Spaniens Tabakläden: Zwischen Marlboro und Mietvertrag 

02.10.2008 | 02:00
Nur mit Tabak ist heutzutage kein Geschäft mehr zu machen. Auch Agustín Aguiló muss sich für seinen Mini-Laden in Palmas Innenstadt stets nach neuen Artikeln umsehen.
Nur mit Tabak ist heutzutage kein Geschäft mehr zu machen. Auch Agustín Aguiló muss sich für seinen Mini-Laden in Palmas Innenstadt stets nach neuen Artikeln umsehen.

Agustín Aguiló kommt heute einfach nicht dazu, das kleine Elektrogerät zu reparieren, das vor kurzem seinen Geist aufgeben hat. Immer wenn er hinter seinem vollgepackten Tresen den Schraubenzieher hervorkramt, wird er aufs Neue unterbrochen. Die Kundschaft lässt dem 42-Jährigen keine Zeit. Bis zur Straße hinaus stehen die Menschen Schlange und warten darauf, im Minutentakt oder noch schneller an das Produkt ihrer Begierde zu kommen: Zigaretten.

Aguiló arbeitet in einem Tabakladen (estanco). Seit zehn Jahren bedient er in dem - inklusive Lager­räumchen - zwei auf sieben Meter langen Schlauch in der Fußgängerzone der Carrer Argenteria, einen Steinwurf von Palmas Rathaus entfernt. Wegen seiner zentralen Lage verirren sich auch Urlauber aus der halben Welt in das kleine Geschäft und decken sich stangenweise mit Glimmstängeln ein. Dann kämpft Aguiló mit seinen Englisch-Brocken und gestikuliert so lange mit Händen und Füßen, bis die richtige Zigarettenmarke in der richtigen Anzahl an den richtigen Mann gebracht worden ist. Immer aufmerksam und immer freundlich. „Ich mache meinen Job wirklich gerne. Und dabei rauche ich nicht einmal."

Etwa 200 solcher estancos versorgen derzeit in Palma die Bevölkerung mit allem, was sich um den Konsum von Tabakprodukten dreht. Außerdem gibt es dort Briefmarken und fast jede Art von Formular: vom Miet- und Kaufvertrag bis zur Steuererklärung. Die elektronischen Fahrkarten für die Stadtbusse können ebenso mit Saldo bestückt werden wie Pre-Paid-Telefone.

Bei jedem Verkauf falle eine kleine Provision an. Kleinvieh mache bekanntlich auch Mist, sagt Aguiló, aber vor allem auch viel Arbeit. „Ich habe eine riesige Zahl von Produkten im Angebot, und für jeden Artikel müssen Rechnungen und Lieferscheine kontrolliert werden." Da freue man sich schon auf den Sonntag oder den Urlaub.

Aber das mit den Ferien ist gar nicht so einfach. Auch wenn Aguiló alles andere als einen Beamtenstatus hat, kann er nicht schließen, wann ihm danach ist. Als Überbleibsel aus jenen Tagen, in denen die spanische Krone ganz das Monopol auf den Tabakhandel beanspruchte, werden die estancos vom Staat bis heute strikt reguliert. „Der Urlaub muss bei der Abteilung Tabakwaren (Comisionado para el mercado del tabaco) des regionalen Finanzamtes beantragt werden. Damit soll vermieden werden, dass im Sommer beispielsweise drei nahe beieinander liegende Tabakläden gleichzeitig geschlossen bleiben." Dabei gebe es mit der Koordinierung eigentlich nie Probleme.

Auch werden Mindest­öffnungszeiten vorgeschrieben, um eine Grundversorgung mit Tabakwaren zu gewährleisten. Zudem kann man einen estanco nicht ohne Weiteres an jeder Ecke eröffnen. Der Staat legt fest, wie viele ­Tabakläden pro Ort benötigt werden und schreibt im Gesetzesblatt neue Konzessionsverträge aus, wenn sich die Nachfrage erhöht. „Erst seit zwei Jahren dürfen estancos von den Betreibern verkauft oder weitergegeben werden. Davor musste die Lizenz an den Staat zurückgegeben werden", erzählt Aguiló.

Da die Zahl der Raucher stetig abnimmt, schauen sich immer mehr estanco-Betreiber nach anderen Produkten um, die sie ins Sortiment aufnehmen können. Aber man darf nicht alles verkaufen. Schreibwaren oder Presseerzeugnisse seien beliebt und unproblematisch, da dafür keine spezielle Konzession beantragt werden müsse. Alkohol sei hingegen völlig verboten. In den Urlaubs­orten der Insel schere man sich allerdings kaum um diese Auflagen. Kontrolliert werde nur selten. So seien theoretisch auch die umliegenden Bars vom Gesetz her verpflichtet, sich bei einem der benachbarten estancos mit Zigaretten einzudecken - und nicht im Großhandel. Aber auch daran halte sich kaum noch jemand.

Die seit 2005 geltenden Rauchverbote in Bars, Restaurants, öffentlichen Gebäuden sowie am Arbeitsplatz hätten sich letztlich gar nicht so drastisch aufs Geschäft ausgewirkt, wie befürchtet, meint Aguiló. „In den ersten Monaten war ein Konsumrückgang zu verzeichnen. Die Leute waren völlig verunsichert, und keiner wusste, wo und wann man noch rauchen darf." Das habe sich dann aber wieder gelegt - ebenso wie die Aufregung um das Tabak-Verkaufsverbot in Tankstellen und vielen Kneipen. Sein Geschäft sei dadurch kaum beeinträchtigt worden, sagt Aguiló. In den Kneipen seien ohnehin meist nur abends Zigaretten ver­kauft worden. „Und da habe ich geschlossen." 

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