Trockensteinmauern: Stammgäste im steinernen Hotel

Mallorcas Trockensteinmauern sind nicht nur Kulturerbe, sondern auch wichtiger Lebensraum

18.12.2015 | 12:25

Die Trockensteinmauer, die auf der Finca Son Amer in der Gemeinde Escorca steht, wäre ein interessanter Fall zur Langzeit­beobachtung: Der rechte Teil des Mauerwerks ist von Gewächsen überwuchert und von allerhand Tieren bevölkert. Zwischen den Steinen im linken Teil der Mauer dagegen wächst kein Grün, und weder Schnecken, noch Vögel oder Eidechsen scheinen die Hohlräume für sich entdeckt zu haben. „Diesen Teil haben wir erst vor ein paar Jahren restauriert", erklärt Josep Antoni Aguiló, Leiter der Umweltabteilung beim Inselrat. Der rechte Teil des Bauwerks dagegen dürfte schon rund 200 Jahre alt sein. Er stellt sich nun die Frage, wie lange die Flora und Fauna brauchen wird, um in den Neubau einzuziehen.

Das Interesse an den Trockensteinmauer-­Biotopen ist vergleichsweise neu auf Mallorca. Zwar lässt der Inselrat schon länger die ohne Mörtel errichteten Begrenzungsmauern (marges), Terrassen (marjades), Schneehäuser (cases de neu) oder Wasserleitungen (síquias) wieder aufbauen und katalogisieren – schließlich sind sie ein Kulturerbe und wichtiger Teil der inzwischen von der Unesco zum Welterbe erklärten Tramuntana-­Landschaft. Jetzt reicht der Blick aber auch zwischen die Steine, wie die erste Tagung über Artenreichtum und pedra en sec auf Mallorca Ende November zeigte. Bei den Vorträgen von Biologen aus Katalonien und Italien sei klar geworden, dass man bei den steinernen Hotels für Flora und Fauna auf Mallorca einen deutlichen Forschungsrückstand aufholen müsse, so Aguiló.

Mikroklima Trockensteinmauer
Die große Bedeutung der Mauern für die Natur liegt aber auch so auf der Hand. Sie sind ein Rückzugsgebiet zum einen vor Raubtieren, zum anderen aber auch vor der Hitze und Trockenheit, vor der Sonne oder vor der Kälte – die Bauwerke beherbergen ein Mikroklima. Hier kann man sich ver­stecken, Nahrung horten, ein Nest bauen.

Lang ist die Reihe der Stammgäste, je nach Lage haben sich unterschiedliche Zielgruppen niedergelassen. Mauern mit Ausrichtung nach Süden beherbergen etwa den Venusnabel aus der Familie der Dickblattgewächse, Kletterpflanzen oder Kakteen. Bei Ausrichtung nach Norden dagegen fühlen sich Farne wohl. Zwischen Steinen und Pflanzen tummeln sich je nach Lage und Größe der Zwischenräume Insekten aller Art, Würmer, Schnecken, Spinnen, Mäuse, kleine Schlangen, Geckos oder Eidechsen sowie auch Vögel.

Verfallen die Trockensteinmauern, werden auch die Tiere und Pflanzen vertrieben. „Das ist so, als ob man ihnen ihr Haus wegnimmt", erklärt Aguiló. Und nicht nur das: Schließlich sind die Bewohner allesamt Raub- oder Beutetiere, deren Verschwinden auch Folgen für die restliche Fauna hat.

Die Trockensteinmauern sind aber auch ein Beispiel dafür, dass Natur nichts Statisches ist, das der Mensch nicht anrühren darf. „Die Tramuntana-Landschaft im 15. und 16. Jahrhundert war noch ganz anders, als wir sie kennen", betont Aguiló. Heute prägt die pedra en sec rund 210 Quadratkilometer auf der Insel, fast ein Viertel der Gebirgslandschaft Mallorcas. In einem dynamischen Prozess wurden die Mauern von der Pflanzen- und Tierwelt kolonisiert, und es entstanden sogenannte emerging ecosystems – also Ökosysteme, die im Gegensatz beispielsweise zu Korallenriffen, Savanne oder Regenwald überhaupt erst durch Menschenhand möglich wurden.

Denn eine natürliche Felswand kann in der Regel bei Weitem nicht mit einer Trocken­steinmauer mithalten, wie auch eine Studie von Raol Manenti von der Universität Mailand gezeigt hat. Der Biologe, der zu den Gästen der Tagung auf Mallorca gehörte, hatte in den Bergen des nördlichen Apennin Populationen von Salamandern und Schaltieren in Abhängigkeit von der Strukturvielfalt der Mauer und dem Pflanzen­bewuchs verglichen. Das Ergebnis: ein eindeutiger Zusammenhang. In den Trockensteinmauern konnten deutlich mehr Exemplare ausgemacht werden.

Dass die traditionellen Mauern nicht nur schön anzusehen sind, betonte auf der Tagung auch der katalanische Umweltforscher Arnau Sabaté: Die Bauwerke beugen der Bodenerosion vor, fördern die Regeneration verbrannter Flächen, ermöglichen die Kondensation von Nebel und Feuchtigkeit und wirken auch als biologische Korridore.

Mission Mauerbau
Grund genug also, sich um das Erbe der pedra en sec zu kümmern. Der Erhalt dieses Kulturerbes hält die Mitarbeiter des Insel­rats denn auch in Atem. Die Institution unterhält heute ein 27-köpfiges Team, das sich um nichts anderes als Mallorcas Trocken­steinmauern kümmert. Dabei wäre das früher verbreitete Handwerk Mitte des 20. Jahrhunderts beinahe ausgestorben – erst seit den 1980er Jahren wurden wieder margers darin ausgebildet, die Steine ohne Mörtel kunstvoll aufzuschichten.

Das Überleben des Handwerksberufs ist gesichert, die Katalogisierung des Kulturerbes läuft – nun sind die Biologen gefragt. Aguiló vom Inselrat hofft, dass sich Forscher der Balearen-Universität (UIB) für die Mauern interessieren und die Arbeit der margers wissenschaftlich begleiten. Dass auf die erste Tagung weitere Veranstaltungen folgen werden, steht schon jetzt fest. Und vielleicht kann man dann in naher Zukunft auch neue Bewohner in der restaurierten Steinmauer auf der Finca von Son Amer vermelden.

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