Osterprozessionen: Von einem, der zum letzten Mal den Christus trägt

09-04-2009  
Ricardo Consuegra vor dem Crist de la Sang.
Ricardo Consuegra vor dem Crist de la Sang.  Foto: Nele Bendgens

MARTIN BREUNINGER Es ist ein großer Augenblick, vielleicht der bedeutendste der ganzen Prozession. Wenn am Gründonnerstag alle Laienbruderschaften die Kirche des Hospital General in Palma betreten haben, am Crist de La Sang vorüber defiliert und wieder nach außen getreten sind, um in ihren typischen Büßergewändern durch Palmas Straßen zu ziehen, bildet Mallorcas meistverehrte Christusfigur den Abschluss: Mehrere Stunden dauert es gewöhnlich, bis der Crist de La Sang die Hospitalkirche verlässt, begleitet von der Bruderschaft des Crist de La Sang, eskortiert von Ortspolizisten in roter Gala-Uniform, umsäumt von vielen Gläubigen und Schaulustigen.

Auch für Ricardo Consuegra ist dies einer der erhebendsten Momente. Seit 33 Jahren ist der gebürtige Andalusier, der als kleiner Junge mit seinen Eltern nach Mallorca kam, einer der zwölf Männer, die am Gründonnerstag den Christus vom Heiligen Blut durch Palma tragen. Sein Haar und Vollbart sind in diesen drei Jahrzehnten ergraut, und in diesem Jahr wird er zum letzten Mal sein Amt ausüben. Das sei nicht nur eine Frage der nachlassenden Kraft, erklärt er, denn immerhin wiege der Crist de La Sang um die 50 Kilo, und das Kreuz mit dem menschengroßen Christus müsse ständig im Gleichgewicht gehalten werden, was anstrengend sei, wolle man dabei eine aufrechte Haltung und einen gemessenen Gang bewahren. Wenn Consuegra in diesem Jahr zum letzten Mal den Crist de La Sang trägt, dann hat das vor allem damit zu tun, dass er, der als medizinisch-technischer Assistent im öffentlichen Gesundheitswesen arbeitet, im kommenden September 65 Jahre alt und in Rente gehen wird. Dann möchte er frei von Verpflichtungen sein und tun können, was ihm seit 33 Jahren nicht möglich war: Prozessionen auf dem Festland sehen, nicht die in Sevilla, sondern besinnlichere, ähnlich wie die in Palma.

Die Gründonnerstagsproze­ssion in der Hauptstadt der Balearen ist der größte Umzug der Karwoche auf Mallorca. 32 Laienbruderschaften, sogenannte cofradías, und zahlreiche Musik­kapellen nehmen daran teil. Zentrale Figur ist der Crist de La Sang. Seine Geschichte auf der Insel beginnt 1456 mit der Zusammenlegung von zwölf Krankenhäusern in Palma zum Hospital General, nebst zugehöriger Kirche. Zu dieser Zeit verbreitete sich die Heilig-Blut-Verehrung in ganz Europa, nachdem von päpstlicher Seite versichert worden war, dass Gebete im Gedenken an die fünf Wunden Christi am Kreuz vor einem plötzlichen Ableben und einem Tod ohne Sterbesakramente schützten. Mit der Gründung der Confraria de la Preciosíssima Sang de Nostre Senyor Jesucrist (Bruderschaft des kostbaren Blutes unseres Herrn Jesus Christus) des Hospital General im Jahr 1552 wurde dieser Kult auch auf Mallorca heimisch. Die Bruderschaft verwaltete die Almosen, die an Bedürftige und Kranke verteilt und zur Instandhaltung das Krankenhaus und der Kapelle de La Sang verwendet wurden. Zu ihren Aufgaben gehörte außerdem, in der Nacht des Gründonnerstag an der Prozession teilzunehmen. Seit 1564 verlässt der Crist de La Sang zu diesem Umzug seine Kapelle, und die Historiker nehmen an, dass aus diesem Anlass die heute noch existente Christusfigur geschaffen wurde, größer als die ursprüngliche, aber leichter, weil nicht aus Holz, sondern aus der Rinde der Korkeiche gefertigt.

Die eigentliche Heilig-Blut-­Bruderschaft besteht heute aus den prohoms. Am Gründonnerstag sieht man sie mit einem schwarzen Umhang mit roten Manschetten und rotem Kragen bekleidet. Die typische Büßerkapuze tragen sie nicht. ?Heute besteht die Bruderschaft aus zwölf prohoms, die dem Crist de La Sang bei der Prozession das Geleit geben", erklärt Ricardo Consuegra. ?Die Mitgliedschaft der prohoms geht vom Vater an den Sohn weiter."

Consuegra gehört nicht zu ihnen. Er ist einer der zwölf sobreposats, die den Crist de La Sang tragen. Bis weit in das 20. Jahrhundert hatten dies die Priester getan. Doch dann mangelte es an klerikalem Nachwuchs, und der Geistliche der Hospitalkirche hatte nicht mehr die erforderliche Kraft. Fortan wurde die Christusfigur auf einem Podest auf Rädern bei der Prozession mitgeführt. ?Das machte keinen Sinn", meint Consuegra. ?Auf der Straße ging der Christus in der Menge unter, und die Erschütterungen durch den holperigen Bodenbelag schadeten der Figur." Er selbst war es, der den Priester fragte, ob nicht auch Laien den Crist de La Sang tragen könnten. Das war die Geburtsstunde der heutigen sobreposats. Obwohl sie nicht den Kern der Bruderschaft darstellen, stehen sie bei der Prozession im Mittelpunkt des Geschehens.

Trotz aller Religiosität versichert Consuegra: ?Ich bin kein regelmäßiger Kirchgänger und auch nicht immer einer Meinung mit der Kirche." Zum Beispiel, was die Aufforderung betrifft, bei den Prozessionen mit einer weißen Schleife am Gewand gegen die Reform des Abtreibungsgesetzes zu protestieren. ?Eine Prozession ist keine Demonstration", findet Consuegra.

Doch die Kirche und der Crist de La Sang, das sind zwei Paar Stiefel, und der Crist de La Sang ist für Consuegra etwas ganz Besonderes. Bis heute kann er nicht sein Entsetzen darüber, dass ein geistig Verwirrter den Christus im Dezember 2002 zertrümmerte, in Worte fassen. In mühevoller, langwieriger Kleinarbeit wurde die Figur wiederhergestellt. Was er fühlte, als der restaurierte Christus wieder seinen Platz in der Kapelle einnahm? ?Das war, als ob ein verlorener Sohn zurückgekehrt wäre."

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