Mauerbauer auf Mallorca: Auch Steine wollen gefühlt sein

Die „margers" bauen Natursteinmauern, Wasserkanäle und pflastern Wege. Die MZ hat ihnen über die Schulter geschaut: beim Restaurieren der alten Straße von Alaró nach Orient

11-02-2011  
Ohne Mauern ist Mallorca kaum vorstellbar
Ohne Mauern ist Mallorca kaum vorstellbar Foto: Nele Bendgens

BARBARA POHLE Die Wurzeln einer fünfstämmigen Kiefer haben sich tief in das Mauerwerk eingegraben. Mit den Schaufeln eines Baggers versuchen die margers, so nennt man im Mallorquinischen die Mauerbauer, sie mitsamt den Steinen aus dem Erdreich zu ziehen. Weil das auch mit vereinten Kräften nicht gelingen will und es ohnehin zehn Uhr und Zeit für die merienda ist, die morgendliche Vesper, kann man die Arbeit unterbrechen und den MZ-Reportern die Restaurierung des Weges zeigen.

„Wir reparieren hier zu zehnt im Auftrag des Inselrats ein 500 Meter langes Wegstück zwischen den beiden Tafelbergen Puig d´Alaró und s´Alcadena", erklärt marger Juan Vidal. Er baut seit elf Jahren für den Consell Insular, das Handwerk hat er von der Pike auf in der Escola de Margers gelernt. Seit 1986 gibt es die meist zwei Jahre dauernde Ausbildung auf Mallorca. Absolventen und Schüler bauten unter anderem den Baranc de Biniaraix, den Schneesammlerweg bei Lluc und viele weitere Pfade der Ruta de Pedre en Sec, des Fernwanderwegs GR 221, der von Andratx nach Pollença führt. Auch beim Wegstück, das gerade restauriert wird, handelt es sich um eine neu eröffnete Nebenstrecke des GR 221. Wanderer können nun von der Herberge Tossals Verds zum Castell d´Alaró gelangen.

Das bocadillo in der Hand geht Vidal den Weg hinauf, dorthin, wo die margers im April 2010 mit ihrer Arbeit begannen. Hier liegt die Quelle Font Figueras und die verfallenen Gebäude daneben. Die Ruinen gehören zum Landgut Solleric. Früher haben dort die Arbeiter der Possessió gewohnt, heute sprudelt nur noch die Quelle unter den riesigen Feigenbäumen. „Das Wasser ist hier jahrzehntelang unkontrolliert den Weg hinab ins Tal geflossen und hat immer mehr Erde und schließlich auch Steine mitgerissen", sagt Vidal. Nichts, so erfährt man, kann einen Weg gründlicher zerstören als Wasser. Dort, wo sich Feuchtigkeit ausbreitet, sind stets Wurzeln auf ihrer Suche nach Wasser zur Stelle und zerstören die Mauern.

Zu Beginn der Bauarbeiten erneuerten die Steinmetze den Kanal, der das Quellwasser aus der Font Figueras zum Torrent Solleric führt. Die Wasserrinne besteht aus zwei Natursteinmauern, rallas genannt. „Wenn Wasser offen und nicht in unterirdischen Kanälen verläuft", sagt der 53-Jährige, „dann steht es als Tränke für Vögel und andere Tiere weiterhin zur Verfügung."

Der Mauerbauer geht dann das bereits restaurierte Wegstück wieder bergab. Links wachsen auf Terrassen Kiefern und viel Gestrüpp, rechts fällt das Gelände steil in Richtung des torrent, des Sturzbaches, ab. „Nicht nur das Quellwasser zerstörte den Weg, auch die Niederschläge haben großen Schaden angerichtet", sagt er.

Um das in Zukunft zu verhindern, werden in Abständen von eineinhalb Metern auf der Wegoberfläche ralletas, etwa zehn Zentimeter hohe Steinreihen, angelegt (Foto 3). Vor diesen kann das Regenwasser durch eigens in den Natursteinmauern angelegten Abflüssen in Richtung Sturzbach gelangen. Die Fläche zwischen den ralletas ist von den Mauerbauern bereits gepflastert worden. Zwischen den dicht an dicht angeordneten Steinen wurde Kies aufgeschüttet, darauf ockerfarbene Erde verteilt. Die Piste ist nun eben, hier wird kein Wanderer mehr stolpern.

Fast am Ende des zu restaurierenden Wegstücks ist eine Mauer eingestürzt, die ursprünglich zwischen zwei Felsen den Pfad stützte. „Eine marge ist eine Mauer, die einem Weg oder einer Terrasse Halt gibt", erklärt er. Meistens besteht sie aus zwei Wänden, in deren Mitte kleinere Steine geschüttet werden. Handelt es sich nur um eine einfache Mauerwand, so nennt man sie einfach pared. „Trockenmauer" heißt dieser Mauertyp, weil kein Zement, kein Gips und kein Kalk zum Einsatz kommt, also Bindemittel, die mit Wasser angerührt werden.

Das Mauerwerk muss in regelmäßigen Abständen mit einem Steinpfeiler, einer capginya, verstärkt werden. Die Schräge soll etwa 20 Prozent pro Meter betragen. Die margers haben beim eingestürzten Mauerstück das Erdreich zwischen den Felsbrocken bereits gerodet und klein geschnittene Äste und Wurzeln aufgestapelt. Das Kleinholz wird bei den nächsten meriendas als Feuerholz verbrannt.

Damit die Mauer, die hier entsteht, auch wirklich gerade wird, spannen die Steinmetze als grobe Richtlinie eine Schnur. Die Steine haben sie bereits nach ihrer Größe vorsortiert. Die kleineren kommen in Gummitragetaschen, die senayas, damit sie einfacher zu transportieren sind. Große, schwere Steine heben die Arbeiter mit dem Stemmeisen, der parpelina, leicht an und greifen die Brocken dann mit den Händen. Das wichtigste Rüstzeug der margers ist jedoch ihr Augenmaß. „Man braucht ein Gefühl für die Steine", sagt Vidal. So können sie mit einem geschulten Blick den richtigen Stein für die Mauer auswählen.

Bei der ersten Reihe ist die Auswahl noch groß, bei den folgenden müssen die Steine genau in die Zwischenräume passen. Ist der richtige nicht dabei, muss der Brocken behauen werden. Dazu setzen die Steinmetze den pico ein. Ein gekonnter Schlag – und das Gestein bröselt auseinander. „Wie beim Zertrennen eines Holzscheits muss man wissen, wo die Linie verläuft, an der die Steine auseinanderbrechen", sagt Vidal. Bei großen Felsbrocken wird zunächst mit einem Hochleistungsbohrer eine Linie perforiert. An deren Bruchstelle wird dann der Gesteinsbrocken mit einem großen Hammereisen entzweigeschlagen. Es sieht ganz einfach aus.

Nicht klein zu kriegen war an diesem Morgen hingegen das Mauerstück mit der Pinienwurzel. Es machte den margers noch am Tag darauf zu schaffen.


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