Das eigentliche Wohnzimmer

Des Spaniers liebster öffentlicher Raum ist bekanntlich die Bar. Und das schon immer. Im einstigen Durchgangsort Vilafranca weiß man davon (Bild-)Bände zu erzählen

12.08.2016 | 08:32
Fotogalerie: Das eigentliche Wohnzimmer

Es gab einmal eine Zeit, da war Vilafranca ein wuseliger Ort. Denn mitten durch das bekanntlich wegen seiner saftigen Melonen gerühmte Kaff führte die Ma-15, die stark befahrene Verbindungsstraße zwischen den beiden bedeutendsten Städten der Insel: Palma und Manacor. Hier hielten die Menschen an und genehmigten sich eine kleine Pause in einer der vielen Bars. „Es gab hier elf bis 13 Lokale – und das bei nur 2.000 Einwohnern, allein vier davon an der Plaça Major", weiß Guillem Mas von der Kulturvereinigung Sa Revolta, die eine ganze Sammlung von Bildern aus dem gastronomischen Alltag des vorigen Jahrhunderts besitzt und gelegentlich ausstellt. Die Fotos zeugen zum Beispiel von der heute befremdlich anmutenden Angewohnheit, dass in sechs dieser Lokale bis in die 80er-Jahre hi­nein gleich auch noch Frisuren gerichtet wurden – in Ca´n Estevet, Can Paco, Can Gorrió, Can Jordi, ­Café Barceló und Can Rumbande. Andere Gasthäuser wie Virgen de Lluc oder La Vuelta waren so weiträumig, dass hier große Gesellschaften Familienfeste feiern konnten.

Pfiffige Betreiber wie die des später in Cas Ros umbenannten Can Paloni nutzten den Kundenandrang, um auch noch Melonen, Tomaten und sonstiges Obst und Gemüse unter die Leute zu bringen. Ab den 60er-Jahren zählten auch Touristen, die in Bussen durch Vilafranca gekarrt wurden, zu ihren Gästen. Sie stiegen samt und sonders an der Haltestelle El Molino aus.

Ganz früher, in den 20er-Jahren bis zum Beginn des Bürgerkriegs im Sommer 1936, gab es linke und rechte Bars. „Im Can Paloni verkehrten nur Republik-Anhänger", sagt Guillem Mas. Ins Can Jordi fanden hingegen auch die streng katholischen und konservativen Bürger Vilafrancas.

Durch die Diktatur der politischen Differenzierung beraubt, machten sich die Bars ab den 50er-Jahren mit anderen Zusatzangeboten interessant: „Die Betreiber veranstalteten sogar kleine Theateraufführungen", sagt Guillem Mas. Und sie stellten ­Billard- und Pingpongtische auf und befestigten Dartscheiben. Im Can Jordi, im Can Paloni und im La Vuelta wurden zudem ab und zu Filme vorgeführt. „Die ört­lichen Machthaber haben das aber alles streng kontrolliert."

Die Bars Cas Senyoret und Cas Ros trugen 1970 und 1971 die balearischen Billard-Meisterschaften aus. Überhaupt ging es hier sportlich zu. Beide Lokale hatten ihre eigene Fußballmannschaft. Die Mannschaft der ersten Bar trat in Rot und Weiß auf, die der zweiten ganz in Weiß.

Einige dieser Bars und Restaurants – das heute noch kultige Großlokal Es Cruce, ganz früher ein Eisenwarenladen, Can Pujol und Can Baleto – gibt es noch immer unter gleichem Namen, wenn auch zum Teil an anderen Orten. Andere wechselten ihre Namen: La Vuelta heißt jetzt Ca na
Miquela de ses Teuleres, Can Gustí Es Niu, Ca n´Estevet Es Refugi und Ca n´Àgueda Bar Sa Plaça.

Seitdem es die zweispurige Schnellstraße nach Manacor gibt und diese den Ort links liegen lässt, ist Vilafranca nicht mehr jenes wuselige Durchgangsdorf von früher. Das hat den Lokalen aber keinen Abbruch getan: „Wir haben jetzt noch immer 14 Bars", sagt Guillem Mas. Allerdings sind es heute auch knapp 3.000 Einwohner.

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