„Wer einmal anbeißt, kommt nicht mehr los"

Architekt und Autor Carlos García-Delgado („Queridos mallorquines") über Tourismus und Heimat, Deutsche und Mallorquiner

15.07.2016 | 09:56

Carlos García-Delgado, halb Katalane, halb Spanier, wie er sagt, kam als kleiner Junge nach Mallorca – wo der heute 71-Jährige immer noch als Architekt und Stadtplaner arbeitet und als solcher mehrere Bücher veröffentlicht hat. Zum Bestseller wurde aber sein 1995 unter dem Pseudonym Guy de Forestier erschienenes „Queridos Mallorquines" (Liebe Mallorquiner), das die Eigenheiten der Insulaner unter die Lupe nimmt und auch ins Deutsche übersetzt wurde. Zum Interview empfängt García-Delgado in seiner Wohn- und Wirkungsstätte im Terreno-Viertel, ein von schattenspendenden Bäumen umgebenes Anwesen, wo die Juli-Hitze erträglich und von den Autoschlangen und Urlaubermassen, die sich zur gleichen Zeit auf dem Paseo Marítimo und rund um die Kathedrale drängen, nichts zu spüren ist.

Schön ruhig haben Sie es hier. Wie lange wird es noch dauern, bis ausländische Investoren und Urlauber auch hier einfallen?
El Terreno war eines der besten Viertel der Welt, vor 50 Jahren, damals wimmelte es nur so vor Künstlern und Schriftstellern, man konnte von jedem Haus aufs Meer blicken. Bis in den 60er-Jahren drei achtstöckige Apartmentblocks gebaut wurden, schrecklich. Innerhalb von fünf Jahren waren die Künstler weg, und das Viertel verkam. Wenn sich jetzt ein Deutscher oder Schwede für diese Gegend interessiert und klug ist, sollte er als Erstes die hässlichen Blocks kaufen und abreißen. Das Geld wäre gut investiert, es würde den Wert des ganzen Viertels steigern.

Und dann würde hier dasselbe passieren wie in Palmas Altstadt, die aus der Sicht vieler Anwohner längst einem Museum gleicht?
Fürchterlich. Aber ich möchte hierzu anmerken, dass es nicht stimmt, was immer gesagt wird, dass die ganzen Kreuzfahrttouristen nur drei Stunden in der Altstadt sind und danach wieder Ruhe einkehrt. Das Problem der Altstadt sind nicht die vielen Touristen, sondern dass sich der Handel deren Bedürfnissen angepasst hat und es nur noch Souvenirläden, Cafés und Eisdielen gibt. Die normalen Geschäfte hingegen, die den Bewohnern etwas bringen, sind verschwunden – und das macht sich leider 24 Stunden am Tag bemerkbar. Die Stadt ist kaum mehr Stadt, sondern ein Vergnügungspark.

Wie ließe sich das verhindern?
Ich weiß es auch nicht. Wenn man bedenkt, dass in diesem Moment weltweit etwa 40.000 Flugzeuge in der Luft sind, bedeutet das, dass die Menschen sich unentwegt bewegen und reisen, und manche schon gar nicht mehr wissen, wo sie sind. Die steigen vom Schiff und sagen, das hier ist Malta! Ist ja auch völlig egal, für sie ist das einerlei. Man kann ja auch kaum mehr irgendwo hinfahren, wo man noch Einheimische trifft. Einen der besten Sommer meines Lebens habe ich in einem Dorf in Galicien verbracht, das war vor etwa zehn Jahren, und da konnte man zusehen, wie die Leute zum Bäcker gingen und Brot kauften oder wie die Fischerboote in den Hafen kamen und ihren Fang ausluden. Auch letztens in Santander, und das ist eine Großstadt, fühlte ich mich nur unter Einheimischen. Da spürt man plötzlich so ein Gleichgewicht, da hat man den Eindruck, alles sei am rechten Ort.

Gibt es hier noch solche Orte?
Ein paar Dörfer könnte es noch geben, einige wenige, im Inselinneren, so Orte wie Ruberts vielleicht.

In letzter Zeit sprechen Inselpolitiker gern von einem Gleichgewicht zwischen Tourismus und lokaler Bevölkerung, das es wiederzuerlangen gilt. Kann das gelingen?
Schwierig. Es gibt keinen Weg zurück. Das ist wie bei Fisch und Angelhaken, wer einmal anbeißt, kommt nicht mehr los. Valldemossa etwa war das Dorf, das sich als Erstes in einen Themenpark verwandelt hat. Ich habe eine Zeit lang dort gelebt, nach meinem Uniabschluss, das ist also sehr lange her. Damals war das Leben dort noch vorzüglich, da gab es keine Touristen. Aber die Zeiten sind vorbei. Und wie gesagt: Es gibt keinen Weg zurück – außer wir stellen uns das apokalyptische Szenario vor, dass wir Mallorquiner in Reservaten lebten, wie die Indianer, und da dürften keine Touristen rein. Aber gut, das ist nur ein Scherz.

Und wie wäre es mit Reservaten für Touristen, etwa für die Sauftouristen an der Playa de Palma?
Das wäre schon eher denkbar, im Ernst. Früher beschwerten wir uns, dass die Touristen sich in bestimmten Gegenden konzentrierten, in Magaluf oder Arenal. Angesichts der jetzigen Situation könnte man fast sagen, damit waren wir auf einem guten Weg. Die Urlauber waren in ihren Hotels am Strand und schwirrten nicht auf der ganzen Insel umher mit ihren Mietwagen.

Ein Vertrauter des Bürgermeisters sagte kürzlich, dass die Playa de Palma nur eine Lösung hat: sprengen und von vorne anfangen ?
Ich glaube, dass wir uns auf der Insel an eine grundlegende Tatsache gewöhnen werden müssen: Wir müssen Bestehendes abreißen. Was ich über die drei Blocks hier im Terreno gesagt habe, kann man auf ganz Arenal anwenden. Als es vor Jahren einen Architektenwettbewerb für die Neugestaltung der Playa de Palma gab, haben meine Kollegen und ich einen Entwurf eingereicht. Dafür haben wir mal durchgespielt, wie es wäre, alles abzureißen, und sind zu dem Schluss gekommen, dass die bloßen Grundstücke mehr Wert wären als mit der jetzigen Bebauung drauf. Das ist natürlich brutal, aber eines Tages werden wir ernsthaft darüber nachdenken müssen. Die Frage ist nur, wie man das organisiert, wie bringt man all die Eigentümer unter einen Hut? Da muss man sich mit jedem kleinen Hotelier abstimmen – und das wurde schon damals nicht bedacht, als es um den großen Wurf für die Playa de Palma ging, der letztlich scheiterte. Hierfür bräuchte es einen Deutschen, der das anständig koordiniert!

Was ist aus den Plänen geworden, nach „Queridos mallorquines" auch ein Buch über die Deutschen zu veröffentlichen?
Das ist in der Mache, „Queridos alemanes". Der Untertitel lautet „Die Deutschen durch die Brille des Mittelmeers betrachtet" – ich versuche nicht selbst zu erklären, wie die Deutschen sind, weil ich das nicht kann. Wir haben bereits zahlreiche Interviews geführt, mit Deutschen, aber auch Mallorquinern, die mit Deutschen verheiratet sind, um Meinungen und Anekdoten einzuholen. Und das war in der Tat äußerst interessant, ich habe gemerkt, dass wir in Spanien ein etwas falsches Bild von den Deutschen haben. Wir halten sie für Sturschädel, aber das greift viel zu kurz. Da sind noch viele andere Dinge, positive, die wir lernen könnten – aber nein. Ich habe den Eindruck, dass es mit den Deutschen auf Mallorca immer noch keine wirkliche Annäherung gibt. Die Mallorquiner sind sehr mallorquinisch und die Deutschen sehr deutsch, da ist kein Austausch, die einen wissen nichts von den anderen. Das Hauptproblem ist wohl die Sprache, niemand hier spricht Deutsch. Aber warum gibt es beispielsweise keine spanische Übersetzung der „Mallorca Zeitung" für die Leute von hier? Warum erscheint im „Diario de Mallorca" keine deutsche Kolumne? Das wäre meiner Ansicht nach fundamental.

In „Queridos mallorquines" beschreiben Sie die Insulaner als misstrauische Wesen, die lieber nicht grüßen, als am Ende selbst nicht gegrüßt zu werden, und einem nie ins Gesicht sagen, was sie denken. Haben sie sich seit der Veröffentlichung 1995 geändert?
Ein bisschen vermutlich schon. Viele junge Leute sind zum Studieren ins Ausland gegangen, haben einen Master in den USA oder in Deutschland gemacht und kamen mit neuen Ansichten zurück. Vielleicht hat auch das Buch, das sehr viel gelesen wurde und immer noch wird, einen kleinen Beitrag geleistet. Da sagten viele „uep" und überdachten ihre eigenen Einstellungen. Aber es gibt Dinge, die sind so verinnerlicht, die ändern sich nur sehr langsam. Die Mallorquiner sind eben sehr speziell.

Kann es sein, dass sie sich absichtlich noch mallorquinischer und verschlossener geben, je größer der Ausländeransturm wird?
Das ist möglich, das könnte ein unterbewusster Schutzmechanismus sein. Während der ersten Invasion durch die Römer, heißt es, zogen sich die Mallorquiner in ihre Talaiots zurück, um sich zu verstecken. Dasselbe passiert heute vielleicht angesichts der vielen Touristen: Die Menschen suchen in ihren persönlichen, charakterlichen Talaiots Zuflucht.

Das neue Buch von Carlos García-Delgado („Así fue", So war es) ist eine Sammlung kurioser Kurz­geschichten, die sich größtenteils aufMallorca zutrugen. Auch in diesem Fall hält er eine deutsche Version für denkbar: „Den Deutschen müssen in all den Jahren reihenweise erzählenswerte Anekdoten mit
Mallorquinern passiert sein."

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