In der Nische wandert es sich besser

Die große Zeit von Mallorcas Schuhmanufakturen ist lange vorbei. Bestard aber feiert 75. Jubiläum

08.07.2016 | 13:08

Als Antonio Bestard Bestard 1940 in Lloseta seine Schuhmanufaktur aufmachte, war er einer unter vielen. Damals tummelten sich in dem verschlafenen Dorf Dutzende Konkurrenten, die ihre Treter vor allem nach Nordspanien lieferten. Im ganzen Raiguer-Gebiet waren es etwa 200 Schuhfabriken. Tausende verdienten damit ihren Lebensunterhalt. Auch in den 60er-Jahren lief das Geschäft gut, weil US-amerikanische Firmen wegen der niedrigen Löhne auf Mallorca produzieren ließen. Doch als sie mit ihren Aufträgen in Länder mit noch günstigerer Arbeitskraft zogen, kollabierte der Schuhmarkt auf Mallorca.

Die Firma von Antonio Bestard Bestard jedoch überlebte  – bis heute. „Das lag daran, dass man frühzeitig die Bedeutung des Outdoor-Marktes erkannte", sagt der schwedische Verkaufsmanager Mats Lindholm, der schon seit Jahrzehnten auf Mallorca lebt und vor seinem Antritt bei Bestard in mehreren Insel-Firmen gearbeitet hatte. „Man setzte schon ab den 70er-Jahren auf hochwertige Wander- und Bergsteigerschuhe." Dank dieser Hellsichtigkeit geht es dem Unternehmen, in dem heute 35 Menschen arbeiten, noch immer gut. „Wir stellen etwa 100.000 Paare pro Jahr her, wobei wir neue Trends wie etwa Schuhe fürs Canyoning immer im Auge haben." Auch bei der Vermarktung ist man auf der
Höhe der Zeit: Bekannte Bergsteiger stapfen werbewirksam in Schuhen aus Lloseta durch den Himalaja und waren damit auch schon auf dem Mount Everest – 2008 samt dem olympischen Feuer vor den Spielen in Peking. Zum Erfolg der ehemaligen Garagen-Klitsche entscheidend bei trägt eine Kooperation mit dem Gore-Tex-Weltkonzern, der federleichte wasserdichte Teile zuliefert. Das Unternehmen ist dabei immer noch im Familienbesitz und wird mittlerweile von der zweiten und dritten Genera­tion geleitet.

Dass sich Bestard jetzt mit einem geradezu vornehm daherkommenden Buch anlässlich des 75-jährigen Bestehens selbst zuprostet, ist nachvollziehbar. Der 165-seitige, von Antonio Santandreu verfasste Hochglanz-Band mit dem Titel „Hasta donde tu quieras" (Bis wohin du willst) wurde kürzlich feierlich im Theater von Lloseta von einem Professor der Balearen-Universität vorgestellt und ist für 20 Euro im Firmenladen am Carrer Estació, 40–42 in Lloseta erhältlich. Santandreu dröselt darin alles auf, was aufgedröselt werden muss. Er erklärt den Produktionsprozess ebenso präzise, wie er die Firmengeschichte schildert, dem Schuhdorf Lloseta Reverenz erweist und die Generationen der Besitzerfamilie sowie die jetzigen Mitarbeiter vorstellt. Angereichert ist der Band mit vielen Fotos und dem einen oder anderen bedeutungsschwangeren Zitat. Etwa von Napoleon Bonaparte: „Es gibt keine Strecke, die nicht zurückgelegt werden kann, und kein Ziel, das nicht erreicht werden kann."

Manch einer, der in der Schuhfabrik Dienst schiebt, gehört schon seit mehr als drei Jahrzehnten zum Bestard-Inventar. Jeder hat im Produktionsprozess seine Aufgabe: Einer der Mitarbeiter näht Teile zusammen, der andere steckt das Innere von Schuhen ins Wasser und prüft, dass nichts eindringt. Ein weiterer Kollege konzentriert sich auf das Einarbeiten der Schnürsenkel und ein anderer schaut, ob das Endprodukt fehlerfrei ist. Schuhe mit Kratzern wandern in den Firmen-Outlet.

Damit man beim langen Gehen keine Blasen an den Füßen bekommt, sind die Schuhe nicht nur besonders leicht. Auch bei der Auswahl etwa des Leders ist man geradezu pingelig. „Die Haut von Südtiroler Kühen ist besonders zart", weiß Verkaufsmanager Mats Lindholm. Zum Wohlbefinden tragen auch ex­traleichte Sohlen des Zuliefererkonzerns Vibram bei, die in der übersichtlichen Fabrikhalle der Firma mit einer Spezialmaschine zuletzt an den Schuhen befestigt werden.

Manager Mats Lindholm und seine Kollegen müssen die Entwicklungen auf dem internatio­nalen Schuhmarkt permanent beobachten. „Besonders nachgefragt werden unsere Schuhe neuerdings in Ländern wie Iran oder der Türkei", wundert er sich ein wenig. Und in Skandinavien könne man im Augenblick die Preise kräftig erhöhen, ohne auf den Produkten sitzen zu bleiben. „In Norwegen etwa haben viele Leute nicht das geringste Problem, 400 Euro für ein Paar Wanderschuhe auszugeben, wenn denn die Qualität stimmt."

Den Spaniern dagegen könne man mit solch hohen Preisen nicht kommen. „Deren Gunst mussten wir uns als Prestigemarke über die Jahrzehnte erkämpfen." Mit Erfolg: Etwa 75 Prozent der Schuhe werden im Inland abgesetzt, der Rest verteilt sich auf 35 weitere Staaten.

Wobei Bestard der runenhafte Marken-Schriftzug zugutekommt, was fast einem Treppenwitz gleichkommt. „Viele glauben in Spanien, dass die Schuhe aus Deutschland oder Österreich kommen", lacht Mats Lindholm. Dabei sei Deutschland ein Markt, in den man bislang noch gar nicht habe eindringen können. „Die großen Ketten sind dort sehr konservativ und nehmen weiterhin lieber einheimische Produkte."

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