Wie sich Mallorca gewandelt hat

Ein Band zeigt Bilder von Josep Planas i Montanyà

07.04.2016 | 13:49
Ein bekannter Küstenstreifen Mallorcas in den 70ern

Eine niedrige Mauer steht mitten in der Landschaft. Im Hintergrund meint man zwischen Büschen und Sträuchern ein Haus zu erkennen. Ansonsten ist der Strand weitgehend unbebaut und jungfräulich. Zwanzig Jahre später ist von diesem unberührten Flecken Natur nichts mehr übrig. Eine vierspurige Straße trennt den weißen Sand von den noch weißeren Fassaden der Hotels.

Haben Sie erkannt, wo wir uns befinden? (Hier steht die Auflösung) Diese Fotos erzählen viel über das, was aus Mallorca geworden ist. Es sind Aufnahmen des Fotografen Josep Planas i ­Montanyà aus dem Bildband „Mallorca Clásica", der dieser Tage in Deutschland erscheint. Planas ist im Januar diesen Jahres im Alter von 91 Jahren verstorben. 1945 war der gebürtige Katalane im Rahmen seines Militärdienstes nach Mallorca gekommen. Zwei Jahre später gründete er die erste Filiale des Fotogeschäfts „Casa Planas". Zugleich fing er an, die Insel zu fotografieren. Unermüdlich. Er dokumentierte den Aufstieg des Tourismus und verdiente daran mit, indem er die Bilder zu Postkarten verarbeitete. Und so wurde Josep Planas i Montanyà über die Jahrzehnte zum visuellen Chronisten der Ferieninsel.

Bilderrätsel: Die Auflösung und die aktuelle Rätselfrage

Der rasende Fotograf
In den Nachrufen nach seinem Tod waren noch einmal die ganzen Geschichten zu lesen. Planas, der Freund von Hollywood-Stars wie Errol Flynn. Planas, der in den 50er-Jahren, noch vor der Guardia Civil, einen Helikopter hatte, mit dem er die Insel für seine spektakulären Luftaufnahmen überflog. Planas, der im Jahr locker 25.000 Exemplare einer einzelnen Postkarte absetzen konnte. Planas, der irgendwann 15 Filialen von „Casa Planas" sein Eigen nannte und eine spektakuläre Sammlung an Fotos, Zeitschriften und Kameras.

Sein Archiv wird heute von seiner Enkelin Marina verwaltet. An sie wendete sich auch im Jahr 2012 der Kölner Reiseveranstalter Holger Lüttgen („Genusswelten") mit der Idee für „Mallorca Clásica". Lüttgen hatte damals im Fernsehen bei Vox einen Themenabend über Mallorca gesehen, in dem einer der Beiträge auch von Planas handelte. Eine Weile später lernte er die Verlegerfamilie Heel kennen, die ebenfalls auf Planas aufmerksam geworden war. Das Projekt, ein Bildband zu veröffentlichen, entstand.

2014 ging Lüttgen ins Archiv, um die Bilder zu sichten. „Vom Verlag gab es keine Vorgaben", erzählt er. Vielmehr ließ er sich von der Grundidee leiten, die heute auch die Struktur des Buches ausmacht: die grobe Aufteilung der Inseln in geografische Zonen – Palma, der Südwesten, die Tramuntana, der Norden und Osten, der Südosten. Die Inselmitte kommt eher am Rande vor. „Das liegt auch daran, dass Planas hier sehr wenig fotografiert hat", erklärt Lüttgen.

Lüttgen traf auch den Fotografen selbst, der damals schon in einem Pflegeheim lebte. Eine Weile habe man sich mit der Hilfe von der Enkelin Marina als Dolmetscherin unterhalten. Planas habe ihm andere Bildbände gezeigt und ihm Anekdoten aus seinem Leben erzählt. Sein Zimmer sei mit Devotionalien des FC Barcelona geschmückt gewesen. „Er hat sich sehr gefreut, dass ein Bildband mit seinen Werken erscheint. Auch, dass es ein Deutscher macht. Er sagte, er habe gute Erfahrungen mit ihnen gemacht."

Drei Tage verbrachte Lüttgen im Archiv. Bei mehreren Zehntausend Bildern ist das nicht viel. „Das Archiv ist aber relativ gut geordnet, sodass man sich gut zurechtfinden kann, wenn man weiß, was man sucht", sagt Lüttgen. Er habe darauf geachtet, nicht nur die Vielfalt Mallorcas, sondern auch die unterschiedlichen Aspekte in der Arbeit des Fotografen darzustellen. „Weil er einen Hubschrauber hatte, mussten Luftaufnahmen mit rein. Er ist auch auf dem Dach eines Bullis mit einer Kamera durch die Stadt gefahren, also nahmen wir auch solche Bilder ins Buch auf." Josep Planas i ­Montanyà, ein personifizierter Vorläufer von Google Street View, das ist eine der Überraschungen dieses Bandes.

Archiv, Schatz und Bürde
Am Ende hatte Lüttgen knapp 400 Bilder ausgesucht, von denen es etwa 150 ins Buch geschafft haben. Marina Planas, die Enkelin, digitalisierte sie. Für sie und ihre Familie ist das Archiv Schatz und Bürde zugleich. Im Jahr 2000 hatte der Großvater seine Fotogeschäfte geschlossen. Die aufkommenden großen Einkaufszentren und die Digitalisierung der Fotografie hatten ihn zu diesem Schritt bewogen. „Im Nachhinein gesehen ein sehr visionärer Zug", sagt die Enkelin, die unter anderem als Dokumentarfilmerin arbeitet. Der Großteil des Archivs wird seitdem in der ehemaligen Zentrale von Casa Planas im Stadtteil Es Fortí aufbewahrt. Dort baut Marina Planas seit wenigen Monaten ein Kulturzentrum auf.

„Allein der Erhalt des Archivs kostet meine Familie jedes Jahr mehrere Tausend Euro", sagt Marina Planas. Die Autorenrechte für das Buch seien vollständig in die Instandhaltung investiert worden. Im Moment seien Initiativen wie diese die einzige Möglichkeit, das Archiv weiterzuführen. „Eines Tages aber werden die Regierenden Verantwortung für dieses Archiv übernehmen müssen", sagt die Enkelin. „Das ist ein bedeutendes Stück Inselgeschichte. Es sollte im allgemeinen Interesse liegen, dass es bewahrt wird."

Marina Planas trifft sich immer wieder mit Politikern. Deren Reaktionen auf ihre Bitte nach Unterstützung seien meist vage bis ablehnend. Vom Inselrat, der seit 1999 ein Archiv für Bild und Ton betreibt, hieß es etwa, ein solches Projekte übersteige die Kompetenzen dieser Institution. Marina Planas will demnächst einen neuen Vorstoß machen und mit der Balearen-Regierung sprechen. Sollte die öffentliche Hand nicht aktiv werden, könnte das Archiv unter den Erben aufgeteilt werden. „Das möchten wir aber unter allen Umständen verhindern", sagt Marina Planas.

Ein erster Schritt ist getan. So hat man Biel Barceló, den balearischen Tourismusminister und Vizepremier, dazu bewegen können, ein Grußwort für „Mallorca Clásica" zu verfassen. Darin heißt es, die Bilder von Planas seien ein Aufruf, die Insel zumindest so zu bewahren, wie sie heute ist, und die noch unbebauten Landschaften zu schützen. Dass die Bilder selbst ebenso schützenswert sind, schreibt er nicht – eine Erkenntnis, die sich in der Regierung genauso durchsetzen sollte.

„Mallorca Clásica. Die Insel, wie sie keiner mehr kennt", 176 S., Heel Verlag, 35 Euro.

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