Das Familienalbum als Street Art

Marina Molado beklebt leer stehende Häuser mit privaten Fotografien

11.09.2016 | 02:30
Wo einst triste Wände waren, ist hier nun Kunst: Marina Molado vor dem Bild ihres „Grandpa?.
Wo einst triste Wände waren, ist hier nun Kunst: Marina Molado vor dem Bild ihres „Grandpa?.

Plötzlich öffnet sich das Fenster hinter ihr und eine ältere Dame steckt den Kopf heraus. „Hast du diese Bilder gemacht?", fragt sie Marina Molado. Die 27-Jährige nickt. „Oh, sie sind hervorragend. Herzlichen Glückwunsch." Wir stehen gegenüber der Straßenecke am Carrer Lluís Martí und Carrer Nicolau Calafat in Palmas Viertel Pere Garau. Vor ein paar Tagen hat Molado am leer stehenden Haus die zugemauerten
Türen und Fenster mit großformatigen Fotos beklebt.

Auf der einen Wand sieht man ein dreigeteiltes Bild. Es zeigt Molados Großvater, der vor wenigen Monaten gestorben ist. Er sitzt in seiner
Bibliothek und liest ein Buch, ein Hund ist bei ihm. Auf der anderen Wand ist ein Triptychon zu sehen, Selbstporträts Molados vor einem Spiegel. Dazu ein Bild, das fast an eine
Madonnenfigur erinnert. Es zeigt den Großvater als kleines Kind, im Arm der Mutter.

„Die Bilder geben der Ecke gleich eine neue Atmosphäre", sagt die ältere Dame, die sich als Maria Oliver vorstellt, seit Jahrzehnten hier in der Gegend wohnt und viel zu erzählen weiß. „Früher wohnte in dem Haus ein junges Paar. Der Mann warf der Frau eines
Tages im Streit ein Transistorradio an den Kopf. Sie war danach nie mehr
dieselbe."

Molados Bilder sind nicht die erste künstlerische Intervention an dem Haus. Auch der bekannte mallorquinische Street-Art-Künstler Gripface hat sich bereits an einem zugemauerten Fenster verewigt. Molado entdeckte das Haus erst vor wenigen Wochen. Es passte genau in das Beuteschema der jungen Künstlerin. „Ich habe im vergangenen Dezember in Irland, wo ich ein paar Monate gejobbt habe, damit angefangen, Bilder an Häuser zu kleben." Es sei eine Idee gewesen, die mit der Zeit he­rangereift sei. „Ich habe schon immer viel fotografiert, aber irgendwann hatte ich eine Masse an Bildern und wusste nichts damit anzufangen." Auf Mallorca habe sie sich aber zunächst nicht getraut. „Dafür war mir die Insel zu nah."

Nach der Rückkehr auf die Insel im April gab sie sich dann einen Ruck. „Am Anfang nur nachts, weil ich nicht wusste, ob es illegal ist. Es kam da auch die Polizei vorbei, aber die haben mich nur gefragt, was ich da mache und dann nichts weiter gesagt." Irgendwann beschloss sie, die Bilder tagsüber zu kleben. „Ich liebe diesen Austausch mit den Nachbarn. Viele bleiben stehen und reden mit mir. Bei dem Haus hier in Pere
Garau war es mir fast schon zu viel. Ich bin kaum zum Arbeiten gekommen bei so vielen Gesprächen."

Mittlerweile hat Molado schon neun Häuserfassaden in Palma gestaltet. Bevor sie sich an die Arbeit macht, misst sie die Flächen aus. Am Computer teilt sie die Fotos dann mit Photoshop auf und druckt sie im A3-Format aus. An der Häuserwand beginnt dann das Puzzlespiel mit Leim und Papier. „Es ist fast meditativ. Man gestaltet etwas mit
den Händen."

Die meisten ihrer an die Häuser geklebten Bilder zeigen recht private Momente. „Ich versuche, etwas wieder zum Leben zu erwecken, das nicht mehr existiert." Die Auswahl falle ihr dabei nicht leicht. „Bei dem Foto von meinem Grandpa – so nannten wir ihn, weil er in den USA gelebt hatte – hatte ich extreme Gewissensbisse. Ich habe lange darüber nachgedacht, ob das wohl richtig ist."

Während sie hier arbeitete, kamen auch ein junges Paar und eine ältere Frau vorbei. „Sie blieben unabhängig voneinander vor mir und dem Bild stehen und fingen an, über Menschen aus ihrer Familie zu sprechen, die gestorben waren." Das habe ihr wieder das Gefühl gegeben, etwas zu tun, was die Menschen aus dem Viertel zusammenbringt. „Ich sehe mich nicht als Künstlerin. Aber wenn ich etwas mit meinen Fotos mache, dann muss es mich berühren. Ich glaube, nur so kann es auch andere Menschen berühren."

Sie wäge genau ab, wo welches Bild hinkommt. „Ich wollte ein Bild von meinem Grandpa in Colònia de Sant Jordi anbringen, aber meine Mutter hat mich gebeten, es nicht zu tun. Er kannte viele Menschen dort und es hätte eine ganz andere Wirkung gehabt als hier in Pere Garau, wo das Bild eher anonym ist."

Molado fotografiert mit einer analogen Olympus. „Die digitale Fotografie macht mich nervös. Ich entwickle meine Fotos selbst, so gibt es einen langen Prozess zwischen dem Moment der Aufnahme und dem, wenn ich das Bild sehe." Nur wenn sie auf der Suche nach neuen Standorten ist, mache sie Fotos mit dem Handy. Und notiert die Adresse und die Maße gleich mit.

Weitere Bilder von Marina Molado finden sich u.?a. auf dem Carrer Jacint Verdaguer in der Nähe der alten Brücke und in der Straße Enric
Mateu Lladó, 38, in der Nähe des östlichen Endes der Avenidas.

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