Der Babysitter der großen Pötte im Hafen von Palma de Mallorca

Schiffsagent Christophe De Jonghe sorgt dafür, dass bei Passagieren und Besatzung keine Wünsche offen bleiben

20-05-2010  
Ohne Handy geht nichts mehr: Sonnyboy Christophe De Jonghe vor der „MSC Fantasia
Ohne Handy geht nichts mehr: Sonnyboy Christophe De Jonghe vor der „MSC Fantasia", die er gerade abgewickelt hat. Per Telefon wird der nächste Termin organisiert. Foto: Martin Rolshoven

VON MARTIN ROLSHOVEN Seltene Ersatzteile besorgen, den teuersten Champagner der Insel auftreiben oder einen Spezialisten für Herzkrankheiten finden? Für Christophe De Jonghe kein Problem: „Geht nicht, gibt´s nicht." Er ist Schiffsagent. Also eine Art Babysitter für Schiffe. Potenzielle Kunden: alles, was schwimmt und in Palmas Hafen andockt. Was auch immer Besatzung oder Passagiere brauchen, der 34-jährige Belgier steht bereit, um zu helfen – in sechs Sprachen.

Nur manchmal, da gibt es Anfragen, die selbst er nicht erfüllen kann. So hat eine Reederei aus Israel mal eine Tauchereinheit angefordert, um das Schiff zu beschützen. Zudem sollte das Wasser großräumig von unten beleuchtet werden, damit potenzielle Angreifer rechtzeitig erkannt werden könnten. Und bitte noch besondere Vorkehrungen gegen mögliche Bombenanschläge. „Das war zu viel des Guten", sagt De Jonghe.

Erfüllbar waren hingegen die Wünsche einer Adelsfamilie aus den Vereinigten Arabischen Emiraten. „Bevor ihre zwei Luxusyachten einliefen, haben wir die 300 Meter lange Anlegestelle neu asphaltiert und gestrichen", erinnert sich De Jonghe. Als die Scheichs angelegt hatten, wurden außerdem die Fender in weiße Tücher gepackt, damit die Yachten bei Kontakt mit dem Steg oder anderen Schiffen nicht dreckig werden konnten.

De Jonghe ist seit fünf Jahren Schiffsagent. Erlebt hat er mehr, als in diesen Artikel passt. Von Beginn an arbeitet er bei Transcoma, einer von fünf Serviceagenturen, die als Bindeglieder zwischen Hafenbehörde und Schiffsverkehr fungieren. Wer ihn auf seinen Touren durch den Hafen begleitet, glaubt, er sei bei der Grundsteinlegung der ersten Mole dabei gewesen. Polizei, Hafenarbeiter oder Zollbeamte: Alle kennen ihn, grüßen freundlich und bleiben zum Small Talk stehen. Er sorgt für gute Stimmung, lacht gerne und hat immer einen flotten Spruch auf den Lippen. Da kommt der Animateur und Reiseleiter in ihm durch – Jobs, mit denen er sich seinen Lebensunterhalt vor der Zeit als Schiffsagent verdient hat.

Was man erst auf den zweiten Blick sieht: Er steht enorm unter Strom. Sein Handy klingelt und piept ständig. Neue Infos kommen im Minutentakt rein, per Kurznachricht, E-Mail oder Anruf. Der Druck ist groß, denn Zeit ist Geld. Die Schiffe müssen ihren Zeitplan einhalten. Sonst wird es teuer. Jeder Tag in Palmas Hafen kann die Reederei eines großen Dampfers schnell 30.000 Euro kosten.

Manchmal öffnen sich aber auch Zeitfenster. Zum Beispiel, wenn sich das für 13 Uhr angekündigte Kreuzfahrtschiff um eine Stunde verspätet, De Jonghe aber schon auf dem Weg zum Dock ist. Dann muss umdisponiert, die Zeit anderweitig genutzt werden – Leerlauf kann er sich nicht leisten. In solchen Fällen schaut er einfach spontan bei einem anderen Schiff nach dem Rechten. Ist noch genug Frischwasser an Bord? Muss ein Landgang organisiert werden? Muss jemand zum Arzt? Und auch wenn es keine Probleme gibt, lohnt sich laut Christophe De Jonghe der Besuch: „Meine Kunden merken, dass wir uns immer um sie kümmern."

Und „sich kümmern" kennt auch keine geregelten Arbeitszeiten, denn De Jonghe muss rund um die Uhr einsatzbereit sein. So auch vergangenen Dienstag (11.5.), als morgens um 4.30 Uhr sein Handy klingelte. Auf der „Sea Cloud II", einem deutschen Segelschiff, war der Koch bewusstlos geworden. Da er dringend ärztlich behandelt werden musste, legte die „Sea Cloud II" zwei Stunden früher in Palma an als geplant. Für De Jonghe bedeutete das: Raus aus dem Bett, Krankenwagen organisieren, Spital informieren und ab zum Hafen.

In einem Fall musste es noch schneller gehen. Da hatte ein Mitglied der Besatzung eines Kreuzfahrtschiffes einen Herzinfarkt und musste per Rettungshubschrauber auf offener See gerettet werden. Organisiert hat den Einsatz Christophe De Jonghe.

Der Schlüssel zu seinem Erfolg ist sein großes Netzwerk. Hafenbehörden, Polizei, Ministerien und Händlerschaft – überall sitzen seine Ansprechpartner, hilfsbereit und voll des Lobes. Wie beispielsweise Marietta Vera, Dolmetscherin im Krankenhaus Palmaplanas. „Mit ihm läuft immer alles glatt", sagt die 54-Jährige. Sie ist die Schnittstelle zwischen Krankenhausverwaltung und den Kunden, mit denen Christoph De Jonghe vorbeikommt. Er sei sehr fleißig, kooperativ, zuverlässig und vor allem schnell. Wenn sie mal aneinandergerieten, dann nur, weil beide Perfektionisten seien und sich gegenseitig vorwerfen, nicht flott genug zu arbeiten.

Und sie ist mit ihrem Lob nicht allein. „Er ist immer in unserer Nähe", bestätigt Flaviu Bacotiu, „Immigration Officer" auf dem Kreuzfahrtschiff „MSC Fantasia", das diesen Sommer jeden Donnerstag in Palma Station macht. „Er liest uns jeden Wunsch von den Lippen ab", sagt auch Joel Stewart, Kapitän des Greenpeace-Schiffes „Arctic Sea", das in Palma derzeit für eine neue Mission auf Vordermann gebracht wird. Gerade erst hat De Jonghe wieder mal das Unmögliche möglich gemacht und kurzfristig einen Liegeplatz für die „Arctic Sea" organisiert. „Das war schwierig, denn es ist Hochsaison, und der Yachthafen, wo die ´Arctic Sea´ eigentlich hätte anlegen müssen, ist voll", sagt De Jonghe. Er ließ seine Kontakte spielen, und das Schiff konnte im Frachtbereich anlegen.

Ganz in der Nähe soll bald auch ein ganz besonderes Containerschiff haltmachen. Ob der Frachter aus Sagunto seine Last – einen 300 Tonnen schweren Generator – überhaupt abladen kann, weiß er noch nicht. Die Befürchtung: Das Dock hält dem großen Druck des Mega-Containers nicht stand und wird beschädigt. „Normalerweise wiegt ein Container nur 24 Tonnen." De Jonghe wartet noch auf das Okay der Hafentechniker, macht sich gleichzeitig aber auch schon Gedanken, wie man das Problem lösen könnte. Vielleicht könnte der Untergrund mit eine paar Stahlplatten verstärkt werden? Da findet sich schon eine Lösung.

Doch plötzlich wird De Jonghe unruhig. „Ich muss ins Krankenhaus." Für einen Moment sind die Schiffe kein Thema mehr. Seine Frau ist im fünften Monat schwanger. „Vergangenes Jahr hatten wir Pech, und es ging schief, jetzt gehört sie zu einer Risikogruppe." Heute hat sie einen Termin zur Kontrolluntersuchung. Er möchte dabei sein. Das Handy aber bleibt an.

In der Printausgabe vom 20. Mai (Nummer 524) lesen Sie außerdem:
- Im Selbstversuch: Blind Date im Atelier
- Kindermenü: Wetten macht Spaß

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