Maria de la Salut - Ein Dorf mit ganz viel Herz

16-07-2009  
Der Höhepunkt meines Aufenthalts: Mittagessen im Kreise der Familie von Miguel Font (am Kopfende).
Der Höhepunkt meines Aufenthalts: Mittagessen im Kreise der Familie von Miguel Font (am Kopfende). Foto: SD

SILKE DROLL Als ich um elf Uhr am Montagvormittag in Maria de Salut ankomme, deutet noch nichts darauf hin, dass ich dort wahrhaft außergewöhnliche Herzlichkeit und Gastfreundschaft erleben soll. Der Dorfplatz mit seinen drei Bars wirkt verlassen, kaum einer der rund 2.000 Bürger lässt sich blicken. Nur ein paar Stunden später werde ich denken, dass der kitschige Spruch „Sie kommen als Fremder und gehen als Freund“ manchmal tatsächlich zutrifft. Für den 2.000-Seelen-Ort in der Mitte Mallorcas würde ich ihn sogar unterschreiben.

Zunächst will ich vor allem meine Aufgaben erfüllen: Ein Foto mit einem Einheimischen, ein Souvenir besorgen und zehn Euro ausgeben. Zumindest letzteres sollte nun wirklich kein Problem sein. Das Bild habe ich als erstes. An der Straße zur Kirche hinauf entdecke ich eine Frau, die ihren Haus­eingang schrubbt. „Gestern Abend hätten Sie hier sein müssen“, sagt sie. Da habe das halbe Dorf auf der Plaza das Tanzbein geschwungen. Eine Nachbarin kommt vorbei, ich drücke ihr meine Kamera in die Hand und Francisca Miquel, ihr Schrubber und ich sind verewigt.

Auf dem Dorfplatz sitzt mittlerweile die frühere Mesnerin der Pfarrei, Macía Bergas, bei ihrem täglichen Milchkaffee. „Wenn Sie hier irgendetwas wissen wollen, sind Sie bei mir richtig. Wenn hier einer vorbeikommt, kann ich schon sagen, woher er kommt und wohin er geht.“ Das lebende Gedächtnis des Dorfes? Da weiß ich gar nicht, wo ich mit dem Fragen anfangen soll. Ich bestelle erst mal ebenfalls einen Milchkaffee. Die 81-Jährige erzählt dann weniger über andere, sondern mehr über sich selbst. Dass sie jeden Tag zwei Rosenkränze betet, am Samstag sogar fünf, dass Franco doch besser war als Zapatero heute und dass sie kranke Menschen mit Handauflegen heile. Diese besondere Gabe liege in der Familie. Zum Schluss gibt es noch eine handfeste Info: Vor wenigen Tagen hat im Dorf der erste Supermarkt eröffnet, die Filiale der Kette A prop bedrohe nun den örtlichen Einzelhandel. „Aber die Leute freuen sich über die günstigeren Preise.“ Als ich bei der Kellnerin am Tresen zahlen will, winkt diese ab. Meine Gesprächspartnerin hat die Rechnung übernommen, ohne dass ich es gemerkt habe. Sehr nett!

Jetzt will ich mal mein Mitbringsel organisieren. Melonen sollen hier besonders gut sein. Die kaufe ich natürlich nicht im neuen Supermarkt, sondern im Krämerladen Es Comellar, der die Früchte von einheimischen Bauern bezieht. Dann soll es noch eine selbst gemachte Sobrassada von Metzger Pedro des Carreró in der gleichen Straße sein. Der 61-Jährige führt sein Geschäft in der dritten Generation, sein Sohn steht schon als Nachfolger bereit. Als ich den Supermarkt erwähne, gerät der Metzger in Rage. Eine Tirade gegen große Handelsketten ergießt sich über mich. Denn Carreró sieht die Existenz seines Traditionsladens bedroht. Von harter Kalkulation ist bei ihm trotzdem keine Spur. Als ich den Geldbeutel zücke, reagiert er genauso wie die Kellnerin. Die Wurst schenkt er mir. Schon wieder so ein freundlicher Mensch! Da muss man wohl tatsächlich in den neuen Supermarkt gehen, wenn man Geld ausgeben will.

Doch vorher treffe ich Miguel Font auf der Straße. Der 65-Jährige kommt gerade von seinem Obstgarten nach Hause. Erst erklärt er mir den Weg, dann stopft er mir Pflaumen in meine Plastiktüte, dann lädt er mich spontan zum Essen ein. Er zeigt auf das Haus seiner Schwägerin. „Wir sind viele, da gibt es genug.“ Drin ist der Tisch schon gedeckt, acht Erwachsene, vier Kinder, drei Generationen. Alle wohnen in Maria de la Salut, zum Mittagessen kommen sie täglich zusammen.

Über den Überraschungsgast scheinen sie sich nicht einmal besonders zu wundern. Auf den Tisch kommt tumbet, das mallorquinische Sommergericht. Lecker! Mein Budget brauche ich in Maria de la Salut nicht mehr auf, schwer bepackt breche ich trotzdem auf. Miguel Fonts Schwiegersohn drückt mir noch eine Tüte voller Gemüse aus Eigenanbau in die Hand. Und seine Frau sagt, „Na, wenn du wieder hier bist, du weißt ja jetzt, wir essen um 14 Uhr.“ Mich wundert nichts mehr.

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