MZ-Serie

Mallorca-Deutsche unterm Hakenkreuz: Glimmende Lunte im Inselparadies

13-05-2009  
Wie hier am 29. März 1936 zur „Tanganjika
Wie hier am 29. März 1936 zur „Tanganjika" wurden die deutschen Inselresidenten zum Wählen auf Urlaubsschiffe geschafft.   Foto: Arxiu Ernst Schmid

MARTIN BREUNINGER / GERMÀ GARCÍA I BONED Sóller, den 5. März 1933: „Historisch bedeutungsvoller Tag!!! Wahltag in Deutschland", notierte Maria Esch-Hörle in ihr Tagebuch. 1923 hatte sie sich mit ihrem Sohn Paul auf Mallorca niedergelassen und verfolgte seither das Geschehen in Deutschland aus der Ferne, wenn sie nicht gerade zu Besuch in der alten Heimat weilte. Noch am 2. März hatte die 75-Jährige in ihrem neuen Zuhause eine „Hitlerrede am Radio gehört". Doch ausgerechnet am Wahltag „versagte" der „Kraftstrom", der Apparat blieb tot. Das Wahlergebnis erfuhr sie am Radioapparat von Bekannten.

Die NSDAP hatte 43,9 Prozent der Stimmen erhalten, aus denen nach der Annullierung aller Stimmen für die KPD eine absolute Mehrheit für die Nazis wurde. Schon zuvor hatte der am 30. Januar 1933 zum Reichskanzler ernannte Adolf Hitler mit der sogenannten Reichtagsbrandverordnung die Bürgerrechte der Weimarer Verfassung außer Kraft gesetzt. Nur drei Monate später waren alle anderen Parteien als die NSDAP entweder freiwillig oder zwangsweise aufgelöst worden. Durch das Ermächtigungsgesetz vom 23. März konnte die Regierung Hitler ohnehin an Parlament und Reichspräsident vorbei regieren. Die Weimarer Republik hatte aufgehört zu existieren, die Hatz auf Juden, Linke und Antifaschisten hatte begonnen.

Schon vor der Ernennung Hitlers zum Reichkanzler hatten einige Deutsche aus politischen Gründen ihre Heimat verlassen. Mit der Machtübernahme der Nazis wuchs ihre Zahl allein im Jahr 1933 auf über 37.000 Exilanten. Einige von ihnen fanden auf Mallorca Zuflucht, darunter Maler wie Heinrich Maria Davringhausen und Robert Levy sowie Schriftsteller wie Albert Vigoleis Thelen und Karl Otten. Und der Literat Harry Graf Kessler. Schon einmal, 1926, hatte er die Insel besucht. Jetzt äußerte er in Briefen an seine Schwester Wilma de Brion sein Erstaunen und seinen Unmut darüber, dass Mallorca „von Deutschen überlaufen" sei und man auf den Straßen Palmas genauso viel Deutsch hören könne wie auf den Champs-Elysées in Paris. Damit meinte er nicht etwa andere Flüchtlinge, sondern Residenten, die er größtenteils für Nazis hielt.

Allein in Palma lebten 1933 etwa 3.000 Deutsche. So berichtete es der „Deutsche Herold", eine Wochenzeitung auf Mallorca, die von Oktober 1933 bis Juni 1934 ihre Leser mit Nachrichten aus dem Reich und aus der neuen Heimat, besonders der eigenen Kolonie, versorgte. Seit den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts hatte die Insel eine Zunahme an britischen, französischen und deutschen Urlaubern verzeichnet. Angezogen wurden sie nicht zuletzt durch schwärmerische Beschreibungen wie die des Reiseschriftstellers Friedrich Christiansen: „Am Morgen taucht Mallorca auf, die größte der Baleareninseln, das weltentlegene Paradies."

Bei manchen blieb es nicht beim Besuch im mediterranen Garten Eden. Zum Beispiel bei Paul Esch-Hörle. Anfang der 20er Jahre war er mit dem Rad von Duisburg bis Barcelona gefahren und dann mit einem Schiff nach Mallorca übergesetzt. Zurück in Duisburg, verkaufte er das Familienunternehmen, eine Kaffeerösterei, legte den Erlös in der Schweiz an und bezog 1923 mit seiner Mutter sein neues Domizil in Sóller. Über der Tür seines Hauses, das er Casa Tibur taufte, hatte er ein Zitat seines Lieblingsdichters Horaz angebracht: „Ille terrarum mihi praeter omnes angulus ridet" – kein Winkel der Welt lacht mir wie dieser.

Maßgeblich drei Umstände ließen den Zuzöglingen Mallorca wie ein Paradies erscheinen. Zunächst die sprichwörtlich malerische ­Insel: Der Name des Dorfes Deià stamme von dem Ausdruck pueblo de ya pintado (Dorf des schon Gemalten), mokierte sich der britische Schriftsteller Robert Graves über die zahlreichen Urlaubsmaler, die sich mit Pinsel und Staffelei alle auf die gleichen Motive stürzten. Zum Zweiten die Toleranz der Einheimischen gegenüber den Fremden: „Die Spanier sind den ausländischen Residenten gegenüber immer äußerst höflich, solange diese sich anständig benehmen und von der Politik fernhalten", erinnerte sich Graves an seinen ersten Aufenthalt in Deià von 1929 bis 1936. Zum Dritten die günstigen Lebensverhältnisse: Rindfleisch, Butter und Kuhmilch waren zwar knapp, dafür gab es Obst in Hülle und Fülle sowie Zigaretten, Kaffee und Wein zu Billigpreisen. „Vier Schilling sind sechs Peseten und etwas an Centimos. Darin ist alles inbegriffen, natürlich auch das Wohnen. Auch das geschirrabwaschende Mädchen. Auch eine Flasche Gin", schrieb 1933 der österreichische Schriftsteller Franz Blei aus seinem Exil in Cala Ratjada an einen Freund. Wenn so mancher Exilant dennoch Not litt, dann deshalb, weil selbst das wenige Geld fehlte: „Alles lebte eher im Abstieg als im Aufstieg auf der Leiter des Vorwärts-und Hinaufkommens", schilderte Blei in seinem Romanfragment „Lydwina" diese beklemmende Situation.

Diejenigen, die aus freien Stücken auf die Insel gekommen waren, hatten dagegen nach und nach das mallorquinische Paradies mit einer deutschen Infrastruktur durchzogen. Es gab vielleicht nicht alles, aber vieles: Buchläden und Leihbücherei, Schreibwarenladen und Fotodienst, Friseur und Fußpflege, Parfümerie und Schönheitssalon, Schneider und Schuhmacher, Boutique und Blumenladen, Konditorei und Tanzbar, Uhrmacher und Heizungsfirma. In Palmas Viertel El Terreno, zwischen Meer und Schloss Bellver, wurde 1933 die deutsche Schule gegründet. Und selbst auf ihr Kino mussten die Inseldeutschen nicht verzichten. Im Teatre Principal und anderen Spielstätten flimmerten in regelmäßigen Abständen die Ufa-Stars über die Leinwand, von Lilian Harvey und Kaethe von Nagy über Magda Schneider und Brigitte Helms bis hin zu Gustav Fröhlich und Willy Fritsch.

Nicht zu vergessen die Hotels und Pensionen in deutscher Hand, Herbergen für zahlreiche Urlauber. Bereits 1905 hatten die Mallorquiner ihren Fremdenverkehrsverband gegründet, und der rührte nach Kräften die Werbetrommel. Tonnen­weise wurden seit Ende der 20er Jahre Broschüren in die Fremde geschickt, zurück kamen Passagierdampfer mit Namen wie „Monte Rosa", „Watussi", „Usukama" und „Tanganjika" – und mit Tausenden von Touristen an Bord, unter ihnen Prominenz wie Prinz Hubertus von Preußen, der Schriftsteller Ernst Toller, der Maler Arthur Segal. Nach der Gleichschaltung durch die Nationalsozialisten beförderten diese Meereskreuzer für die Deutsche Arbeitsfront Kraft-durch-Freude-Urlauber.

Eines dieser Schiffe wurde auch für die Gleichschaltung der deutschen Inselkolonie eingesetzt. Am Sonntag, dem 29. März 1936, hatte das deutsche Konsulat die Residenten auf der Mole in Palma versammelt. „Mit 3 Motorbooten auf die „Tanganjika" befördert, dort Wahlbetätigung", hielt Maria Esch-Hörle dieses Ereignis in ihrem Tagebuch fest. Möglicherweise waren die Reichsinsulaner schon einmal 1933 aufgefordert worden, an Bord des Linienschiffes dem Führer ihre Stimme zu geben. Im seinem ­Roman „Die Insel des zweiten Gesichts" schildert Albert Vigoleis Thelen eine solche Wahl außerhalb der spanischen Gewässer jedenfalls vor dem sogenannten Röhm-Putsch im Juni 1934: „Tümmler zogen singend im Kielsog mit, auch Möwen begleiteten das schwimmende Wahllokal, wo der Konsul seines Amtes waltete. Und richtig, er hatte sich doch nicht getäuscht in seiner Kolonie: einstimmig war der Führer aus der Urne hervorgegangen." Wahrheit oder dichterische Freiheit: Am Ende habe der Konsul den willigen Wählern „für ihre Treue zum Führer, zum Reich, zur Heimat" gedankt und allen einen Unkostenbeitrag von 13 Peseten abgeknöpft. Der erboste Hauptmann von Martersteig habe diese „Geschichte von der Bauernfängerei" jedem, der es wissen wollte, erzählt. „Und, sein Monokel mit einem Zwiebelflies putzend, fügte er böser hinzu, was das Stimmen beträfe, da wisse er ja nicht, wie die anderen gestimmt hätten, aber er habe mit Nein gestimmt, und als Ja sei's herausgekommen."

Schiffsfahrten wie diese waren nicht die einzige Art und Weise, mit der das nationalsozialistische Regime seine Klaue nach den Auslandsdeutschen ausstreckte. Bereits 1932 hatte sich in Palma eine Ortsgruppe der NSDAP gebildet, zu deren Mitgliedern auch der Rektor der deutschen Schule gehörte. Nach der Machtübergabe organisierten Partei wie Konsulat zahlreiche Veranstaltungen, um die deutsche Kolonie auf den Führer einzuschwören. An der deutschen Schule wurde die Sonnenwende gefeiert und der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler gedacht, am Strand von Portals Nous wurde der 1. Mai begangen. Zum Programm bei derartigen Veranstaltungen gehörte das Singen des Deutschlands- und Horst-Wessel-Liedes und das Dröhnen der Sieg-Heil-Rufe. Über das Konsulat wurde für das Winterhilfswerk gesammelt, wurden dem Auswärtigen Amt suspekte Redner bespitzelt und Ausbürgerungen unliebsamer Oppositioneller ­bestätigt, wurde versucht, Einfluss auf den „Deutschen Herold" zu nehmen, der kurioserweise von zwei jüdischen Redakteuren geführt wurde. Durch den „Herold" wurden die Mallorca-­Deutschen über die Germanisierung der Theatersprache informiert, erfuhren, dass nach dem Willen von Joseph Goebbels ein Chordirigent künftig Chormeister ist, das Foyer eine Wandelhalle, die Loge eine Laube und das Programm ein Zettel. Ebenfalls über den „Herold" erklärte Hermann Göring in seiner Funktion als preußischer Minister­präsident, dass jenen deutschen Emigranten die Rückführung heim ins Reich erleichtert werden solle, die nur aus Furcht geflohen seien, im Exil nicht gegen ihre Heimat agitiert hätten und darüber hinaus den Willen zeigen würden, sich in die „deutsche Volksgemeinschaft" einzufügen.

Der Nationalsozialismus war nicht die einzige Lunte, die im Insel­paradies glimmte. Politisch instabile Verhältnisse in Spanien, die Unabhängigkeitsbestrebungen ­Kataloniens, Aufstände und paramilitärische Verbände links und rechts der politischen Mitte waren ein hoch explosives, ständig Funken schlagendes Gemisch, das 1936 als Bürgerkrieg explodierte. ­Bereits im Sommer 1936 übernahmen die Falangisten die Herrschaft auf Mallorca. In den folgenden ­Wochen durchkämmten Todesschwadrone die Insel und ermordeten mehr als 3.000 Menschen: Republikaner, Atheisten, Fremde. Wer sich vor den Nazis auf Mallorca in Sicherheit gebracht hatte, musste nun erneut um sein Leben bangen und fliehen. Ihr Hab und Gut, im Falle der Schriftsteller und Maler gar die Arbeit der vergangenen Jahre, mussten die Exilanten zurücklassen oder gar zerstören, um nicht mit verdächtigem Material erwischt zu werden.

Für viele linientreue Reichsdeutsche war das Paradies zum Vorhof der Hölle geworden. Die Banken lösten keine Schecks mehr ein, Kaufleute und Bars gewährten keine Kredite mehr, die Lebensmittel wurden rationiert. Von Menorca und Barcelona aus flogen die Republikaner Luftangriffe auf Mallorca. Am Abend des 11. August forderte das deutsche Konsulat die noch verbliebenen Residenten per Telegramm auf, am nächsten Tag mit dem vorläufig letzten Schiff die Insel gen Deutschland zu verlassen. Unter den letzten Passagieren befand sich auch Maria Esch-Hörle. Als sie am 27. April 1937 nach Mallorca zurückkehrte, war die Kolonie auf weniger als 100 Deutsche geschrumpft.

Teil 2 in der Printausgabe der Mallorca Zeitung: Die deutsche Kolonie in Cala Ratjada und ihr Umfeld

In der Printausgabe lesen Sie außerdem

- Alles andere als ein Mauerblümchen: Zistrosen gegen böse Geister
- Landpartie nach Porto Cristo: Ein Besuch im Restaurant Son Mas
- Viel Lob für die Inselgastronomie gibt´s im neuen „Mallorca geht aus"
- Die gelben Engel von Cala Ratjada: Pannendienst für Freizeitskipper
- Golf: Mark James gewinnt „Son Gual Mallorca Senior Open"
- Wandern: Auf Blütenpfaden zum heiligen Herz
- Serie: So wohnen die anderen – Künstlerhaus in Cap d´es Moro

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