Siphons und Brausen: Wenn die Leidenschaft sprudelt

Zwei junge Leute wollen auf Mallorca die alte Getränketradition der Insel wiederbeleben. Die Chancen dafür stehen gar nicht mal so schlecht

25-11-2010  
In solchen Siphons wurden die Limonaden früher abgefüllt
In solchen Siphons wurden die Limonaden früher abgefüllt Foto: Nele Bendgens

MARTINA ZENDER Der nostalgische Blick zurück in die „guten alte Zeiten" liegt im Trend. Retro heißt das Zauberwort und beschert uns den Vintage-Look oder das Revival des Flower-Power-Stils, Blümchentapeten inbegriffen. Auch diverse Markenprodukte der Vergangenheit, die irgendwann ganz vom Markt verschwanden oder seit Jahren nur noch vor sich hin dümpelten, werden als „kultig" wiederentdeckt oder gar aufwendig relaunched, wie dies auf Neudeutsch heißt. Darunter in Deutschland die Creme 21, Ahoj-Brause, Afri-Cola, Tri Top oder die Orangeade Raspa.

Nun ist der Trend dank zweier junger Leute auch auf der Insel angelangt. Die Deutsche Uta Gritschke (36) und der Mallorquiner Juan Carlos Montoro del Salto (35) haben sich in der deutschen Hauptstadt kennengelernt. Die dortige Wiederentdeckung diverser Brausen – etwa der Vita-Cola der früheren DDR – inspirierte Montoro dazu, sich nach seiner Rückkehr auf mallorquinische Getränketraditionen zu besinnen. Dazu gehören Siphons, Traditionslimonaden und das Pfandflaschensystem ebenso wie der Weinkauf direkt ab Fass. Montoro eröffnete mit diesem Konzept im September seine „La Sifonería" in Palmas Altstadt.

Ins Auge springen dort zunächst einmal die von buntem Plastik ummantelten alten Siphons. Erfunden wurde das Soda­wasser (eine Mischung aus Natriumhydrogencarbonat, Kohlensäure und Wasser) und die dazugehörige Flasche, der Soda-Siphon, 1826 von dem ungarischen Naturwissenschaftler, Lehrer, Erfinder und Benediktinerpriester Ányos István Jedlik. Heute ist die Benutzung von Siphons auch auf Mallorca eigentlich kaum noch üblich. Nur in einigen Dorfkneipen, wo der palo (Anis-Schnaps) oder auch der Wein noch mit sifón aufgespritzt und getrunken wird, bekommt man die Spritzflaschen zu sehen.

Bei Montoro aber erfahren diese bunten Zeugen der Vergangenheit ein kleines Revival. 1,50 Euro zahlt man als einmalige Pfandgebühr, für 1,25 Euro erhält man einen gefüllten 1,25-Liter-­Siphon für das Sprudelwasser oder die Apfelschorle daheim. Darüber hinaus ver-kauft der Mallorquiner noch andere althergebrachte Getränke: die sogenannten gaseosas (alle 60 Cent die Flasche plus 10 Cent Pfand). Dahinter verbergen sich limonadenartige Getränke mit Zitronen- oder Orangengeschmack sowie die auf Mallorca erfundene pin­ya mallorquina – das dunkle colaähnliche Standardgetränk in nahezu jeder Familie, bevor Coca-Cola seinen Siegeszug antrat und überall kleine Firmen vom Markt drängte. Zu guter Letzt sind auch Montoros Binissalemer Weine vom Fass bei den Altstadtbewohnern beliebt (ab 1,55 Euro pro Liter).

„Wir haben schon viele regelmäßige Kunden, die sich auch für die Geschichte und unsere Vision interessieren", erzählt Montoro. Seine Lebensgefährtin Uta Gritschke betreibt im gleichen Haus eine Kunstgalerie, und so finden die Plastikmäntel ausrangierter Siphons als recycelte Lampen eine neue Bestimmung (Galerie Intersecció Art, nächste Vernissage: 26. November mit der Künstlerin Helga Holmen).

Vor einigen Jahrzehnten gab es auf Mallorca noch in fast jedem Dorf eine Sodawasserfabrik, über 60 Unternehmen waren es, einige davon Ende des 19. Jahrhunderts gegründet. Heute ist davon nur eine Firma übrig: „La Paduana" in Petra, die auch Montoro mit Siphons und Limonaden beliefert.

Mittlerweile hat zwar Hartplastik, eingeführt aus Argentinien, das Glas abgelöst, aber die sifonería führt noch die attraktiven Nostalgie-Siphons. „Die Glasflaschen sind offiziell mittlerweile verboten und müssen eigentlich nach und nach aus dem Verkehr gezogen werden", erzählt Toni Gibert Mora (27), seit zwei Jahren in dritter Generation Chef von La Paduana. Das sei nicht nur wegen der Ästhetik schade, sondern auch wegen der größeren Effektivität: Aus den Glasflaschen kommt das Wasser mit doppelt so starkem Druck.

Es überrascht kaum, dass die Flaschen auch bei Sammlern beliebt sind. Ausgemusterte, aber dekorative Stücke finden sich bei Internetauktionen oder auf dem Flohmarkt. Auch Juan Carlos Montoro nennt eine kleine Sammlung sein Eigen. Über die mit Abstand größte Kollektion allerdings verfügt der 80-jährige Mallorquiner Julian Puig. In einem Lagerhaus auf dem Land hat er circa 14.500 kleine Glas-Siphons aufbewahrt, „alle mindestens 50 Jahre alt".

Julian Puig sitzt sozusagen an der Quelle des Sodawassers und der gaseosas. Sein Vater gründete im Jahr 1929 die Firma Julian Puig in Llucmajor, und der Nachwuchs wurde früh in den Betrieb integriert. Vor der Technisierung der Getränkeabfüllung war die Sodaherstellung eine mühevolle und zeitaufwendige Arbeit. „Allein für die Reinigung von einem Siphon mit Dampf und heißem Wasser benötigte man eine Viertelstunde", erzählt Julian Puig.

Und es konnte durchaus gefährlich werden. Wie man auf der historischen Aufnahme aus den 50er Jahren erkennen kann, mussten Arbeiter Schutzkappen vor dem Gesicht tragen, um sich bei möglichen Explosionen der Glasflaschen zu schützen. Später wurde aus diesem Grund auch der Plastikmantel für die Flasche angeordnet.

„Wir haben Ende der 60er einmal 524.000 Siphons in einem Jahr verkauft – das war unser Rekord", erinnert sich Julian Puig. Da auch der Geschmack der gaseosas, speziell der pinya mallorquina, überzeugte, gehörte die Firma bald zu den Marktführern. Vom Erdgeschoss des Familiensitzes in Llucmajor – in dem, wie es der Zufall so will, mittlerweile die Autorin dieses Artikels wohnt – zog man daraufhin an den Ortsrand.

Nicht jeder Fabrik war so viel Erfolg beschieden. Viele Limonaden-Großabnehmer liefen zur Festland-Konkurrenz über, die dank weitaus größerer Produk­tionskapazitäten preislich attraktiver war. Julian Puig kaufte einige dieser Firmen auf. „Mir gehörten zeitweise neun, zehn andere Betriebe." So konnte er preislich noch eine Weile mithalten, zumal er auch eine bessere Qualität anbieten konnte. Um die zu gewährleisten, kostete Julian Puig jeden Morgen die erste Pinya-Abfüllung.

Doch auch diese Zeiten sind längst vorbei. Seit seinem Ausstieg aus der Firma vor 15 Jahren hat Julian Puig keine pinya mehr getrunken. „Irgendwann ist es genug", sagt er. Auch sein Sohn und Nachfolger konnte nichts mehr gegen die Übermacht von Coca-Cola & Co ausrichten. Aus Kostengründen wurde die eigene Produktion ganz eingestellt. Die Firma Puig lässt mittlerweile bei La Paduana nur noch eine – gemessen an früheren Zeiten – kleine Menge an gaseosas abfüllen. Stattdessen kümmert man sich mit den betriebseigenen Lkw um den Vertrieb, nicht nur der eigenen Produkte, sondern auch der anderer Getränkehersteller.

Auch zwei weitere Firmen – Miret und La Delecta – hielten es wie Puig und vergaben die Herstellung an La Paduana. Dort werden derzeit drei Fremdmarken und die eigene „Suc frut"-Linie abgefüllt. Im Unterschied zu den Anfangsjahren – in Ermangelung von Strom musste der Generator 1945 noch mit Eselkraft betrieben werden – prägen moderne Maschinen den Arbeitsalltag. Bis zu 15.000 Flaschen können hier in der Stunde abgefüllt werden. „Restaurants wie das Es Cruce bei Montuïri sind große Abnehmer, sie geben eine gaseosa beim menú del día dazu, die wird pur getrunken oder mit Rotwein als tinto de verano gemischt", erzählt Miquel Gibert Rosselló, Seniorchef von La Paduana. „Es Cruce benötigt jede Woche circa 4.000
Flaschen."

Auch Miquel Gibert und sein Sohn Toni meinen, eine Retro-Trend festzustellen: „Die pinya mallorquina ist wieder im Kommen und wird immer stärker nachgefragt, speziell auch von jüngeren Leuten." Und so trinkt die Jugend das süße Gebräu ihrer Väter und Großväter – ein einzigartiges mallorquinisches Erzeugnis wie Ensaimada, Sobrassada, Hierbas oder Palo, das aber im Unterschied zu diesen Spezialitäten nicht offensiv vermarktet wird. Dabei stehen auch Mitglieder der Balearen-Regierung auf gaseosas, wie ein Anruf während des Interviews mit den Giberts beweist. Das Sekretariat der Landesregierung ordert für eine Veranstaltung kistenweise pinya. Getränke mit Geschichte schmecken halt einfach besser.

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