Krämer Don Mateo und sein Lebenswerk

Nie günstig, aber beste Qualität: In Palma schließt ein Tante-Emma-Laden. Und eine kleine Welt geht unter

11.02.2016 | 11:57

Eigentlich wollte Mateo Estelrich ohne großes Tamtam in den Ruhestand gehen. Einfach wie jeden Samstag am Mittag den Laden schließen. Und das war´s. Aber so läuft es nicht im Leben.

Es ist Freitagnachmittag (29.1.), in dem kleinen colmado, dem Tante-Emma-Laden in der Carrer Bisbe Joan Maura, 19 in der Nähe des Parc de ses Estacions in Palma. Estelrich stellt ein paar Kisten mit Obst und Gemüse raus, hängt sie an Bändern an die Fassade. Innen drin sind die Regale zum Teil schon halb leer.

Dass der 69-Jährige den Laden zumacht, war keine ganz freiwillige Entscheidung. „Meine Familie hat mir nahegelegt, damit aufzuhören. Ich habe verpasst, wie meine Kinder aufgewachsen sind. Das soll mir bei meinen Enkeln nicht passieren."

Seine Bewegungen, seine feste Stimme und seine schnelle Art zu reden, lassen ihn jünger wirken, als er ist. Er schaut seinem Gesprächspartner in die Augen – wenn er denn einen Moment zur Ruhe kommt. Die meiste Zeit wuselt er herum, verschiebt Kisten, wiegt Sachen ab und kontrolliert die Ware. Er ist ein Mann, der auf Bescheidenheit Wert legt. „Ich bin doch nicht anders als die anderen Tausend, die morgen in Rente gehen."

Der Colmado ist Estelrichs Leben. Er selbst wurde im Hinterhaus geboren, ein Jahr, nachdem seine Eltern das Geschäft übernommen hatten. Der Vater starb früh, und Mateo und sein Bruder halfen der Mutter. Sie sei es gewesen, die ihn gelehrt habe, wie wichtig Qualität sei. Egal ob es um eine Artischocke oder eine Sobrassada geht.

Denn der Colmado Perelló war nie der günstigste Ort. Aber auch nicht teuer. „Teuer bedeutet, mehr zu zahlen, als die Ware wert ist", sagt Estelrich. Er selbst habe hingegen immer auf Qualität gesetzt. „Nur auf den Preis zu achten, ist wie im Wilden Westen. Einer zieht immer schneller als du, einer macht immer den billigeren Preis. Der Markt ist übersättigt mit Billigware."

Auch an diesem vorletzten Arbeitstag merkt man ihm die Leiden­schaft für die Sache an. „Oh, du wirst diese Ramellet-Tomaten genießen", sagt er, während er sie aus der Kiste pickt. „Sie sind die Besten, die es gibt." Ähnliche Worte fallen, als er einem anderen Kunden eine Sobrassada abwiegt. „Ich kann den Kunden nur von meinen Produkten überzeugen, wenn ich selbst davon überzeugt bin."

Dieses Pochen auf Qualität hat Estelrich über die Insel hinaus einen guten Ruf eingebracht. „Ich habe sogar Kunden auf dem Festland", sagt er und macht sich sogleich Sorgen, das könne als Angeberei ausgelegt werden. „Ich versuche, meine Arbeit gut zu machen. Und solche Leute finden sich. Jemand, der bei der Produktion einer Sobrassada Wert auf Qualität legt, wird jemanden suchen, der sie beim Verkauf zu schätzen weiß."

Oben über der Kasse hängt, wie in so vielen Geschäften, ein Schild: „Es sind Reklamationszettel verfügbar." Estelrich sagt, kein einziger Kunde habe in all diesen Jahren so ein Papier ausgefüllt.

Ganz in der Nähe befindet sich der Corte Inglés auf den Avenidas und ein Mercadona. Der Laden hat dennoch durchgehalten. Umso kurioser ist es, dass der Colmado Perelló nach so viel Kampfgeist komplett dichtmacht. Aber Estelrich ist da nur konsequent. „Ich habe mich auf die Suche nach einem Nachfolger gemacht. Es gab ein paar vielversprechende, junge Leute, aber keiner hätte die Qualität so beibehalten können wie ich." Also mache er lieber zu, bevor der Ruf des Colmado Schaden nehmen könnte.

Im Laufe des Abends kommen mehr und mehr Menschen vorbei. Einige kaufen etwas, die meisten stellen sich aber einfach in den Laden. Sie wollen sich verabschieden, wünschen einen guten Ruhestand. Estelrich bedankt sich und macht ein paar Sprüche. „Natürlich ist er traurig zu schließen, dieser Laden war seine Welt", sagt seine Tochter Begoña. „Auch für mich wird es sehr merkwürdig sein, hier vorbeizulaufen und den Laden geschlossen zu sehen." Sie sagt aber auch: „Das ist kein Leben." 14 bis 18 Stunden arbeitete ihr Vater am Tag. Urlaub habe er nur ein einziges Mal gemacht. Vergangenes Jahr, drei Tage Rom, dann wurde er nervös. Begoñas kleiner Sohn ist an dem Abend auch da und spekuliert damit, doch irgendwann in die Fußstapfen des Opas zu treten. Begoña sieht nicht so aus, als ob sie ihm diesen Wunsch erfüllen möchte.

Vom gegenüberliegenden Bürgersteig aus wirkt der kleine Laden für einen Augenblick wie das einzig Beleuchtete in einer ansonsten dunklen Straße. Und plötzlich merkt man, warum es den Menschen so leid tut, dass Don Mateo schließt. Weil dieser Laden für die meisten von ihnen immer da war. Er war ein Ankerpunkt. Auch für die, die irgendwann wegzogen. „Sie sind immer in den Colmado gekommen, wenn sie wieder zu Besuch in Palma waren", sagt Estelrich.

Diese Szene mit Mateo und seinen Freunden gäbe jetzt auch den Schluss eines märchenhaften, europäischen Films her. Eines Films, in dem Amélie Poulain gleich um die Ecke kommen müsste.

Und dann sagt Estelrich erneut zu jemandem, wie so viele Male an diesem Abend, diesen einen Satz: „Wenn ich könnte, würde ich noch siebzig Jahre weiter arbeiten." Und besinnt sich sogleich wieder auf die Ausweglosigkeit seiner Situation. Er hat es ja versprochen. Wegen der Enkel. „Seit einem Jahr versuche ich mich darauf einzustellen, dass der Colmado Perelló geschlossen wird", hatte er am Nachmittag gesagt. So wirklich akzeptiert, das muss er nicht laut aussprechen, hat er diese Entscheidung nicht.

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