Wie Mallorca auf den "café con leche" kam

09.01.2009 | 13:12
Can Verdal, Sa Pobla. Auch abseits bekannter Kaffeehäuser wie dem Bosch in Palma lebt die Café-Tradition weiter.
Can Verdal, Sa Pobla. Auch abseits bekannter Kaffeehäuser wie dem Bosch in Palma lebt die Café-Tradition weiter.

Sollten Sie zu jenen Mallorca-Gästen gehören, die morgens zur Weckung der Lebensgeister eine oder zwei Tassen Kaffee mit Milch benötigen, befinden Sie sich in sehr guter Gesellschaft: Für den Großteil der Einheimischen ist der café con leche ebenfalls ein unverzichtbares Morgenritual - ein Beweis dafür, wie sehr sich die gerösteten Kaffeebohnen über die Grenzen hinweg zu internationalen Muntermachern aufgeschwungen haben. Sage und schreibe 400 Milliarden Tassen Kaffee werden jedes Jahr auf unserer Erde getrunken. Vergleicht man den Kaffeekonsum in den europäischen Ländern miteinander, findet man erstaunlicherweise die Finnen in der Poolposition. Die Spanier halten mit 599 pro Einwohner und Jahr getrunkenen Tassen Kaffee einen beachtlichen Mittelfeldplatz.

Wie das Kaffeetrinken den Weg von den Arabern in den Westen fand, ist nicht eindeutig geklärt. Sicher ist nur, dass sich anfangs der Vatikan, weltliche Obrigkeiten und auch allerlei Ärzte dem "heidnischen Türkentrank" entgegenstemmten, ihm beispielsweise unterschoben, er verkürze die Lebensdauer oder er gefährde die weibliche Moral.

Alle Drohungen und Verbote fruchteten indessen nichts. In den Volksschichten zahlreicher Länder hielt der Kaffee Einzug. Schon bald entdeckte ihn auch Europas geistige Elite, erhob ihn flugs zu ihrem Kultgetränk und schuf ihm seine Tempel. 1437 öffnete das erste Kaffeehaus Europas in London seine Türen. Paris, Rom, Venedig und andere Großstädte folgten mit ähnlichen Lokalen, in welchen sich noble Herren in Zirkeln zusammenfanden, Kaffee schlürften, gelehrt über Gott und die Welt, Literatur und Politik, Anständiges und weniger Anständiges debattierten und den Frauen den Zutritt verwehrten. Wien hinkte nach, holte jedoch mit Riesenschritten auf und entwickelte sich zum Mekka der europäischen Kaffeekultur. Um 1890 gab es in der Stadt an der Donau 600 Kaffeehäuser, gemäß dem leicht maliziösen Literaten Alfred Polgar "Orte, in denen Leute sitzen, die allein sein wollen, aber dazu Gesellschaft brauchen".

In Spanien fasste das Kaffeetrinken ab dem 18. Jahrhundert Fuß. Nach mitteleuropäischem Muster entstanden in zahlreichen Städten Kaffeehäuser. Vor allem Madrid entwickelte sich zur Kaffee-Hochburg. In den neuen Etablissements, die sich vornehm Salons nannten, war die betuchte Gesellschaft unter sich. Doch zu ihrem Leidwesen schlichen sich, wie ein Chronist berichtet, "auch Verschwörer, Revolutionäre und Spione ein". Nach 1860 spezialisierten sich in der spanischen Hauptstadt zahlreiche dieser Lokale: Die einen wurden zu Theatercafés, in welchen Schauspieler regelmäßig aus ihren Rollen rezitierten, in Musikcafés traten dagegen Interpreten klassischer Musik oder Flamenco-Gruppen auf.

Die pompöse Eröffnung vom Grand Hotel an der Plaça de Weyler in Palma läutete im Jahre 1903 auf Mallorca die neue (Kaffeehaus-) Zeit ein. In diesem ersten Luxushotel auf dem ganzen Archipel stand ein Café nach ausländischem Vorbild zu Diensten, in dem sich der vererbte und ebenso der Geldadel, reiche Globetrotter und Palmas Künstler zwei Jahrzehnte lang ein Stelldichein gaben. Hier sah man den Erzherzog Ludwig Salvator mit dem Maler Santiago Rusiñol plaudern, später war manchmal auch Schriftsteller Robert Graves zu Gast. In der Umgebung entstanden rasch weitere Kaffeehäuser. 1905 beispielsweise das noch heute existierende Café Central, in dem in den ersten Jahrzehnten vor allem Journalisten, Schauspieler und Künstler verkehrten. Nicht selten soll in diesem Lokal nach Madrider Vorbild rezitiert und musiziert worden sein.

In den Landwirtschafts-Regionen Mallorcas blieben die Dorfbewohner an den Fest- und Feiertagen aus dem einfachen Grund bei der traditionellen Tasse Kakao, weil das Geld für Bohnenkaffee fehlte. Dagegen klimperte es dort, wo Industrie aufzukeimen begann, etwas lockerer im Sack. Impulse von außen ebneten in solchen Inselgebieten dem Kaffee das Terrain, wie ein Beispiel aus Llucmajor belegt. Ein zu Reichtum gekommener Argentinien-Heimkehrer eröffnete Anfang des 20. Jahrhunderts im damals stark aufstrebenden Schuh- und Lederzentrum das noch heute existierende Café Colón und richtete 1926 im Lokal eine für die damalige Zeit unerhörte Neuerung ein: eine Kaffeemaschine. Aus der ganzen Umgebung strömten Neugierige herbei, um das glänzende dampfende Maschinenwunderwerk zu bestaunen - es leistete dem Kaffeekonsum in der Region Migjorn kräftig Schützenhilfe.

Die ab den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts Mallorca als Badeferienziel entdeckenden Touristen tranken in den ersten Jahrzehnten auf der Insel oft himmeltraurigen Kaffee. Was in der Rückschau nicht den Hoteliers und Barbesitzern, sondern dem Caudillo anzukreiden ist. Denn während der ganzen Franco-Diktatur blieb der Kaffeehandel in Spanien verstaatlicht und wurde durch vielerlei Vorschriften bedrängt und eingeschränkt. Beispielsweise war das Mischen bestimmter Sorten verboten, ebenso das Verkaufen von gemahlenem abgepacktem Kaffee. Was dazu zwang, ihn in kleinen regionalen Zentren zu rösten. Die Mengen und Qualitäten, die verarbeitet werden durften, bestimmte ein staatliches Kommissariat. 1980 kam dann die Liberalisierung, die den Weg zu besserem Kaffee öffnete. Initiative Firmen investierten in neue Technologien wie etwa das Vakuumverpacken und begannen zu expandieren. Etliche Röstbetriebe konnten nicht mithalten und gingen ein, andere dagegen bauten aus.

Auf den Balearen schaffte das Unternehmen Café Rico den Durchbruch zum Branchenführer. Hauptsitz und Rösterei der 1959 gegründeten Firma befinden sich in Palma, dazu kommen Verkaufsbüros auf Menorca, Ibiza und Formentera. "Wir verarbeiten durchschnittlich an jedem Arbeitstag vier Tonnen Roh-Kaffee", sagt der kaufmännische Direktor Román Dauden. "Der grüne Kaffee, den wir von spanischen Großhändlern in sieben bis acht verschiedenen Sorten beziehen, wird per Schiff angeliefert und kommt vom Hafen aus in Containerlastwagen zu uns."

Im großen Silo vor der Firma können 144.000 Kilogramm Kaffeebohnen eingelagert werden. Sie reinigt und röstet man in verschiedenen Arbeitsgängen, anschließend füllt man das Kaffeepulver mittels Computerprogrammen vollautomatisch ab. "Natürlich haben wir auch torrefacto im Sortiment", erläutert Román Dauden. "Die Torrefacto-Mischung lieben viele Spanier und Portugiesen sehr. Sie besteht zu 80 Prozent aus normal geröstetem und zu 20 Prozent aus Kaffee, dem man während des Röstvorgangs etwas Zucker zusetzte."

Dabei gibt´s natürlich auch ein Leben ohne Bohnenkaffee. In den Weltkriegsjahren und ebenso im Spanischen Bürgerkrieg war er praktisch ganz von der Bildfläche verschwunden. Man versuchte damals, so wie in früheren Notzeiten, aus Getreide, Malz, Feigen, Rosskastanien, Pflanzenwurzeln, Rüben und viel anderem Surrogate herzustellen. Román Dauden erinnert sich, dass seine Großeltern in den Bürgerkriegsjahren aus Hafer und Zichorie einen solchen Kaffee-Ersatz brauten. Auf Mallorca rösteten die Landbewohner zeitweise gar wilden Spargel, Artischocken oder Traubenkerne, aus Johannisbrot-Schoten entstand der schon fast legendäre Karuben-Kaffee.

Solche jetzt nach modernsten Erkenntnissen geröstete Ersatzkaffees findet man noch immer in den Regalen zahlreicher Geschäfte auf der Insel. Beispielsweise hat Mercadona den spanischen Getreidekaffee El Árbol aus Zichorie und pflanzlichem Öl oder das Nestlé-Produkt Ek Natural auf der Basis von Gerste, Malz und Roggen im Angebot. Im Deli-Laden in Santa Ponça wird Caro angeboten, ein in Deutschland produzierter löslicher Kaffeeersatz aus Gerste, Gerstenmalz, Zichorie und Roggen. Diese und andere ähnliche Produkte dürften, da sie kein Koffein enthalten, in erster Linie Herzkranken mit hohem Blutdruck sowie Schwangeren und stillenden Müttern dienen. Ihnen allen wird bekanntlich vom Koffein abgeraten.

Ob abgesehen von solchen Spezialfällen das Trinken von Bohnenkaffee generell gesundheitsfördernd oder schädlich ist, scheint nach wie vor nicht eindeutig geklärt zu sein. Es gibt dazu vermutlich mehr medizinisch-wissenschaftliche Untersuchungen als Kaffeesorten. Leider widersprechen sich die ermittelten Ergebnisse oft diametral. Tendenziell lässt sich immerhin herauslesen, dass von der modernen Medizin ein Kaffeekonsum von einer bis drei Tassen am Tag als zuträglich und eher gesundheitsfördernd gewertet wird. Von einem übermäßigen Konsum wird dagegen lautstark abgeraten. Was der berühmte Voltaire vor mehr als 300 Jahren überhört haben dürfte. Der Wegbereiter der französischen Revolution soll, so wird berichtet, täglich 70 Tassen Bohnenkaffee getrunken haben - und trotzdem ist er der Welt 84 Jahre lang gesund und munter erhalten geblieben.

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