Mallorca-Deutsche unterm Hakenkreuz Teil 2:Deutsche Exil-Kolonie am Ende der Welt

22-05-2009  
„Unser Dorf hat weder Straßen noch Hausnummern, weder Kanal noch Wasserleitung, nur eine halbe Kirche, kein Rathaus und keinen Bürgermeister
„Unser Dorf hat weder Straßen noch Hausnummern, weder Kanal noch Wasserleitung, nur eine halbe Kirche, kein Rathaus und keinen Bürgermeister", schrieb Karl Otten über Cala Ratjada.  F.: Arxiu Municipal de Palma

MARTIN BREUNINGER UND GERMÀ GARCÍA I BONED Unser Dorf ist gar kein Dorf – es ist das Ende einer langen Straße, die aus dem Innern der Insel oder Europas direkt in das Meer führt.“ So beginnt der Prosatext „Unser Dorf“ des Schriftstellers Karl Otten. Zweifellos diente ihm dabei jener Ort als Vorbild, der ihm drei Jahre lang ­Zuflucht vor der Verfolgung durch die Nationalsozialisten gewährte: Cala Ratjada.

Karl Otten, geboren 1889 in Oberkrüchten im Kreis Viersen, gestorben 1963 in Locarno-Muralto im Tessin. Gründe, warum ihn die Nazis auf ihrer schwarzen Liste hatten, gab es genug: Er war erst Anarchist, dann Kommunist – wegen der Verfolgungen unter Stalin wandte er sich später vom Kommunismus wieder ab – und überzeugter Pazifist. Am 12. März 1933, eine Woche nach der Reichtagswahl, trat er seinen Weg ins Exil an. Er brach gerade noch rechtzeitig auf: Drei Tage später durchsuchte die SA seine Wohnung im Berliner Stadtteil Wilmersdorf.

Mit seiner jüdischen Lebensgefährtin und späteren zweiten Frau, Ellen Kroner, floh Otten über Paris nach Barcelona und setzte dann nach Mallorca über. Von Berlin nach Cala Ratjada, das war ein Wechsel von der pulsierenden ­Metropole ans Ende der Welt. Über „unser Dorf“ schrieb Otten: „Es hat weder Straßen noch Hausnummern, weder Kanal noch Wasserleitung, nur eine halbe Kirche, kein Rathaus und keinen Bürgermeister. Dafür aber hat es uns, die Fremden, und aus denen macht es sich wenig genug.“

Die Fremden: Otten bezifferte sie in einer anderen Erzählung, in denen der „Posthalter“ des Ortes seinem Onkel auf dem Festland in einem Brief über „Unsere Fremden“ berichtet, auf 200, Touristen inbegriffen. Mit Humor und Ironie beschreibt er die Wandlung von ernst blickenden, steifen Personen zu – Urlaubern: „Sie entledigen sich aller normalen Kleider, suchen aus allen Winkeln der Läden die tollsten Farben zusammen, Hemden, Hosen, Hüte, Schuhe – nichts ist ihnen rot oder blau, weiß oder grün genug. Sie gleichen eher Indianern aus unseren interessanten Jugendbüchern, zumal wenn Du Dir vorstellst, dass sie ihren größten Ehrgeiz dareinsetzen, möglichst dunkel, braun, gelb und schwarz zu verbrennen.“

Das Leben im Exil erlaubte keine großen Sprünge. „Ersparnisse, ein genügsames ländliches Leben (ein eigener Gemüsegarten wurde angelegt) und gelegentliche Honorare machten die Inselexistenz möglich“, schriebt Reinhard Andress in seinem Buch „Der Inselgarten“. Allerdings gingen die Honorare im Zuge der Gleichschaltung im Nazi-Deutschland zunehmend zurück. Otten hinderte dies nicht, sich weiter gegen das braune Regime in seiner Heimat politisch zu engagieren. Mehrmals verließ er zwischen 1933 und 1935 die Insel in Richtung Paris, wo er „Mitglied der Liga für Menschenrechte“ und der „Ausländischen Presse“ wurde.

Sein bedeutendstes Werk ist der Roman „Torquemadas Schatten“, der vom Ausbruch und den ersten Monaten des Spanischen Bürgerkriegs auf Mallorca handelt. Obwohl Fiktion, ist viel Dokumentarisches in das Buch eingeflossen: das Treiben deutscher Nazis und italienischer Faschisten auf der Insel, ebenso historische Personen wie der Putsch-General Manuel Goded Llopis und der mallorquinische Bankier und Franco-Finanzier Juan March Ordinas, der im Roman „Voerge“, „Würger“, genannt wird – in Wirklichkeit wurde er Verga (Rute) genannt, weil er als Kind Schweine getrieben hatte. Selbst der Pazifismus des Autors spiegelt sich in seinen republikanischen Romanhelden wider, in deren Köpfen sich nur mühsam der Gedanke an einen bewaffneten Widerstand durchsetzt.

Otten schrieb „Torquemadas Schatten“ 1937 in London. Bereits im Juli 1936 hatten Franco und die Falange die Macht auf Mallorca übernommen. Otten, offenbar vom deutschen Konsul Hans Dede bei den neuen Machthabern denunziert, wurde verhaftet, kam jedoch nach wenigen Tagen wieder frei und verließ die Insel. Über Barcelona führte ihn der Weg nach England, wo er bis 1958 lebte. Danach ließ sich der Schriftsteller, der 1944 erblindete, mit seiner Frau im Tessin nieder.

Dass Otten überhaupt in Cala Ratjada Asyl gesucht hatte, hängt mit einem anderen Schriftsteller zusammen, mit dem er in Kontakt stand: Franz Blei. 1871 in Wien geboren, lebte er ab 1903 in München und Berlin. Sein bekanntestes Werk, „Das große Bestiarium der deutschen Literatur“, erschien erstmals 1920. In ihm karikierte er alle bedeutenden Schriftsteller in alphabetischer Folge als exotische Tiere. Das „Bestiarium“ sowie sein Inte­resse an erotischer Literatur, sowohl als Herausgeber von Texten als auch als Essayist, brachte ihn bei den Nazis in Misskredit. Umgekehrt hatte Blei schon früh vor dem Nationalsozialismus gewarnt.

Bereits 1928 schrieb er in der „Weltbühne“: „Nationalität, Rasse: die beiden Begriffe sind heute in einer Weise politisch hypertrophiert und verunreinigt und daher formlos geworden, dass saubere Hände sie nicht anfassen sollten.“ Blei hatte im Juni 1932 Zuflucht auf Mallorca gefunden. Mit seiner geschiedenen Frau Maria und seinen Kindern ­Sybilla und Peter siedelte er sich in Cala Ratjada an. Seine finanzielle Lage war prekär. Um die Reise­kosten bezahlen zu können, bat er den Staatsrechtler Carl Schmitt um einen Kredit. Die finanziellen Sorgen sollten Bleis ständige Begleiter im Exil sein. So schrieb er an einen Freund: „Ach, hätten wir nur ein bisschen mehr Geld, das es uns möglich machte, das äußere Leben mit dem anderen in einem erträglichen Gleichgewicht zu halten!“

In seinem sechsten Jahrzehnt fiel es Blei schwer, eine neue Existenz aufzubauen. Zwei Romane, „Lydwina“ und „Das Trojanische Pferd“, kamen über das Stadium von Fragmenten nicht hinaus. „Ich tue wenig, unterstützt darin von der Einfältigkeit der Tage und wohl auch vom mehr beschaulichen als aktiven Alter“, teilte einem Freund mit. Blei ließ sich treiben: „Ich weiß nur, dass Juli ist, nicht der wievielte und nicht welcher Tag der Woche, auch die Uhr liegt längst unaufgezogen, man trägt die landesüblichen Leinenschuhe mit Bastsohlen, einmal den Overall, dann das Badetrikot, weder Strümpfe noch Hemden noch Hut“, notiert er in einem Brief an Carl Schmitt. Zu all dem gesellte sich ein Zustand, den der Literat nicht als unangenehm empfindet und als „freiwillige Isolation“ bezeichnete.

Der Spanische Bürgerkrieg riss Blei brutal aus seiner Zeit- und Ziellosigkeit. Im September 1936 kehrte er zunächst in das noch freie Österreich zurück, floh nach dem Anschluss nach Italien, dann nach Frankreich und emigrierte schließlich in die USA, wo er in Long ­Island vermutlich an den Folgen einer Herzerkrankung starb.

Wenn es Blei unmöglich war, sich beruflich im Exil zurechtzufinden, dann steht Herbert Schlüter für den Schriftsteller, dessen Karriere aus politischen Gründen zu Ende war, bevor sie richtig anfing. Mit seinem Buch „Das späte Fest“ gehörte Schlüter, der 1906 in Berlin geboren wurde, zu den vielversprechendsten Nachwuchsautoren der Weimarer Republik. Obwohl er politisch nicht verfolgt war, kehrte er als überzeugter Pazifist und Antifaschist dem Dritten Reich im April 1933 den Rücken.

Über Paris kam er nach Mallorca, kehrte jedoch zunächst mittellos nach Berlin zurück. Sein Aufenthalt war nicht ungefährlich. Es war bekannt, dass Schlüter mit Klaus Mann befreundet war, dessen Homosexualität wiederum kein Geheimnis war. Unter dem Eindruck der zunehmenden Verfolgung der Juden kehrte er 1935 nach Mallorca zurück. „Es gibt sympathische und furchtbar versoffene Engländer hier, sehr viel Partys. Niemand arbeitet. All das nach Deutschland ist so unwahrscheinlich“, schrieb er an Klaus Mann.

In Cala Ratjada – wo auch noch andere deutsche Künstler wie Heinrich Maria Davringhausen und Arthur Segal Zuflucht gefunden hatten, erwies sich Robert Levy als väterlicher Freund. Nach einer schweren Grippe nahm der Maler den jungen Literaten, der in einem feuchten unbeheizbaren Zimmer hauste, bei sich auf, bis er genesen war. Neben der Armut plagte Schlüter auch die Einsamkeit. Er erhalte nur wenig Post, klagte er einem befreundeten Journalisten sein Leid. Umso mehr muss es ihn gefreut haben, als Klaus Mann Anfang Juni 1936, einen Monat vor Ausbruch des Bürgerkriegs, Exil­urlaub in Cala Llamp machte, wo ihm sein Jugendfreund Schlüter einen Besuch abstattete.

Nach Ausbruch des Bürgerkrieges floh Schlüter nach Italien. Vergeblich versuchte er, in die USA und nach Brasilien auszuwandern. Stattdessen schlug er sich, als Tourist getarnt, bis 1941 durch, und wurde schließlich als Luftwaffendolmetscher der Wehrmacht in Sizilien eingezogen. Seine Manuskripte – unter anderem eines Mallorca-Romans – bewahrte er bei Robert Levy auf. Sie gingen verloren, als Levy 1944 in Florenz von der ­Gestapo verhaftet wurde. Den Weg ins Konzentrationslager hat Levy nicht überlebt.

Schlüter dagegen kam nach dem Krieg in britische Gefangenschaft, aus der er 1947 entlassen wurde. Im Nachkriegsdeutschland betätigte er sich kaum noch schriftstellerisch, sondern vor allem als Redakteur, Lektor und Übersetzer. Im Jahr 2000 wurde er mit dem Übersetzerpreis der Stadt München ausgezeichnet, der Stadt, in der er im Jahr 2004 im Alter von fast 98 Jahren starb.

Nächste Woche: Flucht in die Vergangenheit – Harry Kessler, ein Graf im Exil

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