Die richtige Wespe für die Echte Feige

Mit Kreuzungen von Wild- und Kulturfeige könnten Früchte von einer bisher nie dagewesenen Qualität entstehen. Wie genau, erklärt der Agraringenieur Joan Rallo

02.02.2016 | 08:39
Die ersten Früchte des Wildfeigenbaums sind reif, aber nicht essbar.
Die ersten Früchte des Wildfeigenbaums sind reif, aber nicht essbar.

Rund 250 verschiedene Feigen­sorten wachsen auf Mallorca. Mit dieser stattlichen Zahl konnte man bisher gut leben. Doch sie stimmt nicht so ganz. „Die Echte Feige (Ficus caricia var. domestica bot., higueras span., figueres kat.) wurde auf der Insel seit eh und je ausschließlich durch Ableger vermehrt“, sagt der pensionierte Agraringenieur Joan Rallo (74). Dass die Bäume Früchte in der Farbskala von Gelb bis Violett in vielen Formen liefern und unzählige Namen haben, beweise noch lange nicht, dass sie verschiedene botanische Sorten sind. Denn bei einer Vermehrung durch Ableger produziere man lediglich einen Klon nach dem anderen.

Wie sich die Zukunft der Inselfeige verändern könnte, beschreibt Rallo in seinem kürzlich in katalanischer Sprache veröffentlichten Buch: „La sexualitat de les figueres i del seu insecte pol.linizador“ (Das Geschlechtsleben der Feigenbäume und ihrer bestäubenden Insekten), das im Rahmen einer Fachbuchreihe vom balearischen Umweltministeriums herausgegeben worden ist.

„Die botanische Besonderheit der figueres ist wenig erforscht, sie ist eine große Unbekannte“, sagt der Autor. Deshalb beobachtete und protokollierte Rallo fünf Mal in Folge den Jahreszyklus der Wildfeige, auch Ziegen-, Bock- oder Holzfeige genannt (Ficus caricia var. caprifica bot., cabrahigueros span., cabrafigueres kat.).

„Ich fand die Beziehung der Feigenbäume zu ihren Bestäubern schon immer hochinteressant, doch mit der Forschung konnte ich erst im Ruhestand beginnen“, sagt Rallo. Denn neben dem bekannten Ficus caricia mit seinen 250 Inselsorten gibt es – so der Autor – noch weitere Feigentypen, die auf der Insel weitgehend unbekannt sind.

Die Wilde und die Wespe

Im Garten des Experten bei Campos wachsen 40 Wildfeigen. Anfangs sammelte er verwahrloste Bäumchen von der Insel. Aus den Samen der ersten Früchte zog er neue, und bald wuchsen aus zu Boden gefallenen Feigen neue Bäume. Denn die Wildfeige kann sich – im Gegensatz zu den rund 250 Feigensorten auf der Insel – nicht nur durch Ableger, sondern auch mit Samen vermehren.

Die Bäume sind nur etwa zwei Meter hoch, so dass ihre ­biologische Entwicklung bequem beobachtet und fotografiert werden konnte. Beim MZ-Besuch sitzen an den kahlen Ästen bereits Früchte. „Sie sind nicht essbar“, sagt Rallo und schneidet die Winterfrucht, auf. In deren Mitte sind winzige helle und dunkle Punkte zu erkennen.

Es sind die Eier der Feigengallwespe (Blastophaga psenes bot., avispa de los higos span., blastòfaga kat., siehe Kasten). „Die Bestäubungsbiologie der Wildfeige durch die Feigengallwespe ist einzigartig“, sagt der Agraringenieur. Diese „passiere“ nicht einfach nach dem Zufallsprinzip wie bei den Bienen, die von Blüte zu Blüte fliegen. Die Gallwespe befruchtet ausschließlich Feigenblüten. Insekt und Baum leben in enger Symbiose: Die ­Feige gibt dem Insekt Platz für seine Brut, die Wespe bestäubt die Blüten des Baumes, damit er sich vermehren kann. Bei den Früchten der Wildfeige kann die Wespe ihr Gelege in der Frucht ablegen, weil diese durch ihre kurzen Blütenstängel Platz dafür bietet.

Kultivierte Feigen

Bei den Feigen, die wir kennen und gern essen, ist dies nicht möglich. Eigentlich ist sie keine Frucht, denn sie enthält in ihrem Innern langgrifflige weibliche Blüten mit sterilen Samen. Die Früchte der 250 Inselsorten können sich auch ohne Bestäubung entwickeln. Durch Samen können sie sich ­jedoch nicht vermehren.

Wenn sich eine Gallwespe, die in der Wildfeige groß geworden ist, einer Echten Feige nähert, versucht sie zwar, ihr Gelege durch die kleine Öffnung am breiten Ende der Frucht (Ostiolum) ins Innere der Frucht zu schieben. Doch das kann ihr nicht gelingen, weil durch die langen Blütenstängel in der Frucht keinen Platz mehr frei ist. Doch bei dem Versuch, durch die kleine Öffnung einzudrängen, hinterlässt das Insekt die Pollen der Wildfeige. Die Blüte kann dann fruchtbare Samen entwickeln und ihr Erbgut weitergeben. So entsteht mehr genetische Diversität als bei der Vermehrung durch Ableger.

Drei verschiedene Feigentypen kommen dafür in Frage: Die Inselfeigen, die zur Gruppe des „Adriatischen Feigentyps“ (hortensis) zählt, bei der sich die Früchte parthenokarp, also ohne Befruchtung entwickeln; der „Smyrna-Typ“ (smirniaca), bei der die Feigen nur mit Hilfe der Gallwespe reifen; und die „San-Pedro-Feige“ (intermedia), bei der die ersten Feigen des Sommers ohne Bestäubung auskommen. Wird die zweite Frucht des Jahres nicht bestäubt, fallen die Feigen vor der Reife ab.

Wird die Echte Feige durch die Wespe mit Pollen der ­Wildfeige bestäubt, nennt man dies Kaprifikation. Der Autor sammelte viele historische Beispiele für diese Technik, ein Foto in seinem Buch zeigt kultivierte Feigen aus dem Jordantal, deren Alter auf 11.400 Jahren datiert wird. Auf der Isle of Wight wurde die Versteinerung einer Feigengallwespe gefunden, Archäologen glauben an ein Alter von 34 Millonen Jahren. „Es steht fest, dass Feigen noch vor dem Getreide vom Menschen kultiviert wurden“, so der Mallorquiner.

Neue Sorten

Weil die Inselfeigen vorwiegend an die Schweine verfüttert worden seien, hätte man sich nie ernsthafte Gedanken über eine Verbesserung der Qualität gemacht, sagt Rallo. Das könnte sich mit seinem Buch ändern. Es zeigt Wege auf für Mischplantagen mit wilden und echten Feigen. Die Kaprifikation funktioniere auch, wenn sich zum richtigen Zeitpunkt ein Ast mit den Früchten der Wildfeige in der Nähe von Kulturfeigen befindet.

In Kalifornien wird die Technik bereits praktiziert. Dort hat man sich nicht mit der Einfuhr von Feigenbäumen zufrieden gegeben, die ohne Bestäubung auskommen, sondern die nur im Mittelmeerraum heimische Feigengallwespe gleich mit importiert. Das Ergebnis: wohlschmeckende Sorten von hoher Qualität mit befruchteten Samen, die vor allem getrockneten Früchten Geschmacksnuancen ­verleihen.

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