Maritimer Selbstmord vor Pollença

Eine Frage der Ehre: Warum sich zwei italienische Torpedo-Boote im Zweiten Weltkrieg vor Mallorca selbst versenkten

23.06.2015 | 02:30
Ein Torpedo-Boot der „Pegaso"-Klasse vor seinem Stapellauf in Sizilien

Der Untergang der italienischen Kriegsschiffe „Impetuoso" und „Pegaso" dauerte keine Stunde. Und doch dürfte es den Kommandanten wie eine Ewigkeit vorgekommen sein, während die beiden, mehr als 80 Meter langen Torpedoboote in einer lauen Septembernacht des Jahres 1943 nur wenige Seemeilen nördlich der Bucht von Pollença lautlos im Meer versanken – umso mehr, da die Kapitäne kurz zuvor selbst die Versenkung ihrer Schiffe angeordnet hatten.

Vorausgegangen war dieser Art von maritimen Selbstmord eine der wohl kuriosesten und zugleich dramatischsten Episoden, die sich während des Zweiten Weltkriegs um die Balearen abgespielt haben. Ihren Anfang hatte sie am 25. Juli des gleichen Jahres mit dem Sturz des italienischen Diktators Mussolini genommen, der bis dahin Hitler-Deutschland als Verbündeter zur Seite gestanden hatte.

Um eine weitere Invasion ihres Landes durch die bereits auf Sizilien gelandeten englischen und amerikanischen Truppen zu vermeiden, einigten sich die italienischen Befehlshaber in einem Waffenstillstandsabkommen darauf, die gesamte Kriegsflotte den Alliierten in Sardinien zu übergeben. Der italienische Frontenwechsel führte zum sofortigen Bruch mit den Nazis. Hermann Göring, Oberbefehlshaber der deutschen Luftwaffe, ordnete nur wenige Tage später die Bombardierung aller italienischen Kriegsschiffe im gesamten Mittelmeer an.

Am 9. September machte sich die in Genua und Speria stationierte Flotte nach Sardinien auf. Dazu gehörte auch der Panzerkreuzer „Roma", das mit einer Länge von 250 Metern größte Kriegsschiff Italiens. In Begleitung von insgesamt drei baugleichen Torpedo-Booten, darunter die „Impetuoso" und die „Pegaso", wurde das riesige Schlachtschiff nur wenige Stunden nach dem Auslaufen von einem deutschen
Luftwaffengeschwader angegriffen und versenkt. Mehr als 1.300 italienische Soldaten kamen dabei ums Leben. Die Torpedo-Boote dagegen überstanden halbwegs unbeschadet den Luftangriff. Nachdem sie die Überlebenden der „Roma" aufgenommen hatten, nahmen drei von ihnen Kurs auf die Balearen, um im neutralen Spanien Schutz vor weiteren Angriffen der Deutschen zu suchen. Während die „Impetuoso" und die „Pegaso" Port de Pollença anliefen, wurde das wegen eines Triebwerkschadens manövrier­unfähig gewordene dritte Torpedo-Boot, die „Orsa", von einem spanischen Kriegsschiff aufgebracht, nach Palma geschleppt und bis Kriegsende an die Kette gelegt.

In Port de Pollença wurden die beiden italienischen Kapitäne dagegen von der dortigen Militär-­Kommandantur vor die Wahl gestellt: Entweder sie verschwanden nach internationalem Kriegsrecht mit ihren Schiffen innerhalb von 24 Stunden wieder aus dem Hafen – oder ihre Schiffe würden ebenfalls zwangsrequiriert werden.

Die Italiener entschieden sich jedoch für eine ganz andere Option: Um sich weder weiteren tödlichen Angriffen der Luftwaffe auf See aussetzen zu müssen, noch den Spaniern die Torpedo-Boote zu überlassen, wollten sie ihre Schiffe eigenhändig versenken. Und damit ihrem Land eine letzte Ehre erweisen. Nachdem die Mehrzahl der Besatzung sowie die Verletzten von Bord gegangen waren, liefen die „Pegaso" und die „Impetuoso" gegen Mitternacht des 10. September wieder aus. Rund zehn Seemeilen nördlich der Bucht von Pollença befahlen beide Kapitäne dann die Öffnung aller Schotten und Seeventile. Innerhalb von 50 Minuten versanken die Schiffe in der Tiefe. Beide Kapitäne und der Rest der Besatzung hatten sich zuvor in Rettungsboote geflüchtet. Doch ihre Rückkehr nach Pollença lief alles andere als reibungslos ab. Die Küstenwache des Hafenorts hielt die anlandenden Italiener in der Dunkelheit der Nacht für feindliche Invasoren und begann, die Rettungsboote von Land aus unter Feuer zu nehmen. Nur mehreren aus Sardinien stammenden Matrosen, die der dort ebenfalls gesprochenen katalanischen Sprache mächtig waren, war es am Ende zu verdanken, dass es zu keiner Tragödie kam. Die rund 300 Besatzungsmitglieder der „Impetuoso" und „Pegaso" wurden anschließend für drei Monate in Sóller und Andratx interniert, bevor man sie aufs spanische Festland brachte, wo sie bis zum Ende des Krieges blieben. Die Überreste der beiden italienischen Torpedo-Boote ruhen heute im Kanal von Menorca. 2005 spürten drei mallorquinische Taucher eines der Wracks mithilfe eines Tauchroboters in einer Tiefe von rund 98 Meter auf. Ein U-Boot der spanischen Marine hatte zwei Jahre zuvor das andere Wrack in der Nähe dieses Fundortes mit Hilfe von Sonar-Messgeräten in einer Tiefe von 500 Meter geortet.


Wracks rund um die Inseln

Name: „Impetuoso"/„Pegaso"
Typ: Torpedo-Boot
Länge: jeweils 84 Meter
Ort: 10 sm vor Port de Pollença
Untergang: 11. September 1943
Tiefe: 98 und 500 Meter

auf Twitter teilen
auf Facebook teilen

Empfohlene Links: Inselradio 95,8 | Mallorca mal 365 |