Die Hüterin der verlorenen Flötentöne

23-12-2008  
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Täglich sitzt Carme Hermoso in ihrem Atelier in Algaida und stellt Okarinas her.  Foto: Hofer

Carme Hermoso aus Algaida ist Mallorcas einzige diplomierte Okarina-Herstellerin. Die Flöten zählen zu den ältesten Musikinstrumenten der Menschheit

KARL HOFER Sie ist weder Chefin einer gefährdeten Großbank noch Vorsitzende eines maroden Bauunternehmens. Dass sie trotzdem meisterhaft aus dem letzten Loch pfeift und dazu auch gleich noch aus neun daneben aufgereihten, hat mit ihrer Tätigkeit zu tun: Carme Hermoso (53) ist die einzige diplomierte Okarina-Herstellerin Mallorcas und hat diesem fast vergessenen alten Musikinstrument auf der Insel buchstäblich neues Leben eingeblasen.

In ihrer Urform ist die zur Familie der Schnabelflöten gehörende Okarina eine Veteranin in mehr als biblischem Alter. Sie dürfte schon vor 10.000 Jahren im Gebrauch gewesen sein. Bei den Mayas, Inkas und Azteken wurde sie normalerweise als Vogel geformt, im alten Kaiserreich China als Ei. Sie fand in vielen Regionen dieser Welt Eingang – und verschwand später aus unerfindlichen Gründen praktisch total in der Versenkung.

Vor gut 150 Jahren verhalf ihr der italienische Tonbrenner und Musiker Giuseppe Donati zu einer erstaunlichen Renaissance. Nach alten Darstellungen schuf er eine neue Version mit zehn verschiedenen Grifflöchern für das Spielen mit beiden Händen. Sein Werk taufte er aus unerfindlichen Gründen Ocarina, was in italienischer Sprache „Gänschen“ bedeutet. Die kleinen tönenden Gänse zeigten großen Vorwärtsdrang, traten einen Siegeszug in der alpenländischen und mediterranen Volksmusik an und fühlten sich auch auf Mallorca rasch heimisch.

So populär wurde die tönende bauchige Gefäßflöte auf der Insel, dass sie schon Jahrzehnte später in spezialisierten keramischen Betrieben in Palma, Manacor und Bunyola in großen Serien hergestellt werden musste. In den Dörfern erkämpfte sie sich ihren festen Platz im Kreis der anderen traditionellen Volksmusikinstrumente, zu denen beispielsweise der Dudelsack, die Hirtenflöte aus Holz und das Tamburin gehören. Sie wurde aber oft auch allein eingesetzt.

Der aus Esporles stammende Pate von Carme Hermoso erinnert sich, um 1920 herum in seinem Dorf Konzerten von Okarina-Gruppen beigewohnt zu haben. Der Bürgerkrieg ließ die Gefäßflöte in Mallorca von der Bildfläche verschwinden. Ähnlich wirkte sich im alpenländischen Bereich der Zweite Weltkrieg aus. Doch erneut hatte das unscheinbare tönende Toninstrument Glück. Ein Volksmusiker aus Südtirol verhalf mit einigen Gleichgesinnten aus umliegenden Ländern der Okarina zu einem erneuten Comeback. Eingeläutet wurde es von einem ersten internationalen Treffen, das auf großen Widerhall stieß und der bauchigen Tonflöte viele neue Freunde in aller Welt zuführte.

An einer solchen Zusammenkunft, die seit 15 Jahren regelmäßig stattfinden, nahm kürzlich gar eine 38-köpfige Delegation von Okarinaspielern aus japanischen Großstädten teil, was in einem längeren Bericht des Bayerischen Fernsehens ganz besonders hervorgehoben wurde.

Auch auf Mallorca verdankt die Okarina ihr (zweites) Überleben einer Handvoll Idealisten mit einer ausgeprägten Liebe zur Volksmusik. Zu ihnen gehört beispielsweise der Arzt Jesús Palazón. Er trug eine große Sammlung von Volksmusikinstrumenten zusammen und stellte zudem eigenhändig geformte Okarinas her. Neue entscheidende Geburtshilfe leistete jedoch vor allem der Keramiker Benet Mas. Vom Musiker Gori Negre dazu angeregt, begann er mit Hilfe von alten Modellen, die er in einem Museum auftrieb, Okarinas in Serie zu produzieren.

An die Ateliertüre dieses Mannes klopfte vor mehr als 20 Jahren Carme Hermoso, eine künstlerisch begabte Einheimische. Sie hatte sich in verschiedenen kunstgewerblichen Richtungen ausgebildet, ihre richtige Erfüllung im Berufsleben jedoch nicht gefunden. Bei Benet Mas lernte sie, Okarinas herzustellen und wusste mit einem Male, dass sie angekommen war, ihren Platz und ihre berufliche Aufgabe gefunden hatte. Als ihr Lehrmeister l987 starb, führte sie die Okarina-Produktion weiter und hat in den 21 Jahren seither Tausende dieser Flöten aus Ton hergestellt.

Sie verkauft sie das Jahr über auf großen Fachveranstaltungen wie der Tonmesse in Marratxí, dem Dudelsacktreffen in Sa Pobla, der Anfang Dezember stattgefundenen BaleArt in Palma sowie auf zwei ähnlichen Messen in Katalonien. Dazu haben einige bekannte Musikgeschäfte in Palma und Pollença ihre Instrumente im Angebot.

„Für meine Okarinas“, erläutert Carme Hermoso, „verwende ich Ton aus Katalonien, weil er keinen Kalk enthält und sich deshalb besser eignet.“ Angeliefert wird das fertig geschlemmte Rohmaterial in Blöcken von je zwölf Kilogramm. Nach dem Auswalzen bohrt Carme mit der Hilfe von Schablonen die Löcher an den richtigen Stellen. Nach zahlreichen weiteren Arbeitsgängen werden die Tonformen in einem Gasofen bei 1.100 Grad Celsius fünf Stunden lang gebrannt. Später gilt es, das Mundstück zu öffnen und das Instrument zu stimmen, wozu es ein feines Musikgehör und feine Hände braucht, da Tonabweichungen bereits durch minimale Veränderungen der Lochgrößen erreicht werden.

Vor sechs Jahren meldete sich Carme Hermoso bei der Industrie- und Handelskammer für die Meisterprüfung an, bestand sie mit Auszeichnung und ist seither die einzige Maestra artesana con oficio de ocarinera der Balearen. Und weil sie im Leben gern Nägel mit Köpfen macht, formt sie nicht nur meisterlich Okarinas, sie hat sie ebenso meisterlich spielen gelernt. „Bisheriger Höhepunkt war ein Konzert, bei dem ich zusammen mit Bernat Cabero und Catalina Vich am 12. August 2006 in der Kirche von Barquera in Kantabrien auftrat. Wir setzten eine Sopran-, eine Tenor- und eine Bass-Okarina ein und spielten ausschließlich sakrale Werke aus dem 15. und 16. Jahrhundert“, erzählt sie. Ein Wunsch von Carme wäre, dass die Okarina eines Tages als Instrument für den Musikunterricht an den öffentlichen Schulen Mallorcas Beachtung findet.

„Die Tonflöte“, sagt Hermosa dazu mit leuchtenden Augen, „ist ein einfaches Instrument, das mit seinem tragenden Klang anspricht, als Soloinstrument oder zusammen mit anderen Instrumenten einsetzbar ist und damit der heranwachsenden Generation die Türen zur Musik und ein Stück weit wohl auch zu den Herzen der Mitmenschen öffnen kann.“

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