Weniger Fett im Blut, mehr Kleenex im Wald

Bergführer Salvador Suau und sein Vater Pere über den Wandel, den der Massen- und Wandertourismus der Gegend um Sóller beschert hat

04.10.2016 | 13:23
Der eine wusste, als er jung war, gar nicht was Urlaub ist, der andere, sein Sohn, lebt heute von den Urlaubern: Bergführer Salvador Suau und sein Vater Pere auf dessen Finca oberhalb von Fornalutx.

1995 ließ sich Salvador Suau erstmals von seinem Job als Flugbegleiter bei Iberia freistellen und kehrte aus Madrid zurück in sein Heimatdorf Fornalutx – um seinen Bekannten Paco Ponce, der seit Mitte der 70er-Jahre Neckermann-Urlauber durch die Bergwelt rund um Sóller führte, zunächst für ein Jahr zu unterstützen. Getränke im Flieger serviert hat Salvador Suau seitdem nie wieder. Stattdessen machte er eine Ausbildung zum Bergführer, und als Paco Ponce 2004 in Rente ging, stieg er in seine Fußstapfen. Inzwischen wandert der 50-Jährige nicht nur mit Thomas-Cook-Touristen, sondern auch mit Individualurlaubern, die über seine Agentur „Mallorca Muntanya" Touren buchen. Einige davon enden auf der Finca seines Vaters Pere Suau, idyllisch oberhalb von Fornalutx gelegen. Im Haus des 82-Jährigen, der sein Leben lang in der Baubranche tätig war, dürfen die Gäste mal eine typisch mallorquinische Brotzeit probieren, mal Orangen und Zitronen ernten, mal tischt ein eigens engagierter Koch Paella auf.

Pere, wann sind Sie das erste Mal einem Touristen begegnet?
Pere: Hier gab es ja zunächst britische Touristen, schon Anfang der 30er-Jahre, die stiegen im Hotel El Guía neben dem Bahnhof in Sóller ab, weil es dort Esel gab, auf denen ritten sie hoch zum Puig Major. Mitte der 50er-Jahre kamen dann schon relativ viele Deutsche, und wir hatten auch einige Kunden, die sich hier ein Stück Land gekauft hatten, und für die wir Häuser bauten. Als der Tourismus zunahm, haben wir dann auch begonnen, Apartments zu bauen und solche Dinge. Aber, das ist kurios: Als ich jung war und die ersten Urlauber kamen, fragte ich mich: Warum nehmen die sich 15 Tage frei und fahren in die Ferien? Hier gab es das nicht. Die Leute wollten das auch gar nicht, man arbeitete acht Stunden, ging danach vielleicht an den Strand, da war ja nicht viel los, aß ein bocadillo, trank ein Bier. Aber dass Urlaub eine Pflicht ist, das ging uns damals nicht in den Kopf.

Wenn Sie heutzutage einen Touristen sehen, bereitet Ihnen das eher Freude oder Sorge?
Pere: Sorge überhaupt nicht. Es gibt tatsächlich ältere Leute, die kaum Kontakt zu den Urlaubern haben und sagen, das sei zu viel. Ich finde auch, dass es viele Menschen sind, aber mich stört das nicht. Ich mache mein Ding und fertig. Die Deutschen sind hier gern gesehen, weil sie guten Geschmack haben, gerne gut essen. Deswegen gefiel es ihnen in Sóller und Fornalutx schon immer gut: Viele Leute von hier sind einst nach Frankreich ausgewandert, kamen dann zurück und eröffneten Restaurants mit sehr guter Küche.

Und wann begann es mit dem Massentourismus?
Salvador: Ab den 60er-Jahren, aber das war reiner Sommertourismus, zwischen Ostern und Ende September. Die Wanderurlauber kamen erst mit Paco Ponce, der war der Pionier, danach folgte die Alpenschule Innsbruck, die in Sóller eine Wanderwoche etablierte. Der große Boom begann dann Mitte der 90er-Jahre. Zunächst waren es fast ausschließlich Gruppen. Heute dagegen kommen hauptsächlich Individualreisende, die auf eigene Faust wandern oder Guides von hier buchen, um schwierigere Touren oder Touren über Privatanwesen zu machen.

Wie hat sich das Dorf mit dem Tourismus verändert?
Pere: Die Touristen sind hier willkommen, weil sie Leben ins Dorf bringen. Jetzt gibt es viel mehr Geschäfte, früher gab es ja nur den Schneider und ein paar Werkstätten.
Salvador: Man muss zwischen Sóller und dem Hafen unterscheiden. Port de Sóller ist viel touristischer, Sóller hingegen ist noch sehr authentisch. Es kommen viele Tagesbesucher, aber morgens und abends gehört Sóller noch den Einheimischen.
Pere: Die Leute haben sich natürlich auch verändert. In der Art, wie sie Dinge tun, sich kleiden, was sie essen. Bei mir zu Hause gab es früher nicht die Gerichte, die zum Beispiel meine Frau zubereitet. Jetzt ist die Küche nicht nur abwechslungsreicher, sondern auch die Ärzte sind zufrieden, weil wir nicht mehr so viel Schwein und Fett essen und bessere Blutwerte haben.

Neben dem Tourismus gab es noch einen zweiten Einschnitt in Sóller: den Bau des Tunnels. Wie hat sich der im Dorf bemerkbar gemacht?
Salvador: Das hier war eine Insel innerhalb der Insel, und die hatte ein Eigenleben. Die Leute waren sehr erfinderisch, die mussten ja autark sein und all ihre Probleme selbst lösen. Und Individualtouristen gab es kaum, damals kamen eigentlich nur die Busse der Reiseveranstalter, aber keine Mietautos.
Pere: Zwar war es damals sehr ruhig hier, aber es gab viel Industrie, allein elf Textilfabriken, wenn ich mich recht entsinne. Hier wurde Baumwolle aus Barcelona verarbeitet und dann wieder aufs Festland exportiert. Obwohl alles mit dem Zug oder mit Lastwagen über den Pass transportiert werden musste. Das konnte nur rentabel sein, weil die Arbeitskräfte hier so günstig waren.
Salvador: Der Tunnel hat seine Vor- und Nachteile. Die Leute starben nicht mehr auf der Passstraße auf dem Weg ins Krankenhaus, aber dafür mussten viele Einzelhändler schließen, weil die Leute auf einmal nach Palma zum Einkaufen fuhren. Hier wurde außerdem alles teurer, vor allem die Immobilien, weil plötzlich auch Ausländer sich hier niederlassen wollten.

Angenommen die Nutzung des Tunnels wird, wie vom Inselrat geplant, ab nächstes Jahr kostenlos, werden dann noch mehr Leute kommen?
Pere: Dann werden wir hier im Dorf nicht mehr alle Platz haben.
Salvador: Mit Sicherheit! Als der Tunnel eröffnet wurde, sagte der damalige Vorsitzende des Hoteliers­verbands von Sóller, wofür er im Nachhinein scharf kritisiert wurde: Wer nicht bereit ist, die Maut zu zahlen, um die Landschaft von Sóller zu genießen, der braucht auch nicht zu kommen. Nach dem Motto: Wir wollen hier kein billiges Pack. Aber ich glaube nicht, dass der Tunnel kostenlos wird, denn die Regierung wird nicht bereit sein, 38 Millionen Euro für die Konzession zu zahlen.
Pere: Ein bisschen sollte es weiterhin kosten, ein oder zwei Euro, für den Unterhalt braucht man schließlich auch Geld.

Gibt es etwas, das der Tourismus kaputt gemacht hat?
Pere: Früher war hier alles familiärer, alle kannten sich. Ein Gärtner konnte hier kein Geschäft machen. Wenn jemand Rosen hatte, schenkte er sie der Nachbarin oder einer Freundin. Ich tauschte Orangen gegen Kartoffeln. Heute ist die Plaza von Fornalutx der kosmopolitischste Ort, den ich je gesehen habe. Da sitzen Deutsche, Engländer, Schweden, Franzosen zusammen, unterhalten sich und verstehen sich, und die Kinder spielen miteinander. Manchmal schaue ich mir das staunend an.
Salvador: Das dörfliche Flair hat sich verändert. Und auch die Traditionen und die Feste sind vielfach
nur noch Schein. Es gibt immer weniger Leute, die die Feste tatsächlich noch leben, und immer mehr, die nur um der Fiesta willen hingehen. Es Firó in Sóller, die Schlacht zwischen moros und cristianos, war früher ein Dorffest, heute hat es sich in eine Touristenattraktion verwandelt – und in ein Saufgelage für die Leute aus Palma.
Pere: Ich war 1961 der König der moros, ich habe noch Fotos. Das war damals alles sehr geordnet, die Leute kamen in ihrer Tracht. Jetzt schaue ich mir das Spektakel nur noch aus der Ferne an.
Salvador: Das ist inzwischen aber auf den meisten Festen so, das ist das reinste Chaos.

Wie ist es um die traditionelle Landwirtschaft bestellt, hat der Tourismus auch ihr den Garaus gemacht?
Salvador: Mehr Auswirkungen als der Tourismus hatte meiner Meinung nach die Globalisierung. Der Tourismus ist vielmehr eine Lösung, da die Bauern ihre typischen Produkte verkaufen können, das hilft der Landwirtschaft. Und die Leute sind immer mehr bereit, für unsere Produkte zu zahlen. Viele meiner Kunden bestellen Orangen aus
Sóller oder Olivenöl im Internet. Andere fragen, wo sie hier regionale Produkte kaufen können. Wir schicken sie dann zur Bauerngenossenschaft in Sóller – und da kaufen die Marmelade, Obst, alles.

Was könnte man sonst noch tun, um der Landwirtschaft wieder auf die Beine zu helfen?
Salvador: Die Leute erhofften sich Subventionen von der Unesco, nachdem die Serra zum Welterbe erklärt wurde. Aber das blieb ein frommer Wunsch.
Pere: Das Budget war schnell weg. Sie fingen an, Büros zu eröffnen und Sekretäre und Repräsentanten zu ernennen, und danach war kaum mehr was übrig.
Was hat sich in den fünf Jahre seit der Verleihung des Unesco-Titels getan?
Pere: Die Leute hatten große Erwartungen, aber es wurden nur Hinweistafeln aufgestellt. Wobei mein Sohn dazu sicher mehr sagen kann.
Salvador: Ich sehe es im Prinzip genauso. Dadurch hat man eine Marke geschaffen, aber der eigentliche Zweck der Welterbe-Erklärung sollte ja sein, die Kulturlandschaft zu schützen und die Bauern, die sie seit jeher erhalten haben. Doch in dieser Hinsicht wird nicht einmal das Mindestmaß erfüllt, weil kein Geld da ist oder kein Interesse besteht oder aus politischen Beweggründen. Der Titel ist reine Kosmetik, das ist leider so. Das Land ist vernachlässigt, nicht nur hier, sondern auch im Inselinneren, und auch die Wälder, was höchst gefährlich ist, wegen der Waldbrandgefahr. Die Natur ist völlig überlaufen, und das ohne jegliche Kontrolle. Natürlich haben die Leute ein Recht darauf, in der Natur unterwegs zu sein. Aber in anderen Ländern wird das zumindest ein bisschen kontrolliert. Hier dagegen ist es inzwischen nachvollziehbar, wenn die Grundstücksbesitzer irgendwann sagen: Stopp, hier läuft keiner mehr durch. Die haben keine Lust mehr drauf, dass die Leute ihren Müll liegen lassen, Oliven abreißen. Was mich hier am meisten ärgert, wenn ich auf den klassischen Strecken unterwegs bin, sind die Kleenex, die überall herumliegen, das ist eine Plage. Ich weiß, was ich sage, ist für mich eigentlich geschäftsschädigend, aber das ist nun einmal die Realität.

Zugangsbeschränkungen auf Wanderwegen sind eine heikle Angelegenheit – mit der man sich vor allem auch bei einheimischen Wanderern unbeliebt machen kann, oder?
Salvador: Ich sage auch nicht, dass man den Zugang zu allen Routen limitieren muss. Der Weg durch den Barranc de Biniaraix zum Beispiel ist öffentlich, da geht das nicht. Aber in einigen, aus ökologischer Sicht besonders sensiblen Gebieten sollte man es tun. Auf der Dragonera-Insel etwa gibt es ein Besucherlimit. Und in anderen Ländern – ich war in Neuseeland oder in den USA – gibt es auf den Wanderwegen Forstwächter, die dich kontrollieren – und obendrein musst du zahlen.
Pere: Wenn die Leute zumindest ein bisschen was zahlen müssten, könnte man Kontrolleure anstellen.
Salvador: Auf öffentlichen Wegen kann man nichts verlangen, das geht höchstens in Naturparks oder Reservaten. Aber mehr Kontrolle wäre dringend nötig. Forstaufseher gibt es in der ganzen Tramuntana bisher sechs oder sieben, das ist lächerlich. Und in meiner Branche, wo ich laut Gesetz eine Ausbildung, eine Lizenz und eine Versicherung brauche, gibt es einen Haufen Leute, die schwarz arbeiten, Spanier wie Ausländer. Am Montblanc in Frankreich steht oben ein Gendarm, dem ich meine Lizenz als Bergführer zeigen muss. Aber hier werden nur die kontrolliert, die legal arbeiten, der Rest nicht.
Sogar namhafte Reiseveranstalter arbeiten angeblich nicht nur mit offiziellen Guides zusammen. Gehen die das Risiko ein, weil bisher nichts Schlimmes passiert ist?
Salvador: Es sind schon Dinge passiert, das kann ich Ihnen versichern, davon erfährt man nur nichts. Das hat nicht zu interessieren, dafür sorgt schon die entsprechende Lobby.

Ein heiß diskutiertes Thema ist derzeit die private Ferienvermietung, wo es im Vergleich zu den Hotelbetten keine Obergrenze an Übernachtungsplätzen zu geben scheint. Haben Airbnb und Co. auch schon die Bergdörfer erobert?
Salvador: Fornalutx ist wie ein Hotel, und die Plaza ist der Speise­saal, wo die Leute abends essen gehen. Und in Sóller ist es dasselbe. Die Leute mieten inzwischen in den abgelegensten Winkeln in den Bergen Ferienhäuser. Hier oben in den Olivenhainen zum Beispiel, am Ende der kurvigen schmalen Straßen, steht ein Mietwagen. Die Leute kommen hierher und suchen Ruhe.
Pere: Aber das ist nichts Schlechtes, das bringt Geld und Arbeit.
Salvador: Die Leute sind auch bereit, das zu zahlen, denn ein Haus zu mieten ist teurer als ein Hotel.
Pere: Nicht in Ordnung ist, dass auch Wohnungen in Mehrfamilienhäusern vermietet werden.
Salvador: In Sóller passiert das kaum, die Leute protestierten dagegen, es gab viele Anzeigen. In Port de Sóller allerdings gibt es deswegen immer wieder Probleme.

Welches Bild von Mallorca nehmen die Urlauber mit nach Hause, die hier auf ihre Finca kommen.
Salvador: Ein sehr idyllisches. Ich hatten mal einen Kunden, der eine Tour mit Fincabesuch buchen wollte, um seiner Freundin hier einen Heirats­antrag zu machen. Das ist ein Ort, der für normale Urlauber schwer zugänglich ist, deshalb ist es etwas Besonderes, Authen­tisches. Das ist das andere, das echte Mallorca.

Wo die Welt noch in Ordnung scheint – dabei stimmt das gar nicht: Wasserknappheit, Überfüllung oder Müllprobleme machen auch vor dem romantischsten Bergdorf nicht halt. Täte da nicht ein bisschen mehr Aufklärung Not, um die Touristen auch für die Schattenseiten zu sensibilisieren?
Salvador: Die Leute sind zum Großteil sensibilisiert. Ich unterhalte mich auf meinen Touren ja auch mit ihnen. Erst gestern sagte mir ein Kunde nach einer Wanderung durchs Biniaraix-Tal: Obwohl die Insel so voll ist, gibt es ja immer noch Orte, an denen man sich alleine fühlt, und das nur ein paar Kilometer vom wuseligen Hauptplatz in Sóller entfernt. Aber man muss eben auch sehen, dass die Leute hier im Urlaub sind. Die wollen wandern gehen und abschalten, die interessieren sich nicht für diese Probleme, die sie außerdem eh nicht lösen können.

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