Sehnsucht nach den Marines

Laut Wikileaks würde sich die spanische Regierung wieder über eine stärkere Präsenz der Sechsten Flotte im Mittelmeer freuen. Kein Wunder: Früher bescherten die US-Soldaten Barcelona und Palma Riesenumsätze

30-12-2010  
Die Marines achteten bei ihren Landgängen in Barcelona und Palma nicht auf die Pesete. Die beiden Häfen hatten keine strategische Bedeutung, sondern dienten nur der Unterhaltung. Die Bilder wurden allesamt in Barcelona aufgenommen, wo in den 50er Jahren bis zu 10.000 Marines auf einmal die Kasse klingeln ließen.
Die Marines achteten bei ihren Landgängen in Barcelona und Palma nicht auf die Pesete. Die beiden Häfen hatten keine strategische Bedeutung, sondern dienten nur der Unterhaltung. Die Bilder wurden allesamt in Barcelona aufgenommen, wo in den 50er Jahren bis zu 10.000 Marines auf einmal die Kasse klingeln ließen.  Foto: Editorial Campana

HOLGER WEBER Zu den Enthüllungen der Internetplattform Wikileaks gehört, dass sich die Regierung von Premier José Luis Rodríguez Zapatero wieder eine stärkere Präsenz der Sechsten amerikanischen Flotte in den spanischen Mittelmeerhäfen wünscht. Wie Dokumente belegen, laufen die diplomatischen Bemühungen auf Hochtouren – trotz der Proteste von Umweltschützern, die in den vergangenen Jahren vor allem gegen die atomgetriebenen Schiffe in den spanischen Häfen demonstrierten.

Mag sein, dass auch die terroristische Bedrohung von El Kaida bei den Bestrebungen eine Rolle spielt, wie Wikileaks ausführt. Der wohl wichtigste Grund aber dürfte wirtschaftlicher Natur sein. Denn die Sechste Flotte bescherte den Hafenstädten Barcelona, Palma und auch Tarragona vor allem zwischen 1950 und 1990 enorme Einnahmen. An diese Zeit, in der spendierfreudige Marines zu Tausenden die Innenstädte bevölkerten, erinnert jetzt auch ein im Verlag „La Campana" erschienenes Buch über den Einfluss der US-amerikanischen Soldaten auf Barcelona: „La sisena flota a Barcelona. Quan els nord-americans envaïen la Rambla" (Die sechste Flotte in Barcelona. Als die Amerikaner die Rambla eroberten). „Mit den yankees hat der eigentliche Tourismusboom in der Stadt begonnen", sagt Autor Xavier Theros. Die Entwicklung in der katalanischen Hauptstadt und Palma sei durchaus vergleichbar. Beide Städte hatten aus strategischer Sicht für die in Cádiz und Neapel stationierte Flotte kaum Bedeutung. In Palma und Barcelona legten die Schiffe vor allem an, damit sich die Soldaten amüsieren konnten.

In der Zeit zwischen 1958 und 1962 – in Barcelona nannte man diesen Abschnitt auch die goldene Epoche – nahmen pro Jahr mehr als 100 Schiffe Kurs auf Barcelona. Bei einem Flugzeugträger und vier Kreuzern seien da schon einmal knapp 10.000 Soldaten an Land gespült worden, so Theros. Mit dem starken Dollar ließen die Marines im bitterarmen Spanien die Puppen tanzen. In Palma wie in Barcelona blühten in dieser Zeit die Rotlicht-Viertel auf, die sogenannten barrios chinos. Das Franco-Regime drückte beide Augen zu, denn Prostitution war im erzkonservativen Spanien offiziell verboten.

Doch nicht nur die Liebesdienerinnen verdienten gut. Auch in den Kassen der Einzelhändler und Gastronomen klingelte es kräftig. Die Marines spuckten nicht ins Glas. Schon Tage bevor wieder ein Schiff am Kai anlegte, informierte die Stadtverwaltung mit Flugzetteln über die Ankunft und die Zahl der Soldaten. Somit hatten Händler und Wirte Zeit, ihr Waren- und Spirituosenlager wieder aufzufüllen.

Barcelona war so billig, dass sich die Marines vor allem mit maßgeschneiderten Anzügen eindeckten. Höherrangige Offiziere gaben bei den Schneidern gleich mehrere Zweiteiler in Auftrag – für die boys und die Familien daheim. Die Amerikaner waren beliebt, die kräftigen Jungs wurden wie Außerirdische bewundert.

Erst Anfang der 70er Jahre begann die Akzeptanz bei der heimischen Bevölkerung zu schwinden. Mit der sich dem Ende zuneigenden Franco-Diktatur gerieten die US-Amerikaner auch in Spanien wegen des Vietnam-Kriegs in Bedrängnis. Und es gab immer häufiger zu Ärger mit den Marines. Zwischenfälle, meist handelte es sich um Schlägereien, hatte es zwar schon immer gegeben. Doch waren die Tumulte meist im Verborgenen geblieben. Die US-Soldaten unterstanden amerikanischer Rechtsprechung, ihre Vergehen waren ausschließlich Angelegenheit der amerikanischen Militärpolizei. Guardia Civil und Nationalpolizei durften noch nicht einmal eingreifen. In den Zeitungen erschienen keine Meldungen über die Vorfälle. In der 70ern nahm die Gewalt zu. Der Vietnamkrieg hatte bei vielen Marines seine Spuren hinterlassen. „Eine große Zahl von Soldaten verarbeitete das Trauma des Kriegs mit Drogen", sagt Xavier Theros.

Nach dem Tod Francos regte sich vor allem in Barcelona auch offener Widerstand gegen die amerikanische „Besatzung". Mehrmals flogen Marines in voller Montur ins Hafenbecken. Der Widerstand gipfelte in einem Attentat 1987. Bei einem Granatenangriff auf ein Soldatenheim kam am zweiten Weihachtstag ein Marine ums Leben. Der Anschlag wurde einer linksextremen Gruppierung zugeschrieben. Fortan ließ die Sechste Flotte Barcelona links liegen.

Als ein Nutznießer entpuppte sich Palma, das von da an noch häufiger angesteuert wurde. Auf Mallorca hatten es die Amerikaner bereits zwei Jahre zuvor verstanden, sich bei der Zivilbevölkerung lieb Kind zu machen. Dieser Tage erinnert eine Ausstellung in Alaró an eine beispiellose Hilfsaktion der US Army. Amerikanische Hubschrauber transportierten 1985 etwa 300 Ladungen Baumaterial zum Castell de Alaró, damit die verfallene Herberge wieder hergerichtet werden konnte. Eingefädelt hatte den Deal der damalige amerikanische Honorarkonsul auf Mallorca, Tumi Bestard.

Zaghaftem Widerstand einiger rebellierender Jugendliche wusste der damalige Bürgermeister Roselló schlagfertig zu begegnen: „Wenn ihr das Zeug in drei Tagen den Berg hinaufschleppt, dann sage ich den Amis, dass sie gehen sollen", sagte er. Die Wortführer, so heißt es, verstummten auf Anhieb.


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