Der Paradiesvogel mit den 500 Perücken

Jimmy Lillo ist Mallorcas Top-Travestie-Künstler und bereits 36 Jahre im Geschäft. Er hat eine bewegte Vergangenheit und viele Talente. Ein Wohnungsbesuch

08-09-2011  

INGO THOR Dass Jimmy Lillo eine hohe Meinung von sich selbst hat, merkt man sofort, wenn man seine Wohnung in Palmas hippem Ausgehviertel Santa Catalina betritt. An fast allen Wänden hängen Gemälde, die Mallorcas mittlerweile 66-jährigen Top-Travestie-Künstler zeigen, als er noch ein Jungspund war, der in der nachhaltig prüden Endzeit des spanischen Diktators Francisco Franco alles daran setzte, die verknöcherte Insel-Gesellschaft mit Spaß an der Sache aufzumischen.

Damals, in den 60er Jahren, betrieb Lillo in Palma ein Schwulen-Pub namens „Desván" am Paseo Marítimo. Er war einer der ganz wenigen ganz bunten Vögel der Insel. Künstler, Politiker, Mode- und Leute aus der Wirtschaft kamen in Scharen in sein Etablissement. Alles war möglich – Geschlechtsverkehr unterm Tisch oder hinter Türen. Lillo ließ zudem immer mal wieder die hübschesten Models, derer er habhaft werden konnte, über Laufstege wirbeln. Nächtelang. Und klar: Es wurden auch Drogen genommen. Die Guardia Civil war über vieles informiert, er selbst kündigte bei den Beamten rauschende Partys an. In der Regel drückte die Staatsmacht sämtliche Augen zu. „Das Bett meiner Großmutter war die Bar", sagt Lillo und lässt seine filigranen Gesichtszüge vorsätzlich ein wenig ins leicht Wahnsinnige entgleiten.

Damals, in Palmas wilder Zeit, war Lillo noch als etwas anderes tätig: Er fungierte als Promi-Friseur. Die Mutter der deutschen Schauspielerin Christine Kaufmann ließ sich bei ihm wiederholt die Haare richten. Auch jede Menge Show-Größen. Sie gingen aus und ein bei Jimmy Lillo, der großen Nummer von Palma.

Mitte der 70er Jahre schob er dann seine Transvestiten-Laufbahn an. Lillo hatte damals – Franco dämmerte langsam seinem biologischen Ende entgegen – ein Theaterstück mit dem Titel „Der Niedergang der Tugenden" ersonnen und eine Frauenrolle mit sich selbst besetzt. Auch bei Karnevalsveranstaltungen spielte er Frauen. Dann kam er so richtig auf den Geschmack.

Wie Lillo so in seinem Wohnzimmer sitzt, ist ihm anzusehen, dass er den Zeiten nachtrauert, als Palma in Spanien der Anziehungspunkt schlechthin für ausgehfreudige Nacht-Gewächse war. Und man sieht ihm an, dass er stolz darauf ist, das alles mit herbeigeführt zu haben.

„Doch die Lokalpolitiker haben alles zunichte gemacht", haucht er plötzlich sichtlich verbittert in das winzige Geviert, das der Aufenthaltsbereich seiner Wohnung ist und in das man von der Straße quasi hineinfällt. „Sie begrenzten die Öffnungszeiten und erstickten damit das schillernde Nachtleben." Jetzt sei Ibiza obenauf, „und in Palma werden lediglich südamerikanische Gitarrenklänge für Urlauber oder Flamenco-Einlagen im Pueblo Español geboten". Lillo schaut fast verächtlich ins Leere.

Doch ganz so öde und farblos ist Palma nicht, denn es gibt ja noch ihn, und er ist noch total aktiv. In Lokalen wie dem „Black Cat" etwa, wo er zuweilen die jüngst verstorbene Sängerin Amy Winehouse, den ebenfalls verblichenen schillernden amerikanischen Entertainer Divine oder die Opernsängerin Monserrat Caballé verkörpert – mit einer der etwa 500 Perücken, die er besitzt. Er tritt vor Spaniern auf, aber auch vor Ausländern, die nach seiner Aussage je nach Herkunft unterschiedlich humorvoll sind.

Italiener und Deutsche lachen, wie Lillo sagt, gern lauthals. Die Briten hätten sich in dieser Hinsicht immer schon schwerer getan. Früher, in den 80ern, als er die langjährige Premierministerin Margaret Thatcher gab, zeigte er immer mal wieder einen Draht ins Rund und sagte Sätze wie diesen: „Das ist ein Haar von ihrem Schambein." Nicht jeder war amused. Ungeachtet seines Wirkens sei Palma heute, wie Lillo sagt, „rückständig".

Um sich über Wasser zu halten, muss er deswegen an anderen Orten auftreten und andere Dinge machen. Auf Ibiza unterhielt er etwa jüngst die Mitarbeiter eines deutschen Konzerns. Auch in Hotels der „Iberostar"-Kette beglückt Lillo Gäste mit seiner Kunst. Paris, Mailand, Bergamo –dort war Lillo auch schon.

Oder er macht in Filmen mit. Nicht in allen, wie er sagt. Schmuddel- und Schweinkram lässt er aus. Er kennt die Crème de la Crème der spanischen Wow-Schauspieler: Carmen Sevilla, Rocío Jurado, Miguel Bosé, Sara Montiel und und und. Im Fernsehen sieht man ihn immer mal wieder. Auf Madrider Kanälen, im Norden des Landes. Auch auf den Kanaren. Allerdings nicht so sehr im mallorquinischen Lokalprogramm. Dort sei man mit ihm nicht gut umgegangen und tue es noch immer nicht, jammert der Künstler.

Lillo organisiert zudem Ausstellungen, denn er ist auch Maler. Er unterschreibt seine farbenfrohen Werke mit „Horach" – in Anlehnung an einen berühmten mallorquinischen Maler, der diesen Vornamen trug.

Der momentan mit niemandem liierte Travestie-Künstler macht den Eindruck, mit sich im Reinen zu sein und er sprüht vor Plänen. So hat er sich zwei Ziele in den Kopf gehämmert: Da er gern schreibe, wolle er zunächst einmal ein Buch darüber verfassen, wie er wurde, was er ist.

Und dann will er noch einen draufsetzen: Dermaleinst habe er vor, ein Opus über Palmas In-Lokal Nummer eins der 60er Jahre, sein über alles geliebtes „Desván", zu schreiben, gewürzt mit pikanten Details über gewisse noch heute bekannte Figuren in Spanien, die den Weg in seine Bar fanden.

Allerdings wolle er „niemanden zerstören", fügt Lillo hinzu. Denn sein Lebensmotto sei Folgendes: „Ich tue alles, um kein Hurensohn zu sein."


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