Mallorcas Frühgeschichte: ´Es gibt noch viele Rätsel´

Der Belgier Mark Van Strydonck erklärt die Talayots in einem Buch, das jetzt auch auf Deutsch erschienen ist

24.10.2014 | 10:24
Menschliche Knochen in Kalk eingebettet: Erforschung der Cova de Na Dent in der Nähe von Cales de Mallorca an der Ostküste
Menschliche Knochen in Kalk eingebettet: Erforschung der Cova de Na Dent in der Nähe von Cales de Mallorca an der Ostküste

Die Zeugnisse aus der Ur- und Frühgeschichte sind auf Mallorca dicht gesät. Dem Besucher, der vor den Steinansammlungen steht, erschließt sich allerdings nicht auf Anhieb deren historische Bedeutung. Nach 25-jähriger Forschungstätigkeit hat der Belgier Mark Van Strydonck den heutigen Erkenntnisstand in einem Buch zusammengefasst, das jetzt auch in einer passablen deutschen Übersetzung erschienen ist. Der Leiter des Radiokarbon-Labors am Royal Institute of Cultural Heritage in Brüssel spannt darin einen weiten Bogen von der geologischen Entstehung der Inseln bis zur Ankunft der Römer im Jahr 123 v. Chr.

Wie entdeckt ein belgischer Wissenschaftler sein Interesse für die Geschichte Mallorcas?
Durch Zufall. Ich forschte über die Möglichkeit, von Menschen hergestellte Karbonate zu datieren – sie entstehen etwa beim Anrühren von Kalkmörtel – , als mir ein Wissenschaftler des Radiokarbon-Labors der Universität Washington von Branntkalk-Bestattungen auf Mallorca berichtete. So nahm ich Kontakt zu dem US-Amerikaner William Waldren in Deià auf, und bat ihn um Proben. Er antwortete mir, dass ich diese schon selbst nehmen müsste. Das habe ich dann auch getan. Ohne vorher etwas über die alten Kulturen der Insel gewusst zu haben, zogen sie mich sofort in ihren Bann.

Was sind die größten Geheimnisse der Frühzeit Mallorcas?
Es gibt noch immer viele Rätsel. Die Archäologie früherer Jahre interessierte sich nur für Monumente und schöne Objekte und weniger für archäologische Schichten mit Knochen, Samen und Holzkohle, die uns viel darüber sagen, wie die Menschen lebten oder wann sie die Monumente errichteten. Das hat sich inzwischen geändert.

Es lässt sich also vieles erklären?
Immer dann, wenn die Archäologen die richtige Zeitrechnung oder die Erklärung für ein Ritual gefunden zu haben glauben, bringen neue wichtige Funde das Bild wieder durcheinander.

Was ist der Stand der Forschung hinsichtlich Herkunft und Ende der Mausziege Myotragus?
Die Vorfahren der Myotragus gelangten zu einer Zeit auf die Inseln, als das Mittelmeer ausgetrocknet war, und entwickelten sich durch ihre Isolierung zu einer endemischen Art. Eine Gruppe von Forschern behauptet, dass sie kurz vor der Ankunft der Menschen aus natürlichen Ursachen ausstarben. Eine andere Schule macht die Ankunft der Menschen dafür verantwortlich – sie brachten viele Konkurrenten wie Schafe und Ziegen sowie neue Krankheiten mit. Diese Theorie erscheint mir logischer, wir haben aber keine Beweise.

Warum ist es so schwer zu sagen, wann die ersten Siedler nach Mallorca kamen? Kann man das Jahr 300 vor Christus ansetzen?
Alle neuen Erkenntnisse deuten auf eine Ankunft irgendwann im dritten Jahrtausend hin – wann genau, wissen wir nicht. Die ersten Spuren des Menschen in einem neuen Territorium – etwa zeitweilige Besuche ohne wirkliche Landnutzung – sind oft nur schwach ausgeprägt. Im Fall der Balearen gab es diese Besuche wohl auch nicht. Studien zu Pflanzen­resten und Ökosystemen haben keine Hinweise für die Anwesenheit des Menschen zu Beginn des dritten Jahrtausends ergeben, sehr wohl aber für das Ende des dritten Jahrtausends.

Kann ausgeschlossen werden, dass die ersten Siedler vom spanischen Festland kamen?
Wahrscheinlich ja! Alle archäologischen Befunde deuten darauf hin, dass die Einwanderer mehr aus nord- bis nordöstlicher Richtung kamen, etwa dem Rhône-Tal, dem Gebiet Languedoc oder nach Meinung einiger Archäologen auch von Sardinien. Verwiesen wird auch darauf, dass die Meeresströmung zwischen Festland und Inseln so stark ist, dass ein von der spanischen Küste abfahrendes einfaches Schiff nach Gibraltar treiben würde.

Beim Lesen Ihres Buches gewinnt man den Eindruck, dass wir mehr darüber wissen, wie die Menschen bestattet wurden, als darüber, wie sie lebten ?
Wir wissen in der Tat eine Menge über die Bestattungspraktiken – es gab zahlreiche unterschiedliche, die teils aufeinander folgten, teils aber auch zur gleichen Zeit praktiziert wurden. Wir wissen von Hypogäen, also künstlichen Höhlen, natürlichen Höhlen, Holzsarkophagen, Dolmen, navetas – ihr Bau ähnelt einem umgedrehten Boot –, Begräbnissen, Verbrennungen oder Kalkbestattungen. Es stellen sich eine Reihe von Fragen: In welchem zeitlichen Bezug standen sie zueinander? Gehen die Veränderungen auf Einflüsse von außerhalb zurück? Oder auf die Ankunft neuer Siedler, eine lokale Weiterentwicklung oder etwa den unterschiedlichen Status der Verstorbenen?

Wie kann es sein, dass trotz der Insellage offenbar kaum Fisch auf dem Speiseplan stand?
Dieses Phänomen können wir in ganz Westeuropa beobachten, vom Süden bis in den Norden. Offenbar gaben die Menschen, nachdem sie vom Jägern und Sammlern zu Hirten und Bauern geworden waren, auch den Fischfang auf. Erst in der späten Frühgeschichte und in der römischen Zeit wird Fisch wieder wichtiger. Das hat man in Dänemark entdeckt. Dort wurde in Gemeinschaften, die nicht nahe am Meer lebten, während der Mittelsteinzeit Fisch gegessen, während die späteren Landwirte der Jungsteinzeit diesen verschmähten, obwohl sie nahe am Meer lebten.

Ist die talayotische Ära auf den Balearen weltweit einzigartig?
Ja und nein. Trockenstein-Türme gibt es im gesamten Mittelmeerraum. Das Grundkonzept für solche Türme scheint universal zu sein. Wenn man sich allerdings den Verwendungszweck anschaut, sind sie in der Tat einzigartig.

Die Talayots waren offenbar für allerhand gut – was ist Ihre Definition für die typischen Bauten?
Das ist eine schwierige Frage. Die turmartigen Gebäude wurden Talayots getauft, als sie noch längst nicht erforscht waren. Heute kennen wir unterschiedliche Typen. Augenfällig ist der Unterschied zwischen den Inseln. Die auf Mallorca waren offenbar fester Bestandteil der talayotischen Dorfstruktur, sie dürften als Orte für Gemeinschafts­aktivitäten, Ältestenräte oder Grenzmarkierungen genutzt worden sein. Hinzu kommt eine wichtige symbolische Funk­tion: Die hohen Wände dienten nicht zur Verteidigung, sondern zeigten den Status an. Die Talayots auf Menorca sind ganz anders gebaut und scheinen älter zu sein. Sie sind auch viel massiver, einige haben keine Innenkammer und wurden in verschiedenen Phasen errichtet.

Sie kritisieren illegale Ausgrabungen und die Folgen des Ausbaus der touristischen Infrastruktur – wurden archäologische Beweise unwiderruflich zerstört?
Das ist nicht nur auf den Balearen ein Problem. Im 19. Jahrhundert waren die meisten Archäologen Schatzsucher. Hinzu kommt, dass die Besiedlung im 20. Jahrhundert an der Mittelmeerküste sehr viel ausgeprägter vonstatten ging als im Rest der Welt. Die Konvention von Malta von 1995 zum Schutz des archäologischen Erbes ist noch vergleichsweise jung.

Was sind die größten Irrtümer der bisherigen Forschung?
Eine der wichtigsten Erkenntnisse der vergangenen 15 Jahre ist, dass mit ziemlicher Sicherheit keine Menschen vor dem dritten Jahrtausend vor Christus auf den Inseln lebten, dass es hier also keine Jäger-und-Sammler-Gruppen gab. Was meine eigene Forschung betrifft, konnte ich zeigen, dass die Menschen bei sogenannten Branntkalkbestattungen nicht etwa mit ungelöschtem Kalk bestattet wurden – so ähnlich wie während der Pest im Mittelalter. In Wirklichkeit war es ein Ritual der Feuerbestattung, bei der fein zerbröselter Kalkstein zum Einsatz kam. Danach sind die Knochen sehr weiß, so wie auch der bei dem Prozess entstandene Branntkalk. Es muss also etwas mit einem Purifikationsritus zu tun haben.

Mark Van Strydonck: Von Myotragus zu Metellus. Eine Reise in die Ur- und Frühgeschichte von Mallorca und Menorca. Verlag Librum, 160 Seiten, 35 Euro.

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