WAS SCHWIMMT DENN DA?

Hier bekommen die Männer die Kinder

Seepferdchen balzen im Karussell, überlassen das Kinderkriegen den Männchen, wechseln ihre Farbe wie die Chamäleons und jagen wie die Geckos

15.12.2014 | 16:57
Seepferdchen
Seepferdchen

Wer als Taucher vor Mallorca einem Seepferdchen begegnet, kann inzwischen von Glück reden. „Die seit 40 Millionen Jahren unverändert existierenden Tiere sind im Mittelmeer mittlerweile selten geworden", sagt der in der Balearen-Universität auf Mallorca ausgebildete Biologe und Hippo­campus-Experte Andreu Blanco. Das liege vor allem daran, dass diese schon von der griechischen Mythologie als die Zugtiere von Poseidons Streitwagen gewürdigten Tiere angesichts der nach wie vor intensiven Fischerei häufig als Beifang in die Netze geraten. Zudem ist ihr wichtigster Lebensraum bedroht: Seegrasfelder, wo sie sich mit ihrem Wickelschwanz an Halmen verankern. „Als meine Großmutter noch jung war, sah man Seepferdchen rund um Mallorca erheblich öfter", sagt der Wissenschaftler.

Dabei sind Seepferdchen außerordentlich gebärfreudig. Wohlbemerkt die Männchen bringen pro Wurf nicht weniger als 750 Mini-Seepferdchen lebend zur Welt, und dies drei- bis viermal pro Jahr. Aber nutzen tut diese hohe Zahl den Kreaturen wenig: „Die meisten Jungtiere werden Opfer hungriger Angreifer, vor allem von Tintenfischen", sagt Andreu Blanco.

Der Flut von Geburten ist ein bemerkenswertes Balzverhalten vorgeschaltet: Mit nachschleifendem Schwanz schwimmen die Männchen zunächst einmal am Boden umher. Nach einiger Zeit beginnen sie mit rhythmischen Bewegungen und schwimmen tagelang umeinander herum. Dabei blähen sich ihre Bruttaschen immer mehr auf. Schlussendlich umfassen sich Männchen und die mittlerweile hinzugestoßenen Weibchen mit den Schwänzen, drehen sich karussellartig und steigen an die Oberfläche. Dieser Vorgang wiederholt sich so oft, bis es dem Weibchen gelingt, die in ihren Körpern produzierten Eier in die Taschenöffnungen der Männchen zu bugsieren. Das allerdings dauert nur etwa zehn Sekunden.

Um ihr Überleben sicherzustellen, passen sich die völlig schuppen­losen Tiere gleich den Chamäleons an Land farblich der Umgebung an. Und so ist es möglich, dass ein leuchtend gelbes oder gar neonfarbenes Seepferdchen – solche gibt es auch – bei Gefahr braun oder schwarz, „aber auf jeden Fall dunkler wird. „So ist es für die Fressfeinde schwerer, sie zu entdecken. Außerdem erstarren Seepferdchen, wenn Gefahr droht", weiß Forscher Andreu Blanco. Er promovierte an der Universtät Alicante über das Leben von Exemplaren der Unterart Hippocampus guttulatus im Atlantik und entwickelte für seine Doktorarbeit unter anderem ein Spezialaquarium mit einer konstanten Temperatur von 19 Grad. Darin laufen die gerade geborene Tiere nicht wie in herkömmlichen Aquarien Gefahr, eine Luftblase zu verschlucken und an die Oberfläche getrieben zu werden, wo sie dann sterben.

Wissenschaftliche Untersuchungen über Seepferdchen im Mittelmeer gibt es so gut wie keine – so ganz erforscht und erschlossen ist die Welt dann doch nicht. Bekannt ist jedoch, dass neben der Unterart Hippocampus guttulatus – sie werden auch langschnäuzige Seepferdchen genannt – im Mittelmeer auch Tiere der weniger voluminösen und kurzschnäuzigeren Variante Hippocampus hippocampus schwimmen. Erstere werden in Ausnahmefällen bis zu 23 Zentimeter lang, was aber Andreu Blanco zufolge nur aus dem Atlantik bekannt ist. Im Schnitt beträgt ihre Größe etwa 17 Zentimeter, die Exemplare von Hippocampus hippocampus sind etwa ein bis zwei Zentimeter kleiner.

Ihr Lebensraum sind in einer Tiefe von drei bis zehn Metern befindliche felsige Küsten, die mit Seegras oder Algen bewachsen sind. Sie erreichen dort in der Regel ihre volle Größe, da das Mittelmeer nur an ganz wenigen Stellen kälter als 13 Grad wird – die Temperatur, bei der Seepferdchen, so Forscher Andreu Blanco, „ihr Wachstum ganz einstellen". Weitere Unterarten leben nicht im Mittelmeer. Dabei soll es weltweit, vor allem in wärmeren Gefilden, über 30 und andere Forschern zufolge sogar um die 80 Unterarten geben. Besonders groß werden mit etwa 30 Zentimetern die Kronen-Seepferdchen (Hippocampus kuda) im Pazifik. Die im Atlantik vorkommenden Zwergseepferdchen bringen es dagegen nur auf vier Zentimeter. Es ist durchaus möglich, dass noch nicht entdeckte Unterarten identifiziert werden. Eine wurde erst vor knapp über zehn Jahren, im Mai 2003, aufgespürt.

Die wie die Fetzenfische zu den Seenadeln gehörenden Tiere bewegen sich nicht so, wie das gewöhnliche Fische tun: Die mit einer verkleinerten Rumpfmuskulatur ausgestatteten Seepferdchen schwimmen vertikal, wobei sie Brust- und Rückenflossen benutzen. Seepferdchen kommen nur sehr, sehr langsam voran. Mit dem röhrenförmigen Maul wird nicht zugebissen – über Zähne verfügen diese Tiere nicht –, sondern die Beute aufgesaugt. Seepferdchen ernähren sich vorzugsweise von Mikroorganismen wie Plankton. Dabei gehen sie regelrecht auf Jagd: Sie nähern sich ihrer Beute – etwa winzig kleinen Krebsen – wie in Zeitlupe von schräg unten, um ihren Kopf erst im aller­letzten Moment geckogleich hochschnellen zu lassen. Wie Meeresbiologen an der Universität von Texas herausgefunden haben, kommt ihnen dabei ihre eigenartige Schnauzenform zugute – die Wellenbewegungen und Strömungen, die ihre Beute warnen könnten, werden so auf ein Minimum beschränkt.

Da sage noch einer, die Natur hätte sich nichts dabei gedacht. In anderen Weltgegenden werden Seepferdchen allerdings nicht so sehr bewundert, sondern gewissermaßen als Nutztiere betrachtet: Die chinesische Medizin etwa benutzt getrocknete und zermahlene Seepferdchen als Heilmittel gegen Herz- und Nierenkrankheiten. Auch deswegen gelten viele Seepferdchen-Unterarten als bedroht.

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