Sommergeschichten: Ein Mann, ein Wort, ein Eis

Eine Familie aus Felanitx stellt bereits in vierter Generation das beliebte „fresque" mit Mandelgeschmack her. Dank besonderer Kristalle übersteht die Spezialität auch längere Nachhausewege ohne zu schmelzen

10.07.2015 | 12:33

Woher der Name kommt, kann bis heute niemand genau sagen – das Wort fresque existiert weder im katalanischen, noch im spanischen Wörterbuch. Mit frisch – fresc in der Inselsprache – habe es sicher etwas zu tun, sagt Margalida Barceló. „Es war halt das, was der Großvater immer ausrief, wenn er sonntags in den Straßen von Felanitx sein hausgemachtes Eis verkaufte." Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war das, und damals war gerade einmal eine Sorte – Mandel – im Angebot.

Heute ist es sein Urenkel Bernat Bordoy, der allmorgendlich die Erzeugnisse der Eismanufaktur „Neu d´Or", wie das Familienunternehmen seit 1965 heißt, ausfährt. Abnehmer sind nicht mehr die Kinder aus dem Ort, sondern Läden in den Inseldörfern von Campos bis Artà, die das inzwischen deutlich erweiterte Eissortiment an die End­kunden weiterverkaufen. Im Angebot ist mittlerweile auch Eis am Stil in den Sorten Orange, Kokos oder Minze sowie die Eismarke Neucrem mit cremigeren und vor allem „moderneren" Geschmäckern wie Stracciatella, Cookies oder weiße Schokolade.

Das traditionelle Mandeleis, das nach Jahrzehnten, in denen es nur die Felanitxer so nannten, endlich auch laut Etikett fresque heißt, ist aber immer noch der Verkaufsschlager schlechthin. Allein 400 der im Schnitt pro Woche produzierten 2.000 Liter entfallen auf den Klassiker – das immer noch nach dem Originalrezept des Uropas Joan Barceló Valens hergestellt wird. „Wir haben mal versucht, die Mixtur zu modernisieren", erzählt Margalida Barceló, die heutige Seniorchefin. Doch da hätten die Kunden sofort protestiert – genauso wie einst, als die Familie einmal die Mandelsorte wechselte. Weil sich das im Geschmack bemerkbar machte und die Leute sich beschwerten, kehrte man schnell zur bewährten Sorte zurück.

Bis heute kommt deshalb nichts anderes als Wasser, Zucker, Zitrone, geröstete und gemahlene Mandeln und eine Prise Zimt in den Bottich, in dem die Eismasse angerührt und bei 80 Grad gekocht wird. „Also das, was früher jede Bauernfamilie zu Hause hatte", sagt Eishersteller Bernat Bordoy. Milch und Eier haben in der Zutaten­liste ebenso wenig verloren wie Emulgatoren oder Konservierungs- und Farbstoffe.

Die Rezeptur hatte sich Bernats Urgroßvater, der aus Palma stammte, einst in der Balearen-Hauptstadt bei einem ganz Großen der Eismacher-­Zunft abgeschaut: Ende des 19. Jahrhunderts hatte Joan Barceló im traditionsreichen Kaffeehaus C'an Joan de S'Aigo zu arbeiten begonnen, wo seit der Eröffnung im Jahr 1700 Mandeleis hergestellt wird. Und die bei seinem Lehrmeister erworbenen Eismacherfähigkeiten nahm er einfach mit nach Felanitx, wo er sich 1902 nach der Heirat mit einer Frau aus Santanyí niedergelassen hatte.

In der neuen Heimat widmete sich die Familie seit jeher der Eisherstellung. Das Rezept aus Palma wurde leicht abgewandelt – wobei in der damaligen Zeit ohne Steckdosen und Gefrierfach noch im Keller des Hauses im Stroh gelagerte Eiswürfel den wichtigsten Rohstoff bildeten. „Und im Winter verkaufte mein Urgroßvater Erdnüsse, die er mit dem Fahrrad in Muro holte", erinnert sich Bernat Bordoy. „Das waren noch vollkommen andere Zeiten."

Später übernahm Joan Barcelós jüngster Sohn, auch ein Joan, das Geschäft im Can Llenya, wie der Familienbetrieb lange Zeit hieß. Bis Bernat Bordoys Vater sich im Jahr 1965 dachte, dass mal ein richtiger Firmenname her müsste. Der Legende nach soll ihm ein Seemann aus Felanitx, der gerade aus Amerika zurückgekommen war, vorgeschlagen haben: „Warum nennst du es nicht Neu d´Or?" – was nicht etwa die mallorquinische Aus­sprachevariante von New York darstellt, sondern schlichtweg „goldener Schnee" bedeutet.

Nach mehreren Umzügen – unter anderem in die Carrer Major, wo Bernats Großeltern in den 40er Jahren zudem eine Bar, den Salón Rosa betrieben – befindet sich die Eisfabrik heute in der Carrer Pou de la Vila. In den Sommermonaten beschäftigt Bernat Bordoy inzwischen zwei Mitarbeiter. Für die Leute aus dem Dorf – und gern auch neugierige Deutsche, wie Margalida Barceló versichert – gibt es dort immer noch einen Direktverkauf. „Aber ich weiß nicht, wie fresque auf Deutsch heißt", warnt die Mallorquinerin vor.

Wer nach dem Abstecher zur Eismanufaktur noch einen längeren Heimweg vor sich hat, muss sich übrigens keine Sorgen machen: „Letztens habe ich Freundinnen zum Vespern eingeladen und das Eis um halb sechs aus dem Kühlfach genommen", erzählt Margalida Barceló. „Um sieben hatte es dann die perfekte Konsistenz, um es zu servieren." Dass die Kristalle des fresque nur ganz langsam schmelzen, sei neben dem Geschmack eine weitere Besonderheit der Erfindung ihres Großvaters, verrät sie.

Und als Beilage zum klassischen Mandeleis empfiehlt die Seniorchefin ein Stück gató, den typischen mallorquinischen Mandel­kuchen, eine Ensaimada oder eine Coca de Magdalena.

Gelats Neu d´Or, Carrer Pou de la Vila 9, Felanitx, Tel.: 971-58 09 36

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