Backen auf talayotisch – ein hartes Brot

Archäologie geht durch den Magen: MZ-Redakteur lernt bei einem Workshop, wie die Ur-Mallorquiner ihr Brot herstellten

11.02.2010 | 02:00
Der talayotische Totalfladen erinnert an Vollkornbrot.
Der talayotische Totalfladen erinnert an Vollkornbrot.

Lustig kann das Leben damals, vor mehr als 2.500 Jahren, nicht gewesen sein, so viel wird rasch klar. Albert, der Archäologe, hat an jeden Teilnehmer des Privat-Workshops Mörser ausgegeben, meist flache Steine, andere – die „modernen Modelle" – runde Hohlformen, und damit mahlen wir jetzt Weizenkörner, die einen mit Holzscheiten, andere mit Steinkugeln.

Wir knien im Kreis, es könnte religiös wirken, würden die Versammelten nicht von Zeit zu Zeit Schimpfwörter ausstoßen. Mein katalanischer Wortschatz erweitert sich minütlich. Für den Homo Supermarktiensis, der das Abenteuer Brotbacken normalerweise mit dem Einkauf einer Packung Mehl beginnt, eine ernüchternde Erfahrung.

Ein paar der Mörser sind Originalstücke, die – so Albert – „außerhalb ihres archäologischen Kontextes" gefunden wurden, also zum Beispiel in Steinmauern verbaut waren und daher wissenschaftlich wertlos sind. Mein Steintrumm, auf dem ich eine Handvoll Weizenkörner verteilt habe, ist ein 2.000 Jahre alter Quarzstein-Mörser. Das Gefühl ehrfürchtiger Faszination, das mich beim ersten Betasten durchflutet, wiederholt sich Stunden später, als ich nach dem Kursus nach Hause komme, unseren Back­automaten auf der Anrichte erblicke und davor beinahe weinend auf die Knie sinke.

Dass die Mallorquiner der talayotischen Epoche Brot buken, weiß man aufgrund von Ausgrabungen wie der von Son Fornés bei Montuïri. In ehemaligen Behausungen des Urzeit-Dorfes stießen die Forscher auf verbrannte Getreidekörner. Die Archäologen des in einer Mühle am Dorfrand untergebrachten Museums haben ein Programm mit didaktischen Aktivitäten auf die Beine gestellt. Talayotisches Brot backen ist eine davon. Ein einleitender Vortrag mit poppigen Bildern – das Programm ist für Schulkinder konzipiert – erklärt, wie mühsam der Vorgang des Mahlens war.

In der Tat. Nach zehn Minuten Rackerei sind die Körner zu einem unansehnlichen Haufen zerstoßen, die wenigen Gramm weißes Mehl, die ich ihnen entlocken konnte, haben sich großteils in die Vertiefungen meines Millennium-Steins verkrümelt.

Albert erzählt, Frauen­skelette aus der damaligen Zeit wiesen Abnutzungsverletzungen an Füßen, Knien und Händen auf, also genau dort, wo es auch uns bald schmerzt. Ich frage Albert, warum die Ur-Mallorquiner sich diese Plackerei überhaupt angetan haben. Jagen sei doch viel unterhaltsamer.

Der Archäologe klärt mich auf: Die Talayotfuzzis hatten keine andere Wahl. Nur wenig Jagbares kreuchte und fleuchte damals auf Mallorca herum – es gab kein Vieh, kein Wild, kaum nahrhafte Vögel, sogar die Kaninchen kamen erst mit den Römern auf die Insel –, und selbst was Früchte und Obst betraf, war die Landschaft schwach bestückt: Ölbäume und Wein hätten die Römer gebracht, und alles, was im Spanischen mit „Al" beginne, später die Araber, zum Beispiel Mandeln (almendras) und Johannisbrot (algarrobo). Was gab es dann eigentlich? „Brombeeren, Feigen und Getreide."

Bleibt also nichts übrig als bäuerliche Schufterei. Unser gemeinsamer Mehl-Account nach einer halben Stunde: ein kümmerliches 100-Gramm-Häufchen. Es fehlt an Übung, also schummeln wir und mischen das von Schoten und Kernhäuten verunreinigte Urmehl mit gekauftem Mehl und formen große Laibe. Einen Teil des Urmehls reservieren wir für einen total talayotischen Fladen, die typische Brotform damals, weil es für Laibe nicht reichte.

Der mallorquinische Ur-Fladen, den Albert später aus dem Ofen holt, sieht aus wie ein Vollkornprodukt und veranstaltet einen Härtetest mit meinen Zähnen. Albert meint, die Ureinwohner hätten wohl ihre Tricks gehabt. Der beste Trick aber war die technologische Entwicklung. Mahlen auf talayotisch erforderte drei Arbeitsstunden für ein Kilo Mehl. Der römische Rundmörser lieferte das Sechsfache. Eine mit Tieren betriebene Mühle produzierte pro Stunde sechs bis acht Kilo, eine Windmühle 20 bis 25 Kilo, und seit es Steckdosen gibt, machen wir in einer Stunde um die 170 Kilo. Es lebe die Zivilisation!

In der Printausgabe vom 11. Februar (Nummer 310) lesen Sie außerdem:
- Kindermenü: Ludoteca, die Spielothek in Palma
- Wegweiser: Mit Hund durch die Tramuntana
- Inselgeschichten: Das Denkmal der kleinen Leute
- Wellness für alle Sinne: Zeremonie für daheim
- Schöne Dinge: Unikate aus Port d´Andratx
- Gut und günstig essen: Das „menú del día"
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