Heimat der Palmwedel

02-04-2009  
Im Atelier der Familie Serrano Valero herrscht vor dem Palmsonntag Hochbetrieb.
Im Atelier der Familie Serrano Valero herrscht vor dem Palmsonntag Hochbetrieb.  Foto: Hofer

KARL HOFER Zum Palmsonntag gehören überall in Spanien und natürlich auch auf Mallorca die weißgelben Palmwedel. Sie erinnern die christlichen Gläubigen an den Einzug von Jesus in Jerusalem, werden in den Prozessionen zu Beginn der Karwoche mitgetragen, in der Kirche gesegnet, später zu Hause am Fensterbrett oder Balkongeländer befestigt und sollen Glück und Gottes Segen bringen. Ganz Spanien bezieht diese Palmsonntags-Attribute aus einleuchtendem Grund aus Elche: In dieser Stadt in der Provinz Alicante an der Costa Blanca befindet sich der größte Palmenhain ­Europas mit 200.000 Dattelpalmen.

Wie Elche zu seinen auf der spanischen Halbinsel ursprünglich nicht heimischen Dattelpalmen gekommen ist, weiß niemand so richtig zu sagen. Gemäß den Historikern des Ortes leisteten Karthager, Phönizier und dann vor allem die Araber tüchtige Geburtshilfe und schufen mit Bewässerungssystemen versehene Dattelpalmengärten, die viele Jahrhunderte die Landbesitzer leidlich ernährten. Als im März 1871 der spanische König Amadeo I. das damals 20.000 Einwohner zählende Elche besuchte, gab es hier sage und schreibe eine Million Dattelpalmen. Eine Idylle auf Zeit, denn die sich ankündende Industrialisierung und die in ihrem Schlepptau einsetzende Bautätigkeit begannen die Palmenparzellen rasch zu dezimieren. Zudem raubte der Siegeszug des Plastikmaterials den huertos, wie man die Palmengärten in Elche nennt, einen wichtigen Teil ihrer Wirtschaftlichkeit, weil das Palmmaterial, aus dem Generationen von Bewohnern Körbe geflochten und Besenwedel oder Zaunmatten hergestellt hatten, rasch an Bedeutung verlor.

Überdies ließen bessere Verdienstmöglichkeiten in den neuen Fabriken das Interesse an der arbeitsintensiven und nicht ungefährlichen Dattelernte weiter schwinden. Viele huertos wurden abgeholzt, hatten der Aufbruchstimmung zu weichen. Glücklicherweise gab es weitsichtige Mahner, die 1933 erste Hilfsmaßnahmen erwirken konnten. Seit 1986 ist der Palmenhain von Elche durch Dekret der Landesregierung von Valencia unter Schutz gestellt, im Jahre 2000 wurden er von der Unesco zum Kulturgut der Menschheit erklärt.

Dass sich die Stadt sukzessive zum landesweiten Lieferanten gebleichter Palmwedel entwickelte, ist verständlich: Man hat hier das benötigte „Pflanzen-Rohmaterial“ ja direkt vor der Haustüre. 50 Männer des Gartenbauamtes von Elche sind ganzjährig mit den Dattelpalmen im historischen Teil des Ortes beschäftigt. Zu ihrer wichtigsten Aufgabe das Jahr über gehört das Bereitstellen der weißen Palmsonntagszweige. „Im Frühjahr“, erläutert Chef José Pinta Herrera, „werden die Palmkronen vieler ­Dattelpalmen von unseren Spezialisten nach überliefertem Verfahren vorerst mit geschnittenen Zweigen anderer Palmen umgeben und dann zusammengebunden. Sie können weiter wachsen und atmen, bleichen jedoch mangels auftreffendem Licht nach und nach aus.“

In den Monaten Oktober, November und Dezember lösen die Arbeiter die schützenden Hüllen, schneiden die Baumkronenzweige ab und sortieren sie am Boden nach ihrer Größe. Nach der Reinigung legt man sie zwei Tage in Chlorwasser, bringt sie anschließend in eine feuchte Dunkelkammer und stellt sie in ein zehn Zentimeter tiefes Wasserbad mit Schwefelzusatz, das den Bleichvorgang zusätzlich verstärkt. In diesem Raum bleiben die Palmzweige, bis sie schließlich die erwünschte weißgelbliche Tönung aufweisen und weiterverarbeitet werden können.

Wochen vor der Semana Santa, der in ganz Spanien festlich-feierlich begangenen Karwoche, beginnen sich in Elche geschickte und geübte Frauenhände der gebleichten Zweige anzunehmen. Sie stellen viele tausend einfache Palmwedel (risas) und zahllose geflochtene Kunstwerke (rizadas) her, die vor dem Palmsonntag an die Abnehmer in allen Teilen Spaniens ausgeliefert werden. In früheren Zeiten wurde das Flechten von Palmmaterial in den Großfamilien von Generation zu Generation weitergegeben. Heute gibt es diese Großfamilien kaum mehr. Um zu verhindern, dass die überlieferte Volkskunst ausstirbt, unterhält Elche deshalb das ganze Jahr über in einem Palmengarten-Gebäude ein kunstgewerbliches Atelier, in dem die hauptamtliche Flechtlehrerin María Concepción kleine Gruppen unterrichtet. Es sind vor allem jüngere Frauen, die sich einführen lassen. Nach Abschluss dieses Basiskurses kann man einfache lisas herstellen.

Für größere und mit viel Flechtwerk geschmückte Palmsonntagszweige braucht es dagegen einen längeren Anmarschweg und jahrelange Erfahrung. Es gibt in Elche einige berühmte Familien, welche die rizadas zu eigentlichen Kunstwerken formen. Viele ihrer Arbeiten sind an der Palmsonntagsprozession im Ort zu sehen. Ein Fachkollegium juriert und prämiert jedes Jahr die schönsten und künstlerisch wertvollsten Einzelstücke, herausragende Exemplare übernimmt die Gemeinde und zeigt sie in speziellen Ausstellungen. Beispiels- weise sind in einem Schaukasten in der Abflughalle des Flughafens Alicante einige nahezu drei Meter hohe Exemplare dieser Volkskunst zu bewundern. Eine Sonderklasse im illusteren Kreis der besten Elcher Flechterdynastien stellt die Familie Serrano Valero dar. Sie erhält von der Stadt seit Jahren regelmäßig einige Monate vor Ostern den ehrenvollen Auftrag, kunstvolle Palmwedel für das spanische Königspaar, für den Papst, den Bischof von Orihuela, den Erzbischof von Toledo und andere Prominente zu kreieren.

Im Jahre 1960 erklärten in einer Umfrage 92 Prozent der spanischen Jugendlichen, sie seien praktizierende Katholiken. 30 Jahre später waren es nur noch 37 Prozent. Der Einfluss der Kirche hat seither weiter abgenommen, was sich an zahlreichen religiös motivierten Festen und teilweise auch an der Karwoche ablesen lässt. Werner Herzog, lang Zeit Spanienkorrespondent zahlreicher renommierter deutschspracher Zeitungen, stellte schon vor einigen Jahren zur „Semana Santa“ fest: „Die alten Prozessionen sind geblieben, aber viele Einheimische beginnen sie wie Touristenattraktionen zu besuchen.“

In einem neueren Polyglott-Reiseführer liest man zum Thema: „Die Karwochenprozessionen mit ihren aufwendigen Heiligenfiguren vor allem in Andalusien sind heute weniger Trauerzüge zu Ehren des verstorbenen Heilands als vielmehr Feste des Frühlings und des wieder erwachenden Lebens nach der Winterkälte.“ In Palma spürt man allerdings wenig von solcher religiöser Lockerheit. Zu dumpfem Trommelschlag bewegen sich die Prozessionen in der Karwoche durch die schweigenden Zuschauerspaliere. „Die Stimmung ist ernst in diesen Tagen auf Mallorca“, notierte eine Journalist vergangenes Jahr leicht sarkastisch. Die zunehmende Distanz zur Kirche hat indessen dem Palmwedel-Brauchtum nichts anhaben können. Es steht ganz im Gegenteil hoch in der Gunst der Einheimischen. In Elche gibt man stolz zu Buche, dass etliche Regionen des Landes von Jahr zu Jahr mehr Palmsonntags-Flechtwerk bestellen. Mallorca gehört zu ihnen. Allein in der ciutat dürften dieses Jahr 6.000 gebleichte Palmwedel aus unterschiedlicher Motivation heraus Abnehmer finden: Für die meisten älteren Einheimischen symbolisieren sie Tod und Auferstehung von Jesus. Für nicht wenige junge Mallorquinerinnen und Mallorquiner sind sie dagegen Bestandteil einer sich wandelnden Tradition und mutierten vielfach zu profanen Glücksbringern.

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