Colettes verschollene Aquarelle

Der Botanische Garten in Sóller stellt einen spektakulären neuen Bildband mit Wildpflanzen der Balearen vor

10.12.2015 | 17:14

Etwas mulmig war ihm schon zumute, als er in einem Untergeschoss in Sóller vor dem verschnürten Koffer stand. „Wir lösten die Schnüre, die Verschlüsse funktionieren nicht mehr, und der Inhalt quoll über mit Urkunden, Briefen, Fotos und Aquarellen", sagt Josep Lluis Gradaille, Leiter des Botanischen Gartens in Sóller. Im Mai vergangenen Jahres war er auf der Suche nach den botanischen Aquarellen der Schweizerin Colette gewesen, die viele Jahre in Sóller gewohnt hatte. „Man kannte sie in der Stadt", sagt der Mallorquiner „aber richtig kennen lernten wir sie erst, als wir ihre Dokumente sichteten."

Diese Dokumente behandelten der Botaniker und seine Mitarbeiter wie die getrockneten Pflanzen eines Herbariums. Jedes einzelne Fundstück wurde sorgfältig zwischen zwei Papierbögen gelegt. Erst später übersetzte man die Briefe aus dem Französischen und ordnete Fotos sowie Dokumente chronologisch. Das war der Beginn der Arbeiten – sie dauerten insgesamt eineinhalb Jahre – zu dem jetzt vorliegenden Bildband „Die Pflanzen und Blumen der Balearen" An der liebevollen Gestaltung des in Leinen eingebundenen Buchs waren neben den Autoren Josep Lluis Gradaille und Lleonard Llorens, Professor für Botanik an der UIB, auch Fotografen, Layouter, Grafiker und Übersetzer beteiligt. Insgesamt 30 Mitarbeiter machten sich ans Werk. Die Texte sind in fünf Sprachen zu lesen, darunter auch Deutsch.

Den Löwenanteil des Bildbandes aber machen über hundert großformatige Aquarellzeichnungen von einheimischen Wildpflanzen der Balearen aus, die aus der Feder von Colette stammen. Sie dokumentieren botanische Details wie Zwiebeln, Samen oder aber den Querschnitt durch eine Blüte. Die Reproduktionen des Bildbandes zeigen die Pflanzen­zeichnungen so perfekt, dass der Eindruck entsteht, man blättere direkt im Aquarellblock der Künstlerin. Und doch ist dieser Band viel mehr als ein Coffee Table Book nur zum Anschauen. Denn gleich zu Beginn schreiben die Einwohner Sóllers über ihre Begegnungen mit der „extravaganten und anarchischen" Künstlerin, die 32 Jahre mit ihnen in Sóller verbrachte.

Die Reporterin
Der damals 43-jährigen Colette (1910-1985), die eigentlich Line Juliette Rose Martin hieß, dürfte es nicht leicht gefallen sein, sich dem Lebensstil der sollerics anzupassen, als sie 1953 mit ihrem braunen Koffer mit den bunten Aufklebern darauf in Port de Sóller eintraf. Sie arbeitete als Reporterin, war allein­stehend, obendrein noch kinderlos, rauchte, trank Alkohol und trug ungewöhnliche Kleidung. Auf einem in Marokko aufgenommenen Foto sieht man sie mit rot lackierten Finger- und Zehennägeln. Allein das Erscheinungsbild der weit gereisten Schweizerin aus Lausanne dürfte ausgereicht haben, um auf Mallorca Aufsehen zu erregen.

Für Sóller entschied sich die Schweizerin nach einem von mehreren längeren Aufenthalten in Marokko und Algerien. Sie reiste durch das Atlasgebirge, arbeitete für National Geographic, Schweizer Zeitschriften und Radiosender und schrieb unter anderem auch über die Rolle der Frauen bei den Nomadenstämmen. 1953 erkrankte sie bei einer Durchquerung der algerischen Wüste schwer, und eine Freundin empfahl ihr Mallorca als „immergrünes Paradies".

Die Künstlerin
Bald nach ihrer Ankunft auf der Insel lernte die Schweizerin in Biniaraix Frederick Price kennen, der gerade mit einer Orchideen-Sammlung aus Sri Lanka zurückgekehrt war. Colette zeichnete vor den Augen des Briten eine Lilie – Price kaufte sie sofort. „Das war der Anfang ihrer künstlerischen Laufbahn", sagt Gradaille. Später folgten Ausstellungen in mehreren Galerien Sóllers mit „Boheme-Ambiente". Kunstkritiker waren begeistert, erste kommerzielle Erfolge stellten sich ein.

Entscheidend beeinflusst wurde die Künstlerin von dem Botaniker Jaume Orell. Er lieferte ihr für die Aquarelle getrocknete Pflanzen aus seinem Herbarium, und er war es auch, der ihr den Auftrag gab, auf 72 botanischen Tafeln Gewächse aus seinen Sammlungen zu dokumentieren. 1957 wurden Pflanzen und Aquarelle in einer Ausstellung gezeigt. Zum Bedauern der Schweizerin scheiterten jedoch die Pläne des Botanischen Museums in Brüssel, die Aquarelle in Buchform zu veröffentlichen.

Weitere Tafeln gab der Apotheker Toni Gamundí aus Consell in Auftrag. Ein großer Bewunderer Colettes war auch Antonio Llorens, Pharmazeut aus Coll d´en Rabassa und Vater des heutigen Botanikprofessors und Mitautors des Bildbands Lleonard Llorens.

Das Nachschlagewerk
„Es war der Wunsch von Lleonards verstorbenem Vater, dass die Aquarelle als Buch erscheinen", sagt Gradaille. Er und Lleonardo sichteten über 500 Zeichnungen aus dem Koffer, aus Museen und aus Privatbesitz. Insgesamt 101 vervollständigten sie für das Buch mit botanischen Informationen. Den Aquarellen gegenüber stehen nun auf der linken Seite Datenblätter, auf denen die Pflanzen ihren jeweiligen Familien zugeordnet werden. Das Verbreitungsgebiet ist auf einer Karte verzeichnet. Makroaufnahmen zeigen Strauch oder Staude im jeweiligen Habitat. Darunter sind in fünf Sprachen alle diejenigen botanischen Details beschrieben, die der Pflanzenfreund zur Bestimmung einer Spezies benötigt. Ebenfalls vermerkt: ob es sich um Pflanzen handelt, die vom Aussterben bedroht sind, und in welchen nationalen oder europäischen Katalogen sie geschützt sind.

Es wäre wünschenswert gewesen, die Pflanzennamen ebenfalls fünfsprachig anzugeben, doch da es für einige der einheimischen Gewächse nur botanische Bezeichnungen gibt, verzichtete man darauf.

„Der botanische Garten in Sóller und wir Autoren sehen es als unseren Auftrag, die Vielfalt der Balearen-Pflanzen einem möglichst großen Publikum zukommen zu lassen", sagt Gradaille. Der Bildband wird sicherlich dazu beitragen. Und endlich geht damit auch Colettes lang gehegter Wunsch in Erfüllung: ihre Arbeiten erscheinen in einem repräsentativen Buch.


Bildband für Botanik-Fans: Pflanzen und Blumen der Balearen

„Plantes i flors de les Balears. Colette". Herausgegeben vom Jardí Bòtanic de Sóller. Autoren: Josep Lluis Gradaille und Lleonard Llorens. 343 Seiten im Format 25 mal 35 Zentimeter mit Schutzumschlag, fünfsprachig, unter anderem auf Deutsch.

Im Botanischen Garten sowie im Casal de Cultura in Sóller kostet das Buch 38 Euro, in Palma 48 Euro (Libreria Embat oder Llibres Colom).

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