Catalina Homar: Eine Frau am Ruder des Lebens

Die Geliebte des Erzherzogs war viel mehr als das Anhängsel eines Adligen. Ein kleiner Comic erzählt ihre Geschichte

07.01.2017 | 12:16
Aus dem schüchternen Bauernmädchen wurde die selbstbewusste Frau Catalina Homar.

Catalina Homar, die junge ­mallorquinische Bäuerin und spätere Geliebte des Erzherzogs Ludwig Salvator, hat posthum nicht nur ein, sondern viele kleine gezeichnete Gesichter bekommen. Und zwar in Form eines Comics. „Catalina Homar. La veritable història d´una dona d´empenta" (etwa: Das wahre Leben einer zupackenden Frau).
Der Comic entstand im Rahmen eines Projekts des Inselrats zur Gleichstellung der Frau. Das Konzept entwarf Nina Parrón, die Direktorin des Instituts für Gleichstellung. Die Historikerin Isabel Peñarrubia beriet, und Pere Pau Sancho entwickelte das Drehbuch. Die Zeichnerin war Flavia Gargiulo.

Gibt man den Namen Catalina Homar (1869–1905) in einer Suchmaschine ein, erscheint zunächst vor allem Information über sie als die Geliebte des Erzherzogs (1847–1915). „Das ist typisch für die Beschreibung der Frauen dieser Zeit", sagt die Historikerin Isabel Peñarrubia. „Die Frauen galten als Ehefrauen von?€ oder Geliebte von?€" Doch Catalina war weit mehr als das. „Catalina Homar war eine self-made woman, wie man heute sagen würde."
Auch was die Bilder betrifft, blieb die Tischlertochter in den zur Recherche herangezogenen Büchern und Quellen weitgehend „gesichtslos". „Aus künstlerischer Sicht ein Vorteil", sagt die Zeichnerin Flavia Gargiulo. „Es bedeutete, dass ich mehr Freiheiten hatte und es leichter für mich war, sie zu zeichnen."

Flavia Gargiulo hat an der Escuela Superior de Diseño in Palma Illustration studiert. Die Mallorquinerin bezeichnet sich selbst als Generalistin. Mal bebildert sie Kinderbücher, mal fertigt sie Einzelzeichnungen an, mal arbeitet sie für verschiedene Verlage. Für den Comic bewarb sie sich mit einem Entwurf und einem Kostenvoranschlag und
überzeugte.

Es ist Gargiulos zweiter Comic, und er ist gerade mal elf Seiten „lang". Die katalanischsprachige Gratisausgabe liegt in Bibliotheken aus. „Das ist natürlich wenig Platz für ein ganzes Leben", sagt die Illustratorin. Das Autoren- und Zeichnerteam beschränkte sich daher auf die wichtigsten Etappen: Catalinas Kindheit, die Bekanntschaft mit dem Erzherzog, die Reise auf seinem Schiff „Nixe" und ihr früher Tod im Alter von 36 Jahren.

Die Zusammenarbeit zwischen der Historikerin, dem Drehbuchschreiber und der Zeichnerin war sehr eng. Am Ende war es aber Gargiulos Aufgabe, den vorgegebenen Strichmännchen und Anweisungen mit dem feinen Pinsel Leben einzuhauchen. Zunächst am Computer, wo sie mit einem speziellen digitalen Stift direkt in ein digitales Programm zeichnete. Die ausgedruckten Skizzen waren die Grundlage für schöne Aquarellbilder auf Papier, die im nächsten Schritt wieder digital verarbeitet wurden.

Die Entwürfe wanderten mehrere Male zwischen Zeichnerin, Drehbuchautor und Historikerin hin und her, auf dass alles stimme. Damit ein Comic lebt, ist der Ausdruck der Figuren wichtig. „Sogar eine ´falsch´ gezeichnete Augenbraue musste mehrmals korrigiert werden", sagt Gargiulo. „Catalina Homar sollte in einer Szene erstaunt schauen, die Braue musste etwas steiler werden."

Catalina Homar konnte anfangs weder lesen noch schreiben, auf dem elterlichen Hof musste sie früh anpacken. Aber sie war intelligent und von einem ungeheuren Wissensdurst getrieben. Die Begegnung mit dem weltgewandten Erzherzog auf dessen Landgut war der entscheidende Wendepunkt in ihrem Leben. Die beiden fühlten sich zueinander hingezogen, teilten den Sinn für die „schönen Dinge" des Lebens, wie Sprachen und Poesie. Die Bereitschaft des Erzherzogs, Catalina auszubilden, machten aus der Bäuerin eine Frau, die mehrere Sprachen sprach und später weitgehend alleine das Gut s´Estaca leitete.

Flavia Gargiulo zeigt ihre Entwürfe in ihrem Atelier in Palmas Altstadt. Zig Zeichnungen in Schwarz-Weiß, andere in
Aquarell liegen auf dem Schreibtisch. Eine besondere Aufgabe sei es gewesen, das vorgegebene Thema „Die Stellung der Frau" aufzugreifen. Catalina Homar sollte als eine ­selbstbewusste und eigenständige Frau dargestellt werden. Flavia Gargiulo zeichnete sie daher bewusst als eine Figur, die mit Geld umgehen konnte und Verantwortung übernahm.

In dem Moment, in dem sich die junge Bäuerin und der Erzherzog zum ersten Mal etwas näher kommen, setzt Flavia Gargiulo denn auch eine entsprechende Pointe: Als der Erzherzog Catalinas schöne Stimme beim Singen lobt, ist sie anfangs überrumpelt. Als er wieder weg ist, sagt sie schüchtern, dass sie noch mehr Dinge könne, als nur schön singen. Die Hintergrundfarben, die Gargiulo für diese Szenen wählte, sind freundlich und hell.
Sogar die Kaiserin Sissi lernte Homar kennen. „Das war auch ein wichtiges Ereignis, das wir erzählen wollten", sagt Gargiulo. Das ehemalige Bauernmädchen, das nicht lesen und schreiben kann, und Sissi, mit der es für einen Moment auf Augenhöhe spricht, das sei etwas ganz Besonderes gewesen.

Gargiulo empfand viel Sympathie für die Hauptfigur des Comics. „Ich habe mich ihr verbunden gefühlt, eine einfache Frau, stellvertretend für viele Frauen der damaligen Zeit." Mit dem eigensinnigen Erzherzog wurde sie hingegen nicht recht warm. Von ihm gab es im Gegensatz zu Catalina Homar viele Bilder und Zeichnungen. Ihn in verschiedenen Positionen zu zeigen, sei nicht einfach gewesen.

„Der Erzherzog war widersprüchlich", bestätigt die Historikerin. „Typisch für viele Männer der Zeit. Er war einerseits
Aristokrat, und gleichzeitig fühlte er sich zum populären, einfachen Leben hingezogen." Sein Liebesleben war bunt, das gleiche Recht gestand er jedoch Catalina Homar nicht zu. Entsprechend brüsk war Catalinas „Abgang" von dem Schiff „Nixe", von dem der Erzherzog sie nach einem kleinen Techtelmechtel mit dem Kapitän verwies.
So spannend ihr kurzes Leben war, so düster endete es. Entsprechend grau und „ohne Worte", beziehungsweise ohne Bild, hat die Zeichnerin ihr Sterben dargestellt. „Wenn man am Ende des Comics weiß, dass Homar mehr als die Geliebte des Erzherzogs war, dann haben wir unser Ziel erreicht", sagt Gargiulo.

Auch die Historikerin ist mit dem Ergebnis sehr zufrieden. Aus wissenschaftlicher Sicht hätte sie Catalina vielleicht nicht so eindeutig an Syphilis sterben lassen – zu hundert Prozent gesichert sei dies nicht –, aber sonst findet sie die Geschichte dieser Frau wunderbar mit Worten und Bildern erzählt.

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