Dem "Bürgermeister" von Biniaraix wird es nie langweilig

Gori ist zugleich Seele und Hüter der Schlucht hoch über Sóller. Und er hat ständig etwas zu erledigen

21.12.2015 | 17:37
Gori auf einem der Treppenwege im Es Barranc de Biniaraix, der an seinem Haus vorbeiführt.

Gori kennt Es Barranc sein halbes Leben lang – und jeder kennt ihn, den letzten Bewohner der Felsenschlucht. Seit über 30 Jahren besitzt er am Wanderweg GR-221 oberhalb von Biniaraix ein Steinhaus. Zwar gibt es noch eine Wohnung in Fornalutx, doch mehrmals die Woche steigt er über den alten Pilgerweg zu seiner Finca Ca´n Silles, die er einst als halbe Ruine kaufte und mit Freunden restaurierte. Manchmal bleibt er zwei Wochen am Stück hier oben.

Hund und Esel begleiten ­Gori, die Lastentiere sind die einzige Möglichkeit, Lebensmittel, Seife, Futter für die Schafe und zig andere Dinge über die buckligen Steine und Stufen nach oben zu transportieren. 45 Minuten braucht man pro Strecke, vorausgesetzt man ist in Form. „Durch die Nase einatmen, durch den Mund aus", rät der höchstens 1,60 Meter messende Gori mit Vollbart und lustig zwinkernden Augen hinter Brillengläsern. 61 ist er jetzt. Wir wollen mit ihm Schritt halten.

Kennengelernt hatten wir den Mallorquiner aus Sóller im Frühjahr auf einer Wanderung von Biniaraix zum Mirador de l´Ofre. Wenn wir mal wieder in der Gegend wären, so Gori, zeige er uns sein Haus und das Leben im Barranc. Jetzt sind wir da.

Gori sperrt die Tür seiner 4-Zimmer-­Herberge auf und schmeißt als erstes den Generator im Hof an, wo sich auch WC und Dusche befinden. Ein paar Hütten hier oben tragen Solarplatten auf dem Dach, aber Gori findet sie hässlich und will daher keine installieren. Außerdem gäbe es im Winter für ein, zwei Monate sowieso keine Sonne in der Schlucht.

Wir sehen uns im Haus um, es gibt einen ausgebauten Dachboden, eine Werkstatt und Ställe. An einem Brett neben der Küche hängen ein Dutzend Schlüssel, doch wo befinden sich die Türen dazu? „Das sind Schlüssel von Nachbarn", erklärt Gori. Weil man ihn fast immer hier oben antrifft, haben die Besitzer sie bei ihm abgegeben. Für Notfälle, falls mal ein Arbeiter reingelassen werden muss oder sie selbst den Schlüssel vergessen haben mitzunehmen. „Ich bin der Bürgermeister vom Barranc", stellt Gori klar. „Ich kontrolliere, ich organisiere, auf mich kann man sich verlassen."

Die Bürger von Gregorio Reymes, wie er mit vollem Namen heißt, sind ein bunt gemischter Haufen. Auch wilde Ziegen und 50 Schafe gehören dazu, ebenso wie Drosseln und Rebhühner. Er kümmert sich um Olivenbäume, viele davon 500 Jahre alt, Zisternen und Wasserleitungen. Mit Bedacht und Pflichtbewusstsein. Und wenn ein Nachbar mal eine Axt oder Leiter braucht, hilft Gori gerne aus. Sogar seine Esel verleiht er an gute Freunde, weil er als Einziger im Es Barranc welche besitzt.

Vor dem Rundgang stärken wir uns mit einer merienda. ­Gori schiebt einen Sessel zur Seite und klappt eine unsichtbare Falltür hoch. Winzige steile Treppen führen nach unten. Ein Schatz muss dort verborgen liegen, denn Gori steigt mit Wurst, einem Glas Paté und Oliven wieder hoch. „Vergangenes Wochenende hatte ich mit drei Freunden matanza", erzählt er. Das Schwein wurde in Algaida geschlachtet, das Fleisch anschließend per Esel auf die Hütte transportiert und daraus botifarrons, sobrassadas und camaiots gemacht.

Im Esszimmer, mit Blick ins Tal, lassen wir uns das späte Frühstück schmecken. Ramallet-Tomaten, Oliven, Clementinen und das Olivenöl stammen von der Finca. Am nächsten Wochenende plant Gori, mit zwei Freunden Oliven zu pflücken. Die Früchte werden wie jedes Jahr per Esel ins Dorf gebracht und von dort mit dem Auto weiter zur Mühle Can Det. Anschließend transportiert er das Öl zurück auf die Hütte.
Langweilig wird ihm hier oben nie, jede Jahreszeit hat ihre Aufgaben. Da es keine Zufahrt für Autos gibt, hat sich im Es Barranc wenig verändert, fast alles muss in Handarbeit erledigt werden. Im Frühjahr bereitet Gori die Beete für Gemüse und Grünfutter für die Schafe vor, im Sommer erntet er Tomaten und Paprika, im Herbst sammelt und schneidet er Brennholz, das ganze Jahr über hält er die Oliventerrassen von Gestrüpp frei, verbrennt die Äste. „Dann gibt es wieder eine Mauer zu reparieren, der Eselstall muss gesäubert werden oder ein Nachbar braucht meine Hilfe", sagt Gori, der als Schreiner bei der Eisenbahn beschäftigt war und seit Kurzem pensioniert ist.

Er dreht sich eine Zigarette, wir sitzen jetzt vor dem Kamin, die einzige Wärmequelle im Haus. Mehrere Ziegenschädel wachsen über dem Feuer in die Höhe. Die Wände sind mit Fotos, Hüten, Gewehren und Schlössern verziert. Auch das spanische Königspaar Felipe und Letizia schaut auf uns herunter. Gori behauptet felsenfest, dass die zwei ihn hier oben besucht hätten, ganz ohne Bodyguards.

Um das Sozialleben macht sich der frau- und kinderlose Gori keine Gedanken. Abends sitze er gern mal allein vor dem Kamin, macht sich das Radio an und flicht Körbe, bastelt Bilderrahmen oder schnitzt Wanderstöcke. Was andere vielleicht romantisch finden, ist für ihn normal und „muss eben getan werden". Im Es Barranc sitzt man nicht still in der Ecke, „sempre facis coses", immer tust du etwas, sagt er auf Mallorquinisch.

In Sichtweite vom Haus liegt die alte Ölmühle Can Catí, seit 70 Jahren ungenutzt. Das Dach drohte einzufallen, also überzeugte Gori den Besitzer, es zu reparieren. Die langen Balken mussten per Hubschrauber angeliefert werden. Wir spazieren zu der Mühle, Gori sperrt die alte Holztür mit einem riesigen Schlüssel auf. Die Ölmühle ist gut in Schuss, aber trotzdem nicht zu retten. „Es gibt keine Verwendung für das Haus", sagt Gori. Natürlich wolle man hier oben kein Hotel für Touristen sehen, der Umbau würde zudem Millionen kosten. Unterhalb der Ölmühle liegt ein großer Gemüsegarten, um den sich Gori kümmert. Es gibt noch Kohl- und Salatköpfe, die Zisterne ist randvoll gefüllt. Einmal pro Woche darf er offiziell für eine Stunde Wasser zapfen von der Leitung, die aus der Schlucht ins Dorf führt. Sie gehört wie der Pilgerweg dem Inselrat.

Dieses Jahr hat es viel zu wenig geregnet, der torrent führt daher noch kein Wasser. An Goris Haus schlängelt sich ein Weg in die Höhe, vorbei an einem Grundstück, das zu verkaufen ist. 70.000 Euro will der Nachbar haben, für zwei mittelgroße Terrassen mit Stall. „Zu viel", findet Gori, „aber vielleicht geht er auf 50.000 runter, wenn man mit ihm spricht." Klar ist, viele der rund 50 Olivenbauern in der Schlucht brauchen Nachfolger, sie kultivieren ihre Olivengärten nicht mehr, weil sie zu alt sind, keine Zeit oder Lust haben. Jedes Jahr holt sich die Natur daher ein Stück der von Menschen erschaffenen Terrassen zurück.

Wir kommen zu einem Wasserbassin an einem großen Findling. Das Quellwasser glitzert gold-grün, am Rand stehen zwei Stühle. „Mein Swimmingpool", sagt Gori und freut sich. Worüber? „Noch ein guter Monat, dann ist Sant Antoni", so der Mallorquiner. Er weiß: Nach dem 17. Januar steht die Sonne wieder hoch genug, dass die ersten Sonnenstrahlen über die Bergspitzen und weiter in die Schlucht krabbeln.

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