Pepe Carvalho als Comic: Chronik einer düsteren Zeit

Die berühmte Krimiserie gibt es nun gezeichnet: Der erste Band spielt im Barcelona der letzten Franco-Jahre

18.12.2017 | 01:00
Die Ermittlungen führen den Detektiv in das Rotlichtviertel von Amsterdam.

Pepe Carvalho ist eine literarische Figur, die ganz Spanien liebt. Die Erlebnisse des Privatdetektivs mit Faible für gutes Essen hat die Leserschaft über drei Jahrzehnte verfolgt. Dabei hat sie sich auch durch das Zeitgeschehen des Landes gelesen. Mehr als 20 Folgen sind erschienen. Vordergründig ist Carvalho darin Verbrechen auf der Spur, doch eigentlich ging es seinem Erschaffer Manuel Vázquez Montalbán (1939-2003) vor allem darum, den soziopolitischen Wandel seines Landes festzuhalten. Die Pepe-Carvalho-Serie ist zwischen 1972 und 2003 erschienen.

Nun hat sich der katalanische Comicverlag Norma den Helden wieder vorgeknöpft. Carvalho ist wieder auferstanden. Der Verfasser des Skripts, der Galicier Hernán Migoya, und Daniel Vázquez, der Sohn des Schriftstellers, beschlossen vor ein paar Jahren, die Comicreihe zu starten.


Preisgekrönter Comiczeichner

Als Zeichner wurde der Mallorquiner Bartomeu Seguí gewonnen, 2009 mit dem staatlichen Comicpreis ausgezeichnet und einer der besten des Landes. Seguí ist Zeichner anderer, ähnlich angelegter grafischer Romane: Auch „Las serpientes ciegas" (Die blinden Schlangen) und „Las oscuras manos del olvido" (Die dunklen Hände des Vergessens) mit Felipe Hernández Cava (2006, 2014) und „Historias del Barrio" mit Gabi Beltrán (2011) sind eher düstere Geschichten im urbanen Umfeld. Nun hat er die Szenen des Kriminalromans „Tatuaje" (Tätowierung) neu geschaffen.

Erschienen ist er 1974 als zweite Folge der Carvalho-Serie. In 15 Monaten hat er Hernán Migoyas Skript in Bilder gebannt, 80 Seiten hat das Buch. Es ist sehr nah am Original, nicht nur aus Respekt vor dem Autor, sagt Seguí, sondern auch vor den Fans. „Viele lieben Carvalho einfach", sagt Seguí, „da wollten wir niemanden enttäuschen."


Suche nach Identität

Erzählt wird Carvalhos Suche nach der Identität einer männlichen Leiche, die an den Strand von Barcelona gespült wird. Das Gesicht haben die Fische zerfressen, nur ein Tattoo kann Aufschluss über die Identität des Mannes ­geben. Carvalhos Auftraggeber ist der Besitzer eines Friseursalons. Der Detektiv kennt dessen Absichten nicht, aber da er gut zahlt, nimmt er den Auftrag an und die Leser mit in die Zeit der letzten Franco-Jahre.

„Die Epoche ist besonders attraktiv", erzählt Bartomeu Seguí, „ich kann mich an jenes Barcelona noch selbst erinnern." Seguí, geboren 1962 in Palma, hat in den 80er-Jahren in Barcelona gelebt. Enge Gassen, wenig Licht, zwielichtige Gestalten. „Das prä-olympische Barcelona" nennt Seguí dieses Szenario. „Vor den Olympischen Spielen waren die Hauswände noch schwarz", erzählt er, „Ende der 80er-Jahre begann dann die Aufhübschung." Das Ambiente der Bilder ist tatsächlich dunkel, oft sind die Szenen nur von einer schwachen Glühbirne oder einer gelblichen Straßenlaterne beleuchtet. Starke Kontraste, gedeckte Farben, harte Schatten prägen den Stil und vermitteln die Stimmung.


Chronik der Gegenwart

Die Stadt wirkt unsicher und hart. Der Comic ist bevölkert von Überlebenskünstlern, die hier und dort etwas mauscheln und sich irgendwie über Wasser halten. Dabei sind die Szenarien und Dialoge keine heutige, verklärende Interpretation jener Jahre. Der Comic ist deswegen so ansprechend, weil er auf einer Art Chronik der Gegenwart basiert. Vázquez Montalbán hat das Buch 1973 geschrieben und einfach seine Stadt und seine Zeit verarbeitet.

Wer sich in die Geschichte einliest, bemerkt bald, dass Carvalho mehr ist als ein Detektiv. Er ist ein Intellektueller, der so tut, als wäre er keiner. Seine Gedanken und Beobachtungen fließen in die Handlung mit ein, er ist kritisch und skeptisch, hat eine bewegtes Leben hinter sich und treibt sich mit Vorliebe im Rotlichtviertel und den engen Querstraßen der Rambla herum. Damals tobte dort noch das Stadtleben, heute drängeln sich dort die Touristen.

Seguí hatte große Freude an der Arbeit, denn er ist selbst Carvalho-Fan. „Er war der erste spanische Detektiv", sagt er, „mit ihm konnten wir uns identifizieren." In den kommenden fünf Jahre wird er in engem Kontakt mit der Figur bleiben, denn zwei weitere Bände sind geplant.

„Carvalho.Tatuaje", Manuel Vázquez Montalbán, Hernán Migoya /Bartolomé Seguí. Norma Editorial, 19,50 Euro.

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