Mallorquinische Traditionen: Getrocknetes Glück

Porreres war einst eine internationale Hochburg der Aprikosen-Produktion. Davon erzählt jetzt ein wundervoller, dreisprachiger Band

01.07.2016 | 10:40

Am Ende glaubt es ja doch wieder keiner. Bei der Hitze und der harten Arbeit. Als ob das die Menschen jemals gesund gemacht hätte. Aber der Opa behauptet fest und steif: In der Erntezeit der Aprikose hatten der Arzt und der Priester in Porreres praktisch nichts zu tun. Niemand wurde krank, niemand starb.
In dem kleinen, aber wunderschönen Band „El Sequer. Una història de l´albercoc de Porreres" von Margalida Forteza erzählt der Großvater seiner Enkelin die Geschichte einer wirtschaftlichen Erfolgsgeschichte im 20. Jahrhundert. Sie verdeutlicht einmal mehr, dass Mallorca auch vor dem Tourismus Einnahmequellen hatte.

Der Anbau der Aprikose begann gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Die Früchte aus dem Dorf im pla, im flachen Zentrum der Insel, galten von Anfang an als besonders aromatisch. Der Boden hier ist besonders tonhaltig, was diesem Steinobst einen hohen Anteil an Zitrussäure beschert. Bereits im Jahr 1915 war Porreres die Gemeinde mit den größten Aprikosenanbauflächen und mit dem größten Ertrag in ganz Spanien.

Illustriert mit den einfachen, aber eindrucksvollen und bisweilen witzigen Zeichnungen von Tatúm, erzählt Forteza in dem dreisprachigen Buch (Katalanisch, Spanisch, Englisch), wie das ganze Dorf zur Erntezeit im Juni zusammenkam. Apri­kosen sind äußerst empfindliche Früchte, die nur in einem sehr kurzen Zeitfenster geerntet werden ­können und dann schnell haltbar gemacht werden müssen.

Das Aprikosentrocknen war eine Gemeinschaftsarbeit. Die Männer und die Jungs pflückten die Früchte vom Baum und sammelten sie vom Boden auf. Zu Hause warteten die Frauen und Mädchen da-
rauf, sie zerteilen zu können. Bei kleineren ­Aprikosen wurde häufig auch nur der Kern rausgeknipst, sodass man die runde Frucht erhalten konnte. Zwei oder drei Tage dauerte die Trocknung. Tagsüber an der Sonne, nachts in der Schwefelkammer. Dort verloren die Aprikosen vor allem an Gewicht. Um ein Kilo Trockenaprikosen herzustellen, benötigte man fünf Kilo der frischen Frucht.

Der ganze Prozess war ein großes, gesellschaftliches Ereignis, dass ein wenig aus der Routine des Alltags befreite. Zwar war es harte Arbeit, doch dass Buch erinnert an gleich mehreren Stellen daran, dass die Pausen – etwa beim Mittagessen unter den Bäumen – umso schöner waren. Und sonntags gab es Eis zum halben Preis.

Auch das Buch ist als generationsübergreifende Gemeinschaftsarbeit entstanden. Forteza hatte 2013 das Projekt „Abraçades esceniques" ins Leben gerufen, um mit Jung und Alt die Tradition der Aprikose in ihrem Heimatdorf zu erforschen. 2015 wurden die Ergebnisse in einer Ausstellung präsentiert. „Es war toll zu sehen, wie sehr sich die Kinder auf die Recherchen einließen und von der ­Ausstellung begeistert waren. Häufig hatten sie vorher nichts über die Geschichte ihres Dorfes gewusst."

Forteza durchforstete Archive und organisierte insgesamt 30 Treffen mit älteren Menschen, um sie von ihren Erinnerungen berichten zu lassen. Je mehr sie sich mit dem Thema beschäftigte, desto mehr drängte sich der Gedanke auf, ein Buch zu machen. „Es war vor allem das Fotoarchiv, das uns begeisterte. Tatúm, mit dem ich schon zusammengearbeitet hatte, war fasziniert von den Bildern, sie sind die Grundlage für seine Illustrationen." Zunächst überlegten die beiden, einen Comic zu machen. „Aber dafür gab das Thema zu wenig Handlung, zu wenig Dramatik her."

Die wirtschaftliche Bedeutung der Apri­kose für Porreres war enorm. Ein Viertel der Dorfbevölkerung arbeitete in der Verarbeitung der Frucht. Zwischen 1964 und 1974 war Spanien der größte Exporteur von Trockenaprikosen – und Porreres spielte dabei eine wichtige Rolle. Und das obwohl 1968 der Pfirsichprachtkäfer (Capnodis tenebrionis) sein Unheil über die Plantagen brachte. Die Käferart existierte bereits seit den 40er-Jahren auf Mallorca und zerstörte viele Bäume.

Dass die Aprikose in Porreres nicht mehr die Bedeutung von früher hat, liegt an den gesellschaftlichen Veränderungen, die ab den 80er-Jahren begannen. Heute wird die Frucht vor allem frisch auf Mallorca verkauft. Dennoch gibt es immer noch Familien in der Gemeinde, die sich in kleinerem Rahmen der Produktion von Trockenaprikosen widmen. Und auch in Schokoladen, Likören und als Marmelade ist die Aprikose eine beliebte Zutat.

Margalida Forteza, Tatúm, El Sequer. Una història de l´albercoc de Porreres, 50 S., Telm Produccions, 18 Euro
Das Buch ist in Porreres im Rathaus, der Cooperativa und im Hotel Sa Bassa Rotja sowie in Palma u.?a. bei Literanta, Agapea, Norma Còmics und Rata Corner erhältlich.

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