Turmbauer auf Mallorca: Nur zusammen sind wir stark

Auch eine Art der Integration: Ein MZ-Redakteur macht ein Schnuppertraining bei den Castellers de Mallorca – und kehrt euphorisiert zurück

03-06-2010  
Ob das gut geht? Gleich klettern die anderen an dem hier noch verängstigten MZ-Redakteur hoch.
Ob das gut geht? Gleich klettern die anderen an dem hier noch verängstigten MZ-Redakteur hoch. Foto: Nele Bendgens

MARTIN ROLSHOVEN Also probieren wir es aus. An diesem Donnerstagabend werde ich Teil des Turms. In der Zeitung hat eine Anzeige gestanden, dass die Castellers de Mallorca Mitstreiter suchen. Ich habe mich gemeldet, um auch einmal ein Turmbauer (casteller) zu sein.

In der Eingangshalle vom Institut Joan Maria Thomàs, einer Schule in Palma, üben etwa 40 castellers. Es ist eine bunt gemischte Truppe. Die meisten sind Mallorquiner. Aber auch Ausländer sind willkommen. Ihre Leidenschaft: nur mit Muskelkraft und Technik menschliche Pyramiden zu errichten. Das Grundprinzip: sich auf die Schultern zu steigen, gegenseitig festzuhalten und möglichst hohe Türme zu bauen.

Begründet wurde diese Tradi­tion im 18. Jahrhundert in der katalanischen Stadt Valls. Im 20. Jahrhundert breitete sie sich dann in ganz Katalonien aus, wurde zum Symbol für die Eigenständigkeit der katalanischen Kultur. Seit 1996 werden auch auf Mallorca fleißig Türme gebaut. Gleich zwei Gruppen gründeten sich damals: die Castellers de Manacor und die Castellers de Mallorca. Sie konkurrieren miteinander um die höchsten Türme und schwierigsten Konstruktionen.

Beginnen wir mit der Theorie. Jeder Turm besteht aus drei Elementen: Zapfen, Stamm und Kuppel, erklärt Gaspar Alemany von den Castellers de Mallorca. Aufgrund seiner kräftigen Statur ist Alemany ein baixo, denn er steht ganz unten, und auf seinen Schultern lastet das größte Gewicht.

Unterstützt wird er von den castellers, die den Zapfen (pinya) bilden, das Fundament des Ganzen. Sie bilden ein Gegengewicht und formieren sich kreisförmig und in Reihen um die baixos. Je höher der Turm werden soll, desto mehr Reihen müssen aufgebaut werden. Mit ihren Armen und dem Oberkörper üben sie Druck auf den Vordermann aus und stabilisieren so die gesamte Konstruktion.

Die baixos bilden zugleich das erste Stockwerk des Stamms (tronc), dem zweiten Turmelement. Die castellers über ihnen werden segons genannt, die in der dritten Etage terços, die der vierten quarts und so weiter.

Letztes Element eines Turms ist die Kuppel (pom de dalt). Je nachdem, welcher Turmtyp gebaut wird, besteht sie aus unterschiedlich vielen Elementen. Bei Türmen mit zwei oder mehr Personen pro Ebene bilden die zwei sogenannten dosos den Anfang der Kuppel. Über ihnen hockt der aixecador (auf Deutsch Träger), und gekrönt wird der Turm von einer anxaneta, dem Eichhörnchen. Bestehen die einzelnen Stockwerke des Stamms nur aus einer Person, gibt es weder die beiden dosos noch einen Träger.

Nun zur Praxis. Gerne würde ich nach oben – des erhabenen Gefühls halber. Das sei ­leider unmöglich, erfahre ich. Grund: zu groß wie zu schwer. Und bis nach ganz oben würden sowieso nur Kinder steigen. Dann also unten.  Erdgeschoss. Allerdings nicht als baixo, denn dafür bin ich wiederum zu schmächtig. Stattdessen geht es in den Zapfen. Mit mehreren Dutzend schwitzenden Männern Haut an Haut nebeneinander zu stehen, ist zunächst keine schöne Vorstellung.

„Bei uns ist jeder gleich wichtig", motiviert mich Gaspar Alemany und erklärt, worauf es als Teil der pinya ankommt. Vor allem: gut zuhören, was der cap de pinyes zu sagen hat. Er ist eine Art Bereichsleiter und achtet darauf, dass niemand zu viel oder zu wenig Druck ausübt. Wichtig sei der richtige Griff zum Vordermann. Von den Handgelenken sollte man lieber die Finger lassen, stattdessen nur nach Ober- oder Unterarm greifen. In Sachen Oberkörperunterstützung könne man hingegen wenig falsch machen: auf Kommando einfach gegen den Vordermann pressen, je nach Anweisungen mal kräftiger und mal schwächer.

Wieder einen Theorie-Block bewältigt. Jetzt fehlt nur noch die richtige Ausrüstung. Zur Kleidung: Sie sollte bequem und aus widerstandsfähigen Materialien sein. Die meisten colles castelleres, so werden die verschiedenen Vereine genannt, haben ihre eigene Tracht. Die Castellers de Mallorca tragen weinrote Hemden und weiße Hosen.

Dazu trägt ein casteller noch die sogenannte faixa, ein ziemlich eng geschnürtes Stofftuch, das den Lendenbereich stabilisiert. Gleichzeitig dient es als Aufstiegshilfe, denn richtig angelegt, kann ein anderer Turmbauer am oberen Rand des Tuches seinen Fuß hineinstecken. Einige castellers binden sich auch ein individuell gestaltetes Halstuch um die faixa. Es fungiert als zusätzliche „Treppenstufe" und als Erkennungsmerkmal.

Fertig eingepackt geht es in die pinya. Wie erwartet, ist die Luft dort nicht die frischeste, Männerschweiß sei Dank. Macht aber erstaunlicherweise nichts, denn das Gefühl, ein Teil des Turms zu sein, ist so großartig, dass der Rest gar nicht mehr stört. Keine Spur mehr von Berührungsängsten.

Die ersten castellers klettern hoch, zuerst die Männer, dann die Frauen, danach die Jugendlichen und zum Schluss die Kinder. In diesem Fall wird es ein pilar de cinc, ein Turm mit fünf Stockwerken, wobei jedes aus einer Person besteht. Diese Pfeilerstruktur ist nur eine von vielen möglichen Turmkonstruktionen. Die Bezeichnung richtet sich nach der Anzahl der Ebenen und danach, wie viele castellers eine Etage bilden. So steht tres de set beziehungsweise „drei von sieben" für einen siebenstöckigen Turm, bei dem drei Personen eine Etage bilden. Wären es zwei pro Stockwerk, würde man von einem torre de set sprechen.

Während die anderen über uns Zapfen hinwegklettern, darf ich ihnen eigentlich nicht dabei zusehen. Denn wenn der Turm einstürzt, ist der Kopf kaum geschützt. Deshalb lehnt man sich an den Vordermann und legt den Kopf an dessen Schulter ab. Jetzt darf keiner einen Fehler machen, weder oben noch unten. Nur zusammen sind wir stark. Es ist ein euphorisierendes Gefühl, casteller zu sein.

Es klappt. Der pilar de cinc steht, das Eichhörnchen an der Turmspitze grüßt das nicht vorhandene Publikum und beginnt mit dem Abstieg, die anderen Ebenen folgen. Wir beklatschen uns gegenseitig. Das Training ist beendet. Die bunt gemischte Truppe löst sich auf. „Kommst du wieder?", fragt mich Gaspar Alemany beim Rausgehen. „Ja", antworte ich ohne zu zögern. Die aus Manacor können sich warm anziehen.

Einmal Turm sein
Bei den Turmbauern kann jeder mitmachen. Die Castellers de Mallorca treffen sich zweimal pro Woche: jeweils donnerstags um 20 Uhr bzw. 18.30 Uhr (für Kinder) im Instituto Joan Maria Thomàs in Palma, C/. Pablo Iglesias s/n oder samstags ab 19 Uhr im Bildungszentrum Son Canals in Palma, C/. Son Canals, 10. Weitere Informa­tionen gibt es unter Tel.: 609-83 84 99 oder unter www.castellersdemallorca.com

In der Printausgabe vom 3. Juni (Nummer 526) lesen Sie außerdem:

- Inselgeschichten: Die Nonnen von Santa Clara
- Kindermenü: Welterbe, was ist das?
- Der beste Sommelier der Balearen: Miguel Ángel Gener im Interview
- Schöne Dinge: Deko-Objekte vom Holzkünstler
- Wellness für alle Sinne: Spa-Besuch im Robinson Club

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