Von den Balearen zu den Kanaren

Wer eroberte die Atlantik-Inseln? Die Kastilier. Doch zuvor hatte es schon mallorquinische Missionare und Händler dorthin verschlagen

03.03.2016 | 11:18

Der offiziellen spanischen ­Geschichtsschreibung zufolge begann die gemeinsame Geschichte Spaniens mit den Kanaren im Jahr 1402: Ein französischer Abenteurer namens Jean de Béthencourt bot damals die Atlantik-Inseln dem kastilischen Herrscher Heinrich III. an, der dankend annahm. Zusammen mit seinem Landsmann Gadifer de la Salle war Jean de Béthencourt mit 53 Mann an die Küste der nördlichsten Insel Lanzarote gelangt. Er kam mit seinem Eroberungszug aber nicht weiter, weswegen er bei Hofe um militärische Hilfe nachsuchte.

Die Kastilier benötigten weitere fast 100 Jahre, um die Inselgruppe vollständig unter ihre Kontrolle zu bekommen. Als Schlusspunkt gilt die Schlacht von Aguere auf Teneriffa am 14. November 1494, als der Eroberer Alonso Fernández de Lugo die Ureinwohner – die Guanchen – vernichtend schlug. Die rätselhaften Einheimischen von Teneriffa und diejenigen, die die anderen Inseln bevölkerten, verschwanden von der Bildfläche durch Assimilierung mit den spanischen Siedlern. Allenfalls ein paar Tongefäße von ihnen blieben erhalten, ihre Sprache wurde aus dem Bewusstsein der Menschen getilgt. Wie es heißt, sollen sie Abkömmlinge von Berbern gewesen sein, einem Volksstamm, deren Angehörige noch heute in ­Marokko leben.

Das alles ist wohl wahr. Doch was die offizielle Geschichtsschreibung unterschlägt, ist, dass katalanischsprachige Mallorquiner bereits im 14. Jahrhundert die damals am Ende der Welt befindlichen Atlantik-Inseln erreichten. Es handelte sich um Händler und Missionare, nicht um Soldaten. Sie gelangten von Mallorca, das damals vom Königreich Aragón beherrscht wurde, zwischen der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts bis 1393 auf die Kanaren. Damals hatte Mallorca eine Handelsflotte von beachtlicher Größe. Mallorquiner trieben im gesamten Mittelmeer Handel, ihre Schiffe gelangten bis nach Griechenland und Tunesien. Mit dem damals noch arabisch beherrschten Andalusien bestanden besonders enge Beziehungen, und in Sevilla leisteten sich die ­Mallorquiner sogar einen eigenen Konsul.

Und in Palma war die Produktion von Seekarten einer der wichtigsten Geschäftszweige. Ein gewisser Angelí Dulcert zeichnete die Kanaren 1339 in eine Karte ein. Die Atlantik-Inseln waren übrigens schon zu römischen Zeiten bekannt gewesen – Plinius der Ältere nannte sie die „glücklichen Inseln". Jahre nach Dulcert zeichneten Kartografen in Palma den sogenannten „Atles Catalá", den „katalanischen Atlas", in dem auch die Reise eines Händlers namens Jaume Ferrer an die afrikanische Westküste und zu den Kanaren 1346 aufgeführt war. Ob Ferrer auf den Inseln tatsächlich an Land ging oder ob er sie nur aus der Ferne sah, ist unklar. Er war wohl aufgebrochen, um in Afrika – im Gebiet des heutigen Senegal – Gold und Gewürze zu erstehen.

Bereits fünf Jahre später ernannte Papst Clemens VI. 1351 einen mallorquinischen Missionar namens Bernat zum Bischof von Telde auf Gran Canaria. Zwölf kanarische Ureinwohner wurden zudem eigens nach Mallorca gebracht, um Katalanisch zu lernen. Auch weitere mallorquinische Geistliche waren auf Gran Canaria in den Folgejahren zugange: So erkoren die Oberhirten der katalanischen Städte Tortosa und Barcelona im Auftrag von Papst Urban V. 1369 den Mönch Bonanat zum Bischof von Telde. Später amtierte dort ein ebenfalls von Mallorca stammender Jaume Utzina. Sämtliche mallorquinischen Emissäre waren Jünger des vernunftorientierten mittel­alterlichen Denkers Ramon Llull, dessen 700. Todestag dieses Jahr begangen wird.

Diese Zeit der ersten christlichen Bekehrungsversuche endete um 1393 tragisch: Piraten, die vom spanischen Festland aus in See gestochen waren, plünderten mehrere der Kanaren-Inseln und richteten Blutbäder unter den Einheimischen an. Sie nahmen Sklaven, brannten die Kirchen nieder, töteten mallorquinische Händler und Missionare.

Fundstücke, die die Anwesenheit der mittelalterlichen Mallorquiner auf den Kanaren belegen, gab es jahrhundertelang nicht. Bis 1991. Damals entdeckten Archäologen in der ehedem von Ureinwohnern bewohnten Cueva Pintada bei Gáldar auf Gran Canaria – der „bemalten Höhle" – eine unauffällige, mit Patina überzogene Münze aus Kupfer und Silber (siehe unten links). Sie stammt aus der Zeit, als König Jaume II. von Aragón (1267–1327) auch Mallorca beherrschte. Bei Verhandlungen mit den Mallorquinern war die Münze offenbar in die Hände der Einheimischen gelangt.

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