichts glauben, und plötzlich muss man zu ihrem Begräbnis in eine Kirche gehen. Bei Hochzeiten ist das teilweise auch so. Die Kirche hat immer noch viel Macht, lassen Sie sich nicht von den wenigen Besuchern bei Gottesdiensten täuschen.

Aber haben nicht die vielen Ausländer, die hier wohnen, zu einer Öffnung der Gesellschaft geführt?
Glauben Sie nicht daran. Die Insel hat ihre Mechanismen, die gesellschaftliche Veränderungen blockiert. Da kann so viel Tourismus kommen, wie man will. Und nach der Diktatur wurde bald die PP gewählt.

Aber die Regierung macht doch nicht die Gesellschaft.
Nein, aber sie spiegelt ihr Wesen wieder.

Haben die vielen Ausländer denn wenigstens in irgendeiner Form zu einer Verbesserung des
kulturellen Lebens auf Mallorca geführt?

Dafür gibt es zu viele kleine Ghettos und Parallelgesellschaften. Es sollte mehr Verbindungen geben. Das liegt an den Mallorquinern und den Ausländern.

Es ist recht ungewöhnlich, dass Menschen aus dem Kulturleben lieber auf dem Dorf als in der Stadt leben. Was hat Sie nach Santa Maria geführt?
Meiner Meinung nach ist ganz Mallorca mittlerweile eine Art Groß-Palma. Manchmal kommen Leute von außen und erzählen was von der part forana. Was für ein Quatsch! Santa Maria ist ein Vorort von Palma. Ich gehöre nicht zu den Mallorquinern, für die die Strecke von Palma nach Alcúdia eine Weltreise ist. Und hier hab ich den Vorteil, dass ich mich isolieren kann. Je älter ich werde, desto besser gefällt mir das. Wenn man Nachbarn hat, hat man heutzutage Stress. Früher waren die Nachbarn Freunde. Jetzt hat einer versucht, auf meinem Grundstück mehreren Bäumen den Garaus zu machen. Wer tut den so was?

Also besteht keine Hoffnung für Mallorca?
Wie gesagt, es gibt ein paar Leute, die dafür kämpfen, die Insel freier, besser und schöner zu machen. Sie erinnern mich an die zehn Gerechten, die Abraham in Sodom und Gomorra finden will.

Wie halten Sie es eigentlich hier aus? Warum sind Sie nicht schon lange weg?
Oh, ich liebe Mallorca sehr. Ich liebe die Menschen und die Landschaft. Es gibt auf dieser Welt keinen Ort, an dem ich lieber wäre.

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