Zweitwohnsitz Estellencs

03-09-2009  
Estellencs schläft an diesem Vormittag den Fiesta-Rausch aus.
Estellencs schläft an diesem Vormittag den Fiesta-Rausch aus.  Foto: Jutta Christoph

JUTTA CHRISTOPH Der Ausflug beginnt mit einer Panne. Einer journalistischen Panne. Ich stehe auf der Hauptstraße von Estellencs und lausche den Erzählungen von María Pérez Castillo. Die 79-Jährige wohnt seit 70 Jahren in dem 388 Einwohner zählenden Dorf an der Westküste Mallorcas, das sich zwischen Andratx und Banyalbufar an die terrassenförmigen Ausläufer der Tramuntana schmiegt.

María, wie ich sie nennen darf, steht gestikulierend und in Kittelschürze vor ihrem Hauseingang, die gehäkelten Gardinen in den Scheiben umrahmen ihre Gestalt wie ein Passepartout. „Seit gestern ist fiesta im Dorf und ich hab einen ganzen Teller frito gegessen. Na ja, davon werd ich wohl nicht gleich sterben, wenn ich einmal im Jahr dieses frittierte Zeug esse, ansonsten trinke ich ja nur koffeinfreien Kaffee, aber der ist gerade alle, sonst hätte ich dich auf eine Tasse eingeladen.“

Ich nicke und krame in meiner Handtasche nach einem Kugelschreiber. María fährt fort. „Mein Großvater starb in einem Bergwerk bei Sevilla und mein Vater wollte auf keinen Fall dasselbe Schicksal erleben. Also zog er 1939 mit seiner Familie nach Mallorca und verdiente sein Geld im Straßenbau. Ich war damals neun Jahre alt. Zum Wäschewaschen traf sich meine Mutter immer mit den anderen Frauen aus dem Dorf am öffentlichen Waschplatz. Ich habe dort auch noch einige Jahre meine Wäsche gewaschen. Das Wasser sprudelt aus der Bergquelle Son Fortuny, das ganze Dorf lebt von diesem Wasser. Es strömt bis zum Meer hinunter, wo man sich unter dem Quellwasser abduschen kann.“

Ich untersuche jeden Winkel meiner Handtasche. María fährt fort. „Am Meer war ich ja seit zehn Jahren nicht mehr, aber ich bin schon froh, dass ich die Knie-Operation überlebt habe und keine Prothese tragen muss. Schau dir das mal an.“ Sie zeigt mir ihr linkes Knie, ich stecke den Kopf tief in meine Tasche. „María, ich habe meinen Kugelschreiber vergessen!“

Wir gehen zusammen in die Apotheke, María muss eine neue Tube Voltaren kaufen, ich brauche etwas zum Schreiben. Die Apothekerin Magdalena Carbonet hat die farmacia vor zehn Jahren gekauft, sie pendelt täglich zwischen Estellencs und Palma, wo sie mit ihrer Familie wohnt. „Die Leute im Dorf sind so nett, ich mag die familiäre Atmosphäre in Estellencs. Nur der Winter kann hier manchmal lang werden.“ Sie schenkt mir ihren Kugelschreiber und gibt mir noch ein paar Tipps mit auf den Weg – der Tag ist gerettet! Ich spaziere durch die Gassen der Unterstadt und finde ein kleines, hundert Jahre altes Familienhotel, das mir Magdalena empfohlen hat. Das „Nord“ besitzt nur acht Zimmer, die mit hübschen mallorqui- nischen Möbeln eingerichtet sind. Als nächstes besuche ich die Bodega von Estellencs und kaufe eine Flasche Malvasía 2008. Und zu guter Letzt stehe ich vor einem Stadthaus, das zum Verkauf steht und laut Magdalena ein Schnäppchen ist. Ja, so ein Sommerhäuschen in Estellencs, das hätte was …

„Als Deutsche lebst du dich hier schnell ein“, versichert mir Paolino Sánchez, den ich mit seiner Frau auf der Plaza treffe. „Hier gibt‘s einige deutsche Residenten, die sich integrieren und Geld haben.“ Was das eine mit dem anderen zu tun hat, kann mir der 75-Jährige auf die Schnelle nicht erklären. Er ist auf dem Weg zum zweiten Frühstück in die Bar. Eine gute Idee. Ich wünsche mir zum café con leche Meeresrauschen und fahre das zwei Kilometer lange, kurvenreiche Sträßchen zur Cala de Estellencs herunter. Auch die Quellwasser-Dusche steht noch auf dem Erlebnis-Programm.

In der Strandbar „S‘Apunteta“ lerne ich Adriano kennen, seine Großeltern haben das sechs Quadratmeter große Sommerlokal mit Strohdach vor 59 Jahren auf die Felsspitze gestellt. Die steinige Bucht ist von Juni bis September das Planschbecken der Dorfbewohner. Urlauber setzen sich am liebsten mit einem Buch auf die Terrasse, trinken Kaffee, essen ein bocadillo und genießen den ganzen Tag die Postkartenidylle. Beneidenswert. Ich stelle mich kurz unter die Bergdusche und lasse mir das kühle Quellwasser über den Kopf laufen. Noch ein letzter Blick, dann fahre ich in die Redaktion zurück. Heute Abend werde ich die 971-75 65 38 anrufen. Denn ein Haus in Estellencs, das hätte wirklich was.

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