Mit der Kutsche im Labyrinth von Palma de Mallorca

Der Klassiker schlechthin: eine Fahrt mit der "galera" durch die Gassen der Altstadt

21-10-2009  
Mitglieder der Kutscher-Dynastie Suárez: Vater Joan Amador (61) mit Sohn Rafael (30) und Rappe „Harry
Mitglieder der Kutscher-Dynastie Suárez: Vater Joan Amador (61) mit Sohn Rafael (30) und Rappe „Harry" (9).  Foto: Nele Bendgens

MICHAEL MAIER Achtung, Achtung, atención!" – mit einem zweisprachigen Schlachtruf bahnt sich Kutscher Antonio Suárez (29) im Touristengewimmel rund um die Kathedrale hupend seinen Weg. Die traditionellen Pferdekutschen gehören in Palma zum Stadtbild und bieten ihre Dienste ab 30 Euro an.

„Harry ist ein gemütliches Pferd, ideal für den Weg durch die Altstadt", beruhigt Suárez beim Start der Rundfahrt. Auf dem Paseo Marítimo setzt der Kutscher dagegen lieber auf den bewegungsfreudigen zehnjährigen Rappen „Indio", der dann die Kreuzfahrtpassagiere vom Kai in die Altstadt bringt.

Die Saison für die Gespanne beginnt normalerweise Ende Juni und dauert bis in den November, wenn in Palma die letzten Mittelmeerkreuzfahrtschiffe Station machen. „80 Prozent unserer Fahrgäste sind Deutsche, außerdem sind noch ein paar Engländer und Italiener dabei", sagt Antonio Suárez. Neben den Touristen seien es aber durchaus auch Einheimische, die von der Kutsche aus die Stadt einmal aus einer neuen Perspektive erleben wollten.

Etwas merkwürdig angeschaut wird man schon, wenn man auf dem Gefährt durch die vornehme Einkaufsstraße Carrer Colón zieht, während Antonio Suárez auf Details aufmerksam macht, an denen man zig Male achtlos vorbeigegangen ist: ein historischer Patio in der Carrer de Can Sa Vella etwa, oder die blauen Keramiken an einer Hausfassade der Plaça Quadrado, dem historischen Kern von Palma, bevor es die Plaça Major gab. Weiterer Vorteil der kleinen Tour: Statt sich ständig in den Gassen zu verirren, findet Antonio Suárez zielstrebig seinen Weg durch das Labyrinth.

Fehlte nur noch eine Einladung zur Tapas-Verkostung auf der gemütlichen Terrasse vom Bistro „L´Ambigu", wo Suárez das Personal kennt, die Küche aber am Mittag leider noch geschlossen ist. Dafür hält der Kutscher unterwegs schon einmal an, wenn es etwas Besonderes zu sehen oder anzumerken gibt, sei es eine Anekdote aus der Stadtgeschichte oder auch eine Schimpftirade über die Politiker im an der Route liegenden Parlament und im Rathaus. Die machen der Kutschergilde neben dem jährlichen TÜV für das Fahrwerk noch viele weitere Auflagen, wollen gar einen Kutschenwechsel erzwingen. Doch statt für 6.000 bis 8.000 Euro das von der Stadt angebotene neue Gefährt aus Stahl zu kaufen, restauriert Antonio Suárez lieber nach und nach seine jahrzehntealte Holzkutsche. Ob aus Sparsamkeit, Nostalgie oder Tierliebe wird nicht so ganz klar. Die neuen Kutschen seien für die Pferde zu schwer, behauptet Suárez, erwähnt aber auch, dass er sich für die nächste Saison nach einem neuen Job umsieht. Bereits seit 2008 spüren er und seine Kollegen die Wirtschaftskrise.

Dabei ist eine Lizenz für die galera genannten Kutschen geradezu ein Privileg und wird normalerweise in der Familie durch Erbschaft weitergegeben. Bei der Familie Suárez ist schon fast eine Dynastie am Werk. Neben Antonio sind auch Bruder Rafael (29) und Vater Joan Amador (61) jeder mit einer eigenen Kutsche im Geschäft. Sollte einmal ein Pferd ausfallen, ist es allerdings strengstens verboten, untereinander zu tauschen. Die Tiere haben einen Chip unter der Haut; wenn da etwas nicht stimmt, kommt die Versicherung nicht für eventuelle Schäden auf.

Hightech regiert auch, was den Dreck betrifft. Die Pferdeäpfel sind seit einigen Jahren keine Tretminen für Fußgänger mehr, sondern werden direkt am Hintern des Tiers mit einer eingebauten Plastikplane aufgefangen, die von der Familie Suárez stolz demonstriert und mit einem Hebel betätigt wird.

Als Vater Joan Amador vor 36 Jahren in der Franco-Zeit mit seiner Kutsche anfing, gab es derlei Tricks noch nicht. Zu seinen berühmtesten Fahrgästen gehörte König Juan Carlos mit Gattin Sofía und dem damals noch jungen Kronprinzen Felipe und dessen Schwestern, die in den 70ern einmal spontan aus dem benachbarten Almudaina-Palast vorbeischauten, wo der Monarch in den Sommerferien sein Büro hat. Statt 50 Euro pro Stunde bezahlte Juan Carlos um die 200 Peseten, was damals allerdings ebenfalls viel Geld war. Vor Nepp sind die Fahrgäste heute durch eine Preisliste geschützt, die an jeder Kutsche aushängt und die Tarife nicht nur für die Fahrzeit festlegt, sondern auch für einzelne Ziele wie die Disco Tito´s, den Hafen, das Castell Bellver oder Arenal.

Infos
Hauptstandorte der Kutschen in Palma sind der Haupteingang der Kathedrale sowie die Plaça de la Reina.
Eine einstündige Fahrt kostet 50 Euro.

In der Printausgabe lesen Sie außerdem
- Inselgeschichten: Die Liebe zur Makrofotografie
- Wegweiser: Von Puigpunyent auf die Planícia de Puntals
- Schön hier: Palmas Innenhöfe
- Kindermenü: Lernen mit Comics
- Am Herd mit dem Professor: Kochkurs mit Eckart Witzigmann
- Die Wahrheit ist auf dem Teller: Ein echtes Stück Mallorca
- Herzhaft, gesund und heilsam: Mangold in der Küche
- Hotels für alle Sinne: Herbergen-Charme im L´Estada
- Schöne Dinge: Vorne Haare, hinten Mode

  Zeitungbibliothek


  LERNEN SIE UNS KENNEN:  KONTAKT |  REDAKTION |  ANZEIGEN-TEAM     WERBUNG:  TARIFE
mallorcazeitung.es gehört zur Verlagsgruppe  Editorial Prensa Ibérica
Die vollständige oder teilweise Verwendung der über dieses Medium angebotenen Inhalte ohne ausdrückliche Genehmigung der Mallorca Zeitung ist untersagt. Nach Gesetz LPI, Artikel 32,1, 2. Paragraf ist jedwede Reproduktion verboten.
 


  Aviso legal
  
  
Andere Medien der Gruppe Editorial Prensa Ibérica
Diari de Girona  | Diario de Ibiza  | Diario de Mallorca | El Diari  | Empordà  | Faro de Vigo  | Información  | La Opinión A Coruña  |  La Opinión de Granada  |  La Opinión de Málaga  | La Opinión de Murcia  | La Opinión de Tenerife  | La Opinión de Zamora  | La Provincia  |  La Nueva España  | Levante-EMV  | Regió 7  | Superdeporte  | The Adelaide Review  | 97.7 La Radio  | Blog Mis-RecetasEuroresidentes | Loteria de Navidad | Oscars | Premios Goya