Palliativpflege: Warten auf den Tod in bester Gesellschaft

04-12-2008  
"Wir wollen die Leute nicht trösten, denn das würde bedeuten, den Tod als etwas Schlimmes anzusehen."  Foto: Sebastià Terrassa

ANDREAS JOHN Die Tage von Antonio* sind gezählt. Der 72-jährige ehemalige Schlosser aus Sa Pobla leidet an einer schweren, unheilbaren Krankheit, an der er bald sterben wird. Dennoch amüsiert er sich an diesem Mittwochmorgen auf der dritten Etage von Palmas Krankenhaus Hospital General geradezu köstlich. Eben haben die drei Frauen in den weißen Kitteln einen Witz gerissen, über den er herzhaft lachen musste. Jetzt erzählt Antonio ihnen eine kleine humorvolle Anekdote aus einem Leben, das sich dem Ende zuneigt.

Elisabeth, Laura und Elena sind weder Ärztinnen noch Krankenschwestern. Sie gehören vielmehr zu den 35 Freiwilligen des Palliativpflegevereins ?Dime", der sich seit zwei Jahren um todkranke Patienten in Palmas Hospital General sowie dem an der Straße nach Bunyola gelegenen Hospiz Joan March kümmert. ?Wir wollen ihnen dabei helfen, in Würde und in Frieden zu sterben", drückt das Elisabeth aus.

Einmal in der Woche besucht sie zusammen mit Laura und Elena für drei bis vier Stunden die Palliativ-Station des Hospital General. 22 Patienten liegen dort in Zweibett-Zimmern und warten auf den Tod. Viele von ihnen bekommen gar keinen oder nur selten Besuch von ihren Familienangehörigen. ?Diesen Menschen leisten wir Gesellschaft, sprechen mit ihnen, hören ihnen zu oder halten auch nur die Hand", sagt die 46-jährige Holländerin Elisabeth Pleijlar.

Vor der Visite nimmt sie zusammen mit ihren beiden Kolleginnen an der morgendlichen Besprechung auf der Station teil. ?Wir verstehen uns als Teil eines Teams, das aus Stationsärzten, Krankenschwestern und Pflegepersonal besteht." Von ihnen erfahren die drei Frauen, welche Behandlungen für die jeweiligen Patienten an diesem Morgen anstehen, wie diese auf die schmerzlindernden Mittel reagieren oder wie sie sich in den vorangegangenen Stunden und Tagen verhalten haben.

?Sterbenskranke machen bis zu ihrem Ende unterschiedliche Phasen durch", sagt Elisabeth. Viele reagierten zuerst wütend und enttäuscht auf ihre Situation, suchten nach der Schuld oder einem Schuldigen. ?Was habe ich bloß falsch gemacht?" ?Warum passiert mir das?", seien häufige Fragen in der Anfangsphase. Später schlage die Wut dann oftmals in Resignation und Depression um. ?Das ist die Zeit, in der Patienten besonders viel Zuwendung benötigen, um trotz ihrer scheinbar aussichtslosen Lage neuen Mut zu schöpfen", sagt Elisabeth. Wenn es gut läuft, erreichten die Patienten schließlich die Phase, in der sie mit ihrem Leben in Frieden abschließen können, sich vor dem Tod nicht länger fürchten, sondern ihn stattdessen mit Ruhe und Gelassenheit entgegensehen. ?Das gelingt vielen, in dem Sie jemanden ihr Herz ausschütten, eine Bilanz ihres Lebens ziehen, sowohl im positiven als auch im negativen Sinne", sagt Elisabeth.

Doch das sei für beide Seiten nicht leicht. ?Die Beziehung, die man zu dem Patienten aufbaut, ist sehr intensiv. Oftmals erzählen Sie uns Dinge aus ihrem Leben, die sie nicht mal ihren engsten Familienangehörigen gebeichtet hätten", sagt Maria Lloguera*. Die 45-jährige Unternehmerin aus Palma arbeitet seit vier Monaten als Freiwillige für ?Dime". Vor fünf Jahren starb ihr Vater an Lungenkrebs. ?Das war ein echtes Trauma für mich. Ich habe sehr lange dafür gebraucht, seinen sich monatelang dahinziehenden Tod zu verarbeiten. Später habe ich irgendwann gedacht, dass ich anderen Menschen in ähnlichen Situationen mit meiner Erfahrung helfen könnte", erzählt sie.

Lloguera ist kein Einzelfall. ?Die meisten Freiwilligen haben bereits Erfahrung bei der Betreuung eines sterbenden Angehörigen oder Freundes", sagt Elisabeth. Das sei aber keine Voraussetzung dafür, bis zu 16 Stunden im Monat ohne jegliche finanzielle Entschädigung Freiwilligenarbeit für ?Dime" zu leisten. Sie selbst habe sich für die Arbeit als Sterbebegleiterin aus ?rein egoistischen Gründen" entschieden. ?Ich hatte irgendwann das Bedürfnis, in meiner Freizeit etwas wirklich Sinnvolles zu tun."

Doch dieser Wunsch reicht nicht aus, um auf einer der beiden Pallia­tivstationen im Hospital General oder dem Hospiz Joan March zu arbeiten. Jeder, der sich als Freiwilliger bewirbt, wird als erstes von einer Psychologin untersucht. ?Nur psychisch vollkommen gesunde und stabile Menschen werden akzeptiert", sagt Elisabeth. Fällt das psychologische Gutachten positiv aus, nehmen die Freiwilligen an einem dreiwöchigen Ausbildungskurs mit weiteren Psychologen, Ärzten, Pflegern und andere Freiwilligen von den Palliativstationen teil.

?Es gibt viele Dinge, die man wissen muss", sagt Elisabeth. So sei es zum Beispiel tabu, einem Patienten zu sagen: ?Es ist alles nicht so schlimm!". Oder ?wird schon wieder werden". Man wolle die Leute nicht trösten, ?denn das würde bedeuten, dass der Tod etwas Schlimmes ist". Hier liege ihrer Meinung nach auch das größte Problem. ?Das Sterben wird in der heutigen Gesellschaft immer mehr verdrängt. Wenn dann der Augenblick kommt, haben viele Angst davor, weil sie nicht wissen, wie sie mit dem Tod umgehen sollen."

Außerdem lassen sich die Sterbe­begleiter nicht auf Grundsatzdiskussionen mit den Patienten ein oder sie streiten nicht über politische, religiöse oder andere Themen. ?Der Patient hat in seinen letzten Stunden immer recht. Er soll ja schließlich seinen Frieden finden."

Ob die Arbeit mit dem Tod denn nicht manchmal auch deprimierend sei? ?Nein", antwortet Maria Lloguera. Im Gegenteil. Vergangenen Mittwoch beispielsweise lernte sie einen Patienten kennen, der kurz zuvor auf die Station verlegt worden war. ?Irgendwie kam ich mit ihm ins Gespräch", erinnert sich Lloguera. Und dann habe der Mann ihr fast eine Stunde lang von seinem Leben auf der Insel, von seiner Arbeit und seiner Familie erzählt. ?Als seine Frau anschließend davon erfuhr, sagte sie, dass es ein Wunder sei, dass er überhaupt solange mit jemanden gesprochen hätte, da er immer ein ausgesprochen schweigsamer Mann war." Als Lloguera am nächsten Mittwoch wieder auf die Station kam, war der Mann gestorben. ?Früher wäre ich traurig darüber gewesen, heute aber bin ich froh, dass er sich zumindestens für diese eine Stunde bei mir in bester Gesellschaft fühlte ", sagt sie.

Auch Antonio freut sich jeden Tag über den Besuch der ángeles in den weißen Kitteln, wie er sagt. Dabei will Elisabeth gar kein Engel sein. ?Wir sind keine überirdischen Wesen", sagt sie. ?Nur ganz normale Menschen."

* Namen v. d. Red. geändert

Mehr Informationen zum Palliativpflegeverein ?Dime" gibt´s unter der Telefonnummer 628-78 11 80 oder im Internet unter www.cuentaconnosotros.es

In der Printausgabe lesen Sie außerdem:
- Individuelles Kerzenlicht: Besuch in der Werkstatt Picornell
- Die Wunschzettelaus der MZ-Schreibstube
- Hochkonjunkturbei den Kastanienverkäufern


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