Sie sorgt dafür, dass junge Spanier Flamenco hören

Die junge katalanische Sängerin Rosalía verbindet Hip-Hop-Ästhetik mit traditionellem Flamenco. Und hat ein fulminantes Debut veröffentlicht. Am Samstag (10.2.) tritt sie im Teatre Principal auf

09.02.2018 | 17:11
Haben den Flamenco wiederbelebt und sehen auch noch gut dabei aus: Rosalía und Raül Refree.

Ihre Songs handeln vom Tod. Von Trauer. Von Vergänglichkeit. Und dennoch hat die 24-jährige Sängerin Rosalía Vila, bekannt unter ihrem Vornamen, mit ihren Liedern eine Generation eingefangen, die wie wenige andere für Oberflächlichkeit und Wegwerfkultur steht.

„Diese Twentysomething ist dafür verantwortlich, dass Millenials Flamenco hören", titelte vor knapp zwei Wochen das Lifestylemagazin „Icon". Das ist natürlich eine übertriebene, typische SEO-optimierte Internetüberschrift, aber tatsächlich hat die Sängerin aus dem kleinen katalanischen Dorf Sant Esteve Sesrovires in der stickigen Welt des Flamenco ein Fenster aufgemacht, durch das mal gut durchgelüftet wird.

Fast genau ein Jahr ist es her, dass Rosalía ihr Albumdebüt „Los Ángeles" veröffentlicht hat. Entstanden in Koproduktion mit Raül Refree, einem der bekanntesten Musikproduzenten und Multi­instrumentalisten des Landes, bekam sie damit begeisterte Kritiken. Am Samstag (10.2.) stellt Rosalía es, begleitet von Raül Refree an der Spanischen Gitarre, im Teatre Principal in Palma vor.

Die junge Sängerin erfindet den Flamenco dabei nicht unbedingt neu. Tatsächlich stammen die meisten Songs auf „Los Ángeles" aus der Feder anderer Autoren, sind Klassiker dieser Musikrichtung. In gewisser Weise setzt Rosalía die Tradition einer jeden Folklore fort, althergebrachtes Liedgut und Melodien zu übernehmen und in etwas Zeitgemäßes zu verwandeln. In diesem Fall sind es die minimalistischen, aber zugleich cleveren Arrangements sowie der Gesang Rosalías, die die Songs so aufregend machen.

Sie habe die Stimme einer alten Frau, befand Pepe Habichuela, einer der großen Meister der ­Flamenco-Gitarre. Rosalía weiß dies als das Kompliment zu verstehen, als das es gemeint ist. „Im Flamenco gilt das Alter als Auszeichnung", sagte sie in einem Interview mit dem Fernsehsender „Movistar 0". Es stehe für Erfahrung.


Einstiegsdroge Camarón

Dass die Sängerin aus Katalonien stammt, sollte nicht verwundern. Neben Andalusien ist die Region im Nordosten des Landes einer der Hauptlieferanten für qualitativ hochwertigen Flamenco. Carmen Amaya, Miguel Poveda, Montse Cortés oder Mayte Martín, die im November 2016 im Teatre Principal auftrat, sind nur einige Beispiele für die lange Tradition, die der Flamenco in Katalonien und vor allem in Barcelona hat.

Aber Rosalías Leidenschaft kommt nicht direkt aus dieser Tradition. Bei ihr zu Hause hat niemand Flamenco gehört. Sie sei 13 Jahre alt gewesen, als sie zum ersten Mal diese Musik hörte, erzählt Rosalía in verschiedenen Interviews. Es sei nach der Schule gewesen, Freunde hätten in einem Park das Autoradio laut aufgedreht. Es waren Lieder von Camarón de la Isla. Dem legendären Sänger also, der Anfang der 70er-Jahre dem traditionellen Flamenco neues Leben einhauchte.

Doch bevor sie das Meisterwerk „Los Ángeles" aufnehmen konnte, hieß es büffeln. Sie fing an, Unterricht am Taller de Musics und später an der Höheren Musikschule Kataloniens, Esmuc, zu nehmen. Ihr Lehrer war Chiqui de la Línea, ein bekannter cantaor, wie die Sänger im Flamenco genannt werden, der bürgerlich José Miguel Vizcaya heißt. „Ich glaube, dass man ein Genre sehr gut kennen muss, um etwas Neues beizutragen", wird die Sängerin in einem Interview zitiert.

Die Hingabe und Begeisterung für die Musik hat dabei nicht dazu geführt, dass die junge Sängerin den Klischees verfällt. Das gilt vor allem für die Ästhetik. Statt abgestandener Tracht trägt Rosalía auch gerne mal einen Trainingsanzug. Oder präsentiert sich in Blue Jeans mit bauchfreiem Top. In einer Modestrecke für die Januar-Ausgabe der spanischen „Glamour" hat sie für das Fotografen-Duo Estevez & Belloso zudem ihre Qualitäten als Fashion Model bewiesen. „Ich glaube, man sollte sich gerade in diesen Zeiten nicht verstellen", sagte sie gegenüber „Movistar 0". „Die Ästhetik spiegelt wieder, wer ich bin, mein Alter und meine Vorlieben." Über den Tod zu singen, bedeutet für Rosalía nicht, dass man auch wie dieser aussehen muss.

John Coltrane und Guns'n'Roses

Diese Offenheit zeigt sich übrigens auch auf musikalischer Ebene. Im Sommer 2016 nahm sie mit dem spanischen Trap-Sänger C. Tangana den Hit „Antes de morirme" (Bevor ich sterbe) auf. Überhaupt hätten sie bei den Aufnahmen zum Album viel Trap gehört, eine ursprünglich aus dem Hip-Hop hervorgegangene, unter Jugendlichen sehr angesagte Musikrichtung, erzählt der 42-Jährige Refree dem Magazin „El País Semanal". „Rosalía hat einen starken Bezug zum Underground." Das sieht man auch ihrem in Los Angeles aufgenommenen Videoclip zum Song „ De Plata" an. In seiner Ästhetik erinnert er eher an ein Hip-Hop-Video. Was im Übrigen keinen Bruch mit der Musik darstellt. Ansonsten kann Rosalía genauso qualifiziert über Guns'n'Roses wie über John Coltrane sprechen.

Rosalía widerlegt das Vorurteil, dass die Generationen, die mit dem Internet aufgewachsen sind, eher kommerziellen Klängen verfallen. „Meine Generation kann Flamenco genauso schätzen lernen wie andere Musikrichtungen", sagte Rosalía dem Magazin „S Moda". Die Offenheit zahlt sich aus. Im Juni ist die Sängerin als eine der wenigen Genre-fremden Acts für das populäre Elektro-Festival Sónar in Barcelona gebucht.

Und so kann sie es sich auch leisten, auf dem Album eine Reverenz auf die US-Popkultur darzubieten: Ein Cover des Songs „I See A Darkness", des aus Kentucky stammenden Barden Bonnie „Prince" Billy. Wobei der US-Youtube-Musikkritiker Anthony Fantano (theneedledrop) in seiner Rezension von „Los Ángeles" den Song aufgrund seiner etwas plumpen Instrumentierung als einer der schwächeren des Albums ausmachte.

Ein viel eindrucksvolleres Beispiel, was Rosalía und Raül Refree mit dem Flamenco veranstalten, ist „Catalina", ein Lied aus der Feder von Manuel Vallejo (1891–1960). Bei Youtube kann man die Originalversion und die von Rosalía vergleichen. Mal treibend, dann wieder explodierend, gibt Refrees Gitarre dem Lied eine Struktur vor, anstatt wie bei Vallejo nur den Gesang zu begleiten. Rosalías warme Stimme schafft es, den Schmerz in Töne zu fassen, ohne in ekstatisches Geschrei auszubrechen. Und dann singt sie die wunderbare, tragisch-komische Zeile: „Y a Alemania me voy / Y no a divertirme / A tomar un veneno/ Yo quiero morirme" (Und nach Deutschland gehe ich / nicht um Spaß zu haben / Um ein Gift zu nehmen / Ich will sterben).

Rosalía & Raül Refree, Teatre Principal, 10.2., 20 Uhr, Karten 8 bis 20 Euro unter www.teatreprincipal.com

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