Auf der Flucht vor Hitlers Rassenwahn

11-06-2009  
Die jüdische Journalistin Marte Brill mit ihrer Tochter Alice (1930).
Die jüdische Journalistin Marte Brill mit ihrer Tochter Alice (1930).  Foto: Deutsche Nationalbibliothek, Exilarchiv (1933-1945)

MARTIN BREUNINGER UND GERMÀ GARCÍA I BONED Hamburg am 6. März 1933. Auf dem Rathausplatz stehen Männer in braunen Uniformen, Kommandorufe ertönen. „Ein fremder Wille schien über Nacht die friedliche Stadt erobert zu haben. Die wenigen Zivilpersonen, die an diesem Tag auf den Straßen waren, standen zögernd, mit betretenen Mienen, und zerstreuten sich schnell.“ So schildert Marte Brill in ihrem autobiografischen Roman „Der Schmelztiegel“ den Tag nach Hitlers Wahlsieg. Die Protagonistin des Romans ist Sylvia, das Alter Ego von Brill. Wie Marte ist sie Journalistin. Und Jüdin. Und verliert ihre Arbeit beim Hamburger Rundfunk. „Als Sylvia nach Hause kam, rief die Redaktion an, von der sie für ihre Spanienreise bis zum Herbst Aufträge erhalten hatte. ,Wir müssen alle Aufträge zurücknehmen. Ja, alle! Wir sind genauso machtlos wie die im Rathaus, seit gestern Abend. Es ist gut, dass sie es noch vor ihrer Abreise erfahren. Sie bleiben am besten ein Jahr lang da draußen ... Hören Sie? Und Glück auf dem Weg!‘ Die Stimme brach ab.“

Marte Brill, geboren 1894 in Köln, studierte in Heidelberg Literatur und Staatswissenschaften und heiratete 1920 den Maler Erich Arnold Brill, den Vater ihrer Tochter Alice, von dem sie sich ein Jahr später scheiden ließ. Ihr Weg ins Exil führte sie und Alice zunächst nach Mallorca. „Sie wusste, dass ihre Ahnen einst aus Spanien vertrieben worden waren. 300 Jahre hatte die Familie am Rhein gelebt; noch ihr Großvater hatte dort auf ausgedehnten Gütern gesessen. Wir wiederholen den ewigen Kreislauf, dachte Sylvia.“ Brill war sephardischer Herkunft, stammte von jenen Juden ab, die im 15. Jahrhundert gezwungen worden waren, Spanien zu verlassen oder zum katholischen Glauben zu konvertieren. Xuetas wurden die zwangschristianisierten Juden und ihre Nachfahren auf Mallorca verächtlich genannt, ein Wort, das sich von xua, Schweinebauch, ableitet. Und bis weit in das 20. Jahrhundert hinein war es in vielen Familien tabu, einen oder eine xueta zu heiraten.

Juden durften sich erst zu ­Beginn des 20. Jahrhunderts wieder in Spanien niederlassen. 1917 wurde in Madrid die erste Synagoge im Land eröffnet. 1924 wurde per ­königlichem Dekret den Nachfahren der aus Spanien vertriebenen Juden, den Sephardim, die Möglichkeit eingeräumt, wieder die spanische Staatsangehörigkeit zu erlangen. 1931, nach Errichtung der spanischen Republik, gestattete man ebenfalls Juden aus Russland, Polen und dem Balkan die Einwanderung. Insgesamt blieb die Zahl der Juden in Spanien gering. Nicht mehr als 4.000 zog es in das Land, davon allein zwischen 2.000 und 3.000 nach Barcelona. Die Zahl der Juden auf Mallorca lag zwischen 100 und 200.

Auch jüdische Flüchtlinge aus Deutschland kamen nach Spanien. Im Deutschen Reich hatte bereits im März 1933 die Verfolgung der Juden begonnen. Ärzte, Rechtsanwälte, Apotheker und andere Freischaffende wurden aus ihren Berufen gedrängt und aus ihren Verbänden ausgeschlossen. Am 1. April riefen die Nazis zum landesweiten Boykott jüdischer Geschäfte auf, Fensterscheiben wurden mit Parolen wie „Juda verrecke“ oder „Deutsche, kauft nicht beim Juden“ beschmiert.

Einer, der all dies von dem fernen Mallorca aus beobachtete, war Francesc Aguiló Molina. Der britische Vizekonsul war selbst Abkömmling zwangschristianisierter Juden. In einem Notizbuch notierte und kommentierte er, was er in den spanischen Zeitungen über die Ereignisse in Deutschland las. Nicht nur die Entrechtung und Ausgrenzung der Juden hielt er minutiös fest, sondern auch ihre Schwierigkeiten, dem Terror und dem Rassenwahn der Nazis zu entfliehen: „Weil die deutsche Regierung die wirtschaftlichen Konsequenzen fürchtet, die eine allgemeine Flucht der Juden ins Ausland hervorrufen kann, hat sie die Grenze geschlossen. Die Juden, die weggehen wollen, müssen ein Sondervisum vorweisen, das unter vielen Vorwänden verweigert werden kann und wird. Es ist nicht erlaubt, mehr als 200 Mark pro Person bei sich zu haben, und allein durch diese Maßnahme ist die Emigration in einer Zeit der Krise und Stagnation, wie sie derzeit ­Europa erlebt, praktisch unmöglich.“

Marte Brills Leben im Exil wurde durch ihren Bruder Bill – im Roman heißt er Bob – ermöglicht, der in den USA lebte und seiner Schwester monatlich Geld zukommen ließ. Mit ihrer Tochter hatte Brill Quartier auf einer Finca bei Alcúdia bezogen, die sie als Oase der Friedens schilderte: „Es gab wohl hundert Feigenbäume, blaue und grüne, vom frühen Sommer bis in den späten Herbst. Vor Tau und Tag schon kamen Bauern, um die Früchte zu pflücken, und wenn die Gäste aus dem Haus traten, stand schon ein Körbchen frischer Früchte bereit, mit grünen Blättern bedeckt.“

Doch über diesem Garten Eden zogen immer wieder dunkle Wolken in Form von Nachrichten aus Deutschland auf. In „Der Schmelztiegel“ erfährt Brills Alter Ego ­Sylvia, „dass ihre Freunde in Deutschland geschlagen, bespien, mit Stiefelabsätzen getreten wurden, dass sie in den Konzentrationslagern litten oder mit zerschlagenen Knochen in den Hospitälern landeten, dass gute Kameraden Selbstmord begangen hatten, weil sie ihren Beruf nicht mehr ausüben konnten, oder weil sie an der Welt verzweifelten“. Auch das Paradies selbst begann, seine Unschuld zu verlieren, denn Brill spürte in Palma der Geschichte der xuetas nach und verfasste ein Essay mit dem Titel „Die Marannen der Insel Mallorca“ (Marannen oder Marranos ist eine abfällige Bezeichnung für zwangschristianisierte Juden und Muslime, Anm.d.Red.).

Dass Marte Brill Mallorca bereits im August oder September 1933 wieder verließ, hatte rein praktische Gründe: „Die Tochter hebt hervor, dass es der Mangel an Arbeitsmöglichkeiten für die Mutter auf Mallorca oder überhaupt in Spanien und die Notwendigkeit eines geregelten Schullebens für sie selbst waren, die zum Entschluss führten, die Insel zu verlassen“, schreibt Reinhard Andress in seinem Buch „Der Inselgarten“. Brill wanderte nach Brasilien aus. Ihre Tochter Alice folgte ihr 1934 mit ihrem Vater. Ernst Brill kehrte 1936 nach Deutschland zurück, wo er wegen Rassenschande angeklagt, nach Riga deportiert und 1942 erschossen wurde. „Meine Mutter hat die Tragik seines Schicksals nie verwinden können“, zitiert Andress die Tochter Alice Brill Czapski. Marte Brill starb 1969 in Brasilien.

Anders als Brill wollten die meisten Juden nach Palästina auswandern, das unter britischem Mandat stand. Francesc Aguiló führte genau Buch und hielt die Namen derjenigen fest, die sich im britischen Konsulat nach den Auswanderungs­bestimmungen erkundigten, darunter im September 1934 kurioserweise der Direktor der deutschen Schule, Mayer, der als „Hitlerianer“ vermerkt ist.

Dank der Aufzeichnungen von Aguiló ist auch bekannt, dass das britische Konsulat auf Mallorca sowie das Generalkonsulat in Barcelona Juden die Einreise nach Palästina erleichterten. Wer erster Klasse reiste, brauchte keine Genehmigung, wer die Touristenklasse buchte, musste eine Bürgschaft von 60 Pfund Sterling hinterlegen, die er nach seiner Rückkehr aus Palästina wieder erhalten hätte. Doch nicht alle konnten diese 60 Pfund aufbringen. So vermerkte Aguiló den Fall eines holländischen Ehepaars Namens Jacob oder Jacobs, das mit 100 Peseten verschuldet war und nicht das Geld hatte, um nach Palästina auszuwandern. „Aber dann behaupten, dass die Touristen Millionäre seien“, kommentierte der Vizekonsul wohl nicht ohne Bitterkeit.

Auch was sich in seiner Umgebung abspielte, hielt Aguiló in seinem Notizbuch fest. Zum Beispiel, dass ein Nazi-Provokateur im Juli 1933 der englischen Wochenzeitung „Palma Post“ einen Zettel mit der Aufschrift „Palma“ auf der Vorderseite und „Jude“ auf der Rückseite unter der Tür durchschob. Oder dass die Gemeinde Palma der jüdischen Gemeinde von Barcelona 100 Peseten für die Unterstützung von Flüchtlingen gewährte. Und dass der Chefrezeptionist des Hotels Formentor noch einmal 50 Peseten drauflegte. Oder dass eine Frau, die er für eine Jüdin hielt, einem britischen Major eine Ohrfeige gab, als dieser murmelte, dass alle deutschen Schweine seien.

1936 brach der Spanische Bürgerkrieg aus, und bereits im Juli des Jahres befand sich Mallorca in der Hand von General Francos Parteigängern und der Falange. Unter den Exilanten herrschte Angst, viele von ihnen suchten das britische Konsulat auf. „Die unbehagliche Situation erweckte bei vielen den Wunsch, sich einzuschiffen, und in den Büros des englischen Konsulates drängten sich die Besucher, um tausend Details zu erfragen und zu erfahren, und einige der Verfolgten baten um englischen Schutz.“

Nicht allen konnte das Konsulat helfen. Offenbar gab es sogar Juden, die in ihrer Verzweiflung zurück nach Deutschland wollten. „Der deutsche Generalkonsul in Barcelona ließ keine deutschen Juden ohne Staatsangehörigkeit zu, der französische erlaubt den russischen keine Einreise nach Frankreich, etc. Und so ist es vielen Juden unmöglich, die Insel zu verlassen“, schrieb Aguiló über die Situation der Juden, die kein Visum für die Flucht in ein anderes Land erhielten. Für sie begannen schwere Zeiten. Die Einwohner des faschistischen Spaniens mussten sich öffentlich zu ihrer Religion bekennen. Wehe dem, der nicht katholisch war: Erneut wurden antisemitische Töne laut. In Barcelona musste die Syna­goge schließen, jüdische Kinder durften keine öffentlichen Schulen besuchen.

Unterdessen verschärfte die Nazi-Regierung weiter die Ausgrenzung der deutschen Juden. Nachdem bereits 1935 der braune Rassenwahn mit den sogenannten Nürnberger Gesetzen eine juristische Grundlage erhalten hatte, verordneten die Nazis 1938, dass jedem Juden ein rotes „J“ in den Pass gestempelt wurde. Zudem zwangen sie Frauen den zusätzlichen Vornamen Sara, Männern den Zweitnamen Israel auf. Auf Mallorca waren rund 30 Exilanten davon betroffen.

Im Juni 1940 forderten die Deutschen schließlich von General Franco, dass Mallorca „judenrein“ werden müsse. Spaniens Diktator ließ es zwar nicht zu, dass man Mallorquiner jüdischer Herkunft deportierte, doch hatte er keine Einwände gegen die Ausweisung der jüdischen Emigranten. Dokumentiert ist der Fall von Irene und Ernst Heinemann, die 1933 aus Magdeburg nach Palma geflohen waren. Ein Visum für ein anderes Asylland besaßen sie nicht. Aus Angst vor der drohenden Ausweisung nahm sich das Ehepaar im Juli 1940 in seinem Haus in El Terreno das Leben. Bis heute erinnert weder an sie noch an die anderen verfolgten Juden eine Gedenktafel auf Mallorca.

Nächste Woche: Von Hitler ausgebürgert, von Franco eingesperrt – der Pazifist und Kapitänleutnant a.D. Heinz Kraschutzki


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