Phänomen Selva: Alles von hier!

In dem Tramuntana-Dorf liegt der Hund begraben – könnte man meinen. Irrtum: In Sachen Veranstaltungen und Initiativen legt sich das Dorf richtig ins Zeug. Der neueste Streich ist ein Kunsthandwerker-Markt

23.06.2015 | 16:42
Natasha lernte auf Ibiza, wie man aus Olivenzweigen Körbe flicht

So eine dicke Zeitschrift für so ein kleines Dorf: 172 Seiten hat das neue „Selva Magazine Aires de ­Muntanya", auf dessen Cover ein großes Herz prangt. Es schlägt wohl für die Menschen, die in der Gemeinde Selva leben und in bunten Reportagen (in Katalanisch, Spanisch, Englisch, Deutsch) vorgestellt werden.

Wie die vier Jungs von Fuster´s Eyewear: Mit ihren coolen Sonnenbrillen aus Ebenholz, Zebraholz und Rosenholz wollen sie den Brillenmarkt revolutionieren. Das Brillenetui besteht aus einrollbarem Leder, das in Inca hergestellt wird. Oder Bartomeu Seguí Campins, ein Spezialist für Orgelmusik. Der Organist spielt auch Cembalo und gründete in Caimari das Internationale Festival für Alte Musik.

Neben Restaurants, Hotels, Bodegas und Ölmühlen werden Wander- und Radtouren der Gegend aufgeführt, dazu wird Historisches (Köhlerplätze) und Folkloristisches (mallorquinischer Volkstanz) beschrieben. Das Magazin wird kostenlos verteilt, die oft ganzseitigen Fotos hat Fotograf Javier Viguera gemacht, die handgezeichneten Ortspläne der britische Maler und Illustrator Andrew Pinder.

Und dieser Andrew Pinder ist auch einer der Ersten, den wir am Freitagabend mit seinen Bildern auf dem Dorfplatz von Selva treffen. Noch bis Ende Oktober findet hier jeden Freitag ein Kunsthand­werkermarkt statt (wer teilnehmen will, sollte im Besitz der carta d´artesà sein, eines Zertifikats der Balearen-Regierung für Qualitätshandwerk). Fest mit dabei sind derzeit zwölf Künstler und Handwerker, darunter Maler, Schneider, Schuster, Töpfer, Seifenmacher und Korbflechter.

Und es sollen noch mehr werden, betont Cati Burguera, die im Rathaus von Selva für Tourismus zuständig ist. Erst vor einem Jahr wurde diese Stelle geschaffen, seitdem hat die gelernte Rechtsberaterin zusammen mit Bürgermeister Joan Rotger Seguí bereits einiges bewegt. Zum Beispiel gibt es jetzt wöchentliche Dorfführungen auf Englisch. Zur Gemeinde gehören auch die Dörfer Caimari, Biniamar, Binibona und Moscari, die Urlauber steigen hier in über 80 Unterkünften ab. „Wir sind bekannt für unsere Finca- und Landhotels", erzählt Cati, „aber es gibt auch kleine, hübsche Hotels in der Stadt." Neu eröffnet hat etwa das Ca ses Cotes in Selva, ein dänisches Paar setzt dort vor allem auf Radtouristen. Cati glaubt, wer am Fuße der Tramuntana Urlaub macht, suche Ruhe und Natur und interessiere sich für die Kultur der Insel.

Womit wir wieder beim Markt wären – derzeit Catis ambitioniertes Projekt. Sie stellt uns ­Diego Camuñas vor, einen Vorzeige-Handwerker, der seinen Stand am Fuß der großen Kirchtreppe aufgebaut hat. Der Mallorquiner dreht Schnüre aus verschiedenen Blättern und Pflanzenfasern wie Espartogras, Hanf, Flachs und Agaven und fertigt daraus Taschen und Schuhe in verschiedenen Flechttechniken. „Mit neun Jahren kam ich auf eine Länderei zum Arbeiten", erzählt Diego, „da fand ich viel Material für Kordeln und machte mir meine Schuhe fortan selbst." Zu seinen Spezialitäten gehören auch Schleudern aus langen geflochtenen Schnüren. Bereits die Urbevölkerung der Balearen soll diese Art von Steinschleuder zur Jagd benutzt haben. In Diegos Schleudern kommen als Geschoss allerdings Tennisbälle.

Ein paar Stände weiter lernen wir Mara Grubert kennen. Die deutsche Malerin lebt seit 15 Jahren in Selva und verkauft auf dem Markt Aquarelle, bemalte Kacheln und Figuren aus Modelliermasse. Für das „Selva Magazine" übersetzte sie die Texte ins Deutsche. Es fällt auf, dass sich vor allem (junge) Frauen in Selva engagieren: Da ist Raquel mit ihren selbst genähten Buchstaben, Ringen und Lesezeichen. Juani und Margarita, die Selbstgemachtes wie Mandeleis, Marmeladen und empanadas feilbieten. Die Französin Natasha, die aus Zweigen von Myrte und Olivenbäumen kunstvolle Körbchen flicht. Und dann noch Aina, Anabel und Apolonia: Sie fertigen Taschen aus Zwergpalmenblättern, stellen Seife aus Olivenöl und Gewürzpflanzen her, töpfern und bemalen Keramik.

Natürlich gibt es für Marktbesucher auch Kleinigkeiten zu probieren, zum Beispiel Olivenöl von Sa Tafona, Mandeln von Cascol·lector, Wein von Vins divins und kommenden Freitag (12.6.) ab 19 Uhr auch verschiedene Tapas. Anlässlich der Kräutermesse in Selva (siehe S. 43) wird das Marktprogramm noch erweitert, um Ausstellungen, Workshops, Tanzaufführungen sowie Live-Demonstrationen von Kunsthandwerkern zu ermöglichen.

„Selva hat noch viel Potenzial", sagt Cati – und sie selbst viele Ideen. Als nächstes möchte sie eine Workshop-Reihe in Angriff nehmen, die im frisch restaurierten Kulturhaus neben dem Rathaus stattfindet. Der erste Termin steht bereits: ein Seifenkurs am 29.6. Im Herbst sollen dann Themen wie Pilze und Oliven dazu kommen.

Kunsthandwerkermarkt Selva, jeden Freitag bis Oktober. 16-21 Uhr auf der Placa Major, www.selva-magazine.com

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