Es gibt kein Entrinnen aus der Glücksfabrik

Matías Vallés ist Mallorcas renommiertester Journalist – und für provokante Meinungen bekannt. Etwa zum Thema Urlauberansturm

16.09.2016 | 16:34

Matías Vallés hat zunächst ein Chemiestudium mit Auszeichnung abgeschlossen und anschließend an der Balearen-Uni als Dozent gearbeitet. 1983 verfasste er für die MZ-Schwesterzeitung „Diario de Mallorca" die ersten Basketball-Berichte, und schon bald ließ man ihn auch über andere Themen schreiben. Heute ist der 57-Jährige der bekannteste Zeitungsjournalist Mallorcas. Er hat Margaret Thatcher ebenso wie Claudia Schiffer interviewt und auch immer wieder mit Enthüllungen von Skandalen Schlagzeilen gemacht. In seinen kritisch-ironischen Artikeln schießt er gleichermaßen gegen konservative wie linke Politiker, Ausländer wie Landsleute. So teils mysteriös und unvorhersehbar wie seine publizierte Meinung ist auch seine Familiengeschichte: Seine Mutter stammt angeblich aus der Tschechoslowakei – dass sein zweiter Nachname sehr katalanisch klingt, liege daran, dass auch schon die Mutter aus einer mallorquinisch-tschechischen Ehe hervorging. Zur Sache tut das aber ohnehin nichts, Matías Vallés sieht sich als waschechter Mallorquiner – der zunehmend unter der Überfüllung der Insel leidet.

In der aktuellen Debatte um den Tourismus auf Mallorca wird gern das Wort Vergnügungspark benutzt, zu dem die Insel verkommen ist. Mögen Sie keine Vergnügungsparks?
Nein, ich würde nie in einen gehen. Aber Mallorca ist weniger ein Vergnügungspark denn eine Fabrik, die Glückseligkeit produziert und Sonnenbräune. Der Tourismus ist eine Glücksfabrik. Und es gibt keine Straße und kein Dorf auf der ganzen Insel mehr, das nicht Teil dieser Fa­brik ist. Mir gefällt dieser Terminus besser, er ist brutal, denn niemand würde in einer Industrieanlage leben wollen – man arbeitet vielleicht dort, aber dann geht man nach Hause, auch wenn es eine bescheidene Bleibe ist. Hier dagegen sind die Häuser Teil der Produktionsstätte, sie befinden sich in den Hochöfen. Das ist wie auf einer Ölplattform, ein geschlossener Raum.

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Trifft das nicht auf alle Orte zu, die touristisch erschlossen und zu beliebten Reisezielen geworden sind? Auch Venedig oder Berlin wären demnach Fabriken.
Ja, aber da gibt es einen grundlegenden Unterschied. Venedig ist ein kleiner Teil Italiens, dahinter gibt es noch ein ganzes Land. Aber hier ist alles eingeschlossen. Man kann dem nicht mehr entkommen, etwa indem man in Biniali oder Sant Joan wohnt – nein, alles ist Teil davon. Die Touristen verwandeln die Orte nach und nach in Nicht-Orte. Das Parade­beispiel ist der Borne-Boulevard in Palma, da gibt es alle internationalen Marken, aber kein einziges mallorquinisches Geschäft mehr.

Mallorquiner zu sein scheint im Moment ein hartes Schicksal darzustellen.
Härter als jemals zuvor. Wenn ich mich fragen würde, ob ich auf Mallorca Urlaub machen möchte, wäre die Antwort: auf gar keinen Fall. Ich verstehe nicht, warum all die Leute kommen, wenn man bedenkt, in welchem Zustand sich die Insel befindet. Wenn ich die Überfüllung kritisiere, ist das zum Wohle der Touristen, die ja Glückseligkeit finden sollen und Bräune – aber selbst das ist heutzutage ja nicht mehr gesichert, so voll wie die Strände sind.

Wohin würden Sie denn reisen?
Nach Soria oder Segovia (beides Provinzen in der Region Castilla y León, Anm. d. Red.), an jeden beliebigen Ort, der leerer ist als Mallorca. Als ich geboren wurde, lebten wir hier mit dem Tourismus, in den 50er- und 60er-Jahren war das eine von verschiedenen Industrien, man hatte die deutsche oder die britische Kolonie, es war fantastisch. Danach lebten wir vom Tourismus, da hieß es schon: Vorsicht, pass auf, was du sagst. Heute leben wir für den Tourismus, in einer Fabrik, alles, was wir tun, ist Teil davon. Es heißt, pass auf, was du anziehst, vielleicht kommt ein Tourist vorbei, oder kritisiere nicht den Urlauber von nebenan, du lebst schließlich davon. Die Premiere, die wir nun in diesem Sommer erleben dürfen, heißt: gegen den Tourismus leben. Die Scheidung wird jetzt immer wahrscheinlicher.

Dieser Sommer schreibt natürlich Rekorde, aber im August war es auf Mallorca immer schon voll.
Aber jetzt ist es das ganze Jahr über voll, und es hat sich auf die ganze Insel ausgeweitet. Jeder Bürger der Insel ist jetzt Hotelier, jeder vermietet eine Wohnung oder ein Zimmer. Es beschränkt sich nicht mehr auf die 150 Hotelbetriebe, nein, jeder ist jetzt Unternehmer.

Genau das, dass alle ein Stück vom Kuchen abbekommen, fordert die Linksregierung. Was ist daran nun wieder schlecht?
Klar, jetzt können alle Profit schlagen, aber warum? Weil die Hoteliers den Fehler gemacht haben, Hungerlöhne zu bezahlen. Die Leute vermieten ihre Wohnungen doch nicht freiwillig an Urlauber, die dann morgens an ihrem Küchentisch sitzen. Warum machen sie das? Weil es Geld bringt und weil der famose Reichtum, den uns der Tourismus angeblich bescherte, ausgeblieben ist. Mallorca oder die Balearen
insgesamt sind kein Ort für Leute, die weniger als 3.000 Euro im Monat zur Verfügung haben, die sollten besser in eine andere spanische Region gehen. Wer dagegen mehr als 3.000 Euro verdient, der kann hier wunderbar leben. Es gibt tolle Restaurants, Privatkliniken, hübsche Häuser. Wer aber öffentliche Krankenhäuser und öffentliche Schulen sucht, der ist besser in der Extremadura oder in Andalusien aufgehoben. Wer mit einem knappen Budget auskommen muss, lebt dort viel besser.

Also leben die Ausländer hier deutlich besser als die Einheimischen?
Klar, und sie machen das Leben teurer. Wobei ich wohlgemerkt nicht von den Urlaubern rede, sondern von den ausländischen Residenten. Die schaffen eine Wettbewerbs­situation, der der Mallorquiner nicht standhalten kann. Was vollkommen logisch ist, wenn der Mindestlohn dort bei 1.500 und hier bei 700 Euro liegt und auch die Durchschnittseinkommen entsprechend sind. Mit diesen Leuten müssen wir bei den Immobilienpreisen, bei den Mieten, bei den Lebensmitteln konkurrieren.

Auch das passiert an jedem Ort der Welt, der attraktiv und lebenswert ist – in München genauso wie in bestimmten Vierteln Berlins oder Londons. Warum ist der Mallorquiner ärmer dran als die armen Münchner oder Berliner?
Natürlich machen sich auch dort Russen und Scheichs breit. Aber London hat noch andere Viertel. Mallorcas Problem ist, dass die ganze Insel gefragt ist. In Palma zum Beispiel gab es früher kaum Tourismus, jetzt ist die Stadt überfüllt. Und das zwölf oder zehn Monate im Jahr, man musste ja schließlich die Nebensaison beleben. Sogar in den Außenbezirken gibt es nun Ferienwohnungen.

Campos ist nicht so gefragt und überlaufen.
Ja, aber Achtung, wir haben hier fast eine Million Einwohner, wo sollen die alle hin? Keine andere Insel im Mittelmeer ist so dicht besiedelt. Korsika ist doppelt so groß, aber hat nur 250.000 Einwohner. Und in Venedig gibt es ein Hinterland, ebenso wie an der Costa del Sol in Marbella. Hier ist das Hinterland der Küste eine andere Küste.

Deshalb schrieben Sie vor einigen Wochen, dass nicht die Besucher, sondern die Bewohner an der Überfüllung Schuld sind?
Ganz genau. Wobei ich mich mehr als jede andere Person, mehr als jeder Europäer, im Recht sehe, hier auf Mallorca zu wohnen, damit das klar ist. Das Problem ist, dass man hier gleichzeitig auf herkömmlichen Tourismus und Zweitwohnsitz-Tourismus setzte, deshalb mussten all diese Hotels und Häuser gebaut werden und dafür waren in der Baubranche 300.000 Menschen nötig – die alle hierblieben, nun alle auf der Insel leben und versorgt werden müssen.

Schuld sind also vor allem ausländische Residenten und Festlandspanier?
Ich mache da keinen Unterschied. Auch jeder Deutsche, der hierher kommt, hat das Recht dazu, genauso wie jeder Russe. Aber der Kollaps ist da, den dürfen wir nicht leugnen.

Dann wäre die Lösung, eine halbe Million rauszuwerfen – wobei da­runter, aus Anstand und Respekt, keine waschechten Mallorquiner sein sollten, oder?
Klar, aber genau die sind aus finanzieller Sicht am meisten im Nachteil, weil sie kein Polster haben. Was gibt es denn für Möglichkeiten, jemanden aus seiner eigenen Wohnung zu werfen? Man kann die Strom- und Wasserpreise erhöhen und die Steuer. Die Ausländer, oder zumindest eine bestimmte Gruppe von ihnen, juckt das überhaupt nicht, die können es sich leisten. Aber die Leute von hier bekommen es zu spüren – und irgendwann sind sie gezwungen, zu verkaufen.

In der aktuellen Tourismusdebatte wird häufig von Invasion und Kollaps gesprochen, die Insel als Hölle bezeichnet. Halten Sie das nicht für übertrieben? Liegt die Hölle angesichts der welt­politischen Situation derzeit nicht eher in Syrien oder Afghanistan?
Aber wir vergleichen uns doch nicht mit Afghanistan, und schon gar nicht mit den Lebenshaltungskosten dort. Wir sehen uns mit der Herausforderung konfrontiert, unseren Alltag an dem Ort zu meistern, an dem wir unser ganzes Leben gelebt haben. Doch die Lebensqualität an diesem Ort ist stark gesunken, und die Tendenz ist, dass sie weiter sinken wird.

Das ist Jammern auf sehr hohem Niveau. Sind die Bewohner eines tristen Kaffs in der Extremadura tatsächlich besser dran?
Ich bin immer mehr überzeugt davon, dass genau diese Orte die Zukunft sind. Mallorca galt früher als die Insel der Ruhe, dieser Name ist längst nicht mehr zutreffend. Ich glaube, dass Ruhe und Stille der neue Luxus des 21. Jahrhunderts sind. Und diese Dörfer in der Extremadura oder in den Pyrenäen, die im Moment verwaisen, könnten eines Tages eine neue Chance bekommen, wegen der Ruhe, die dort herrscht – und die man auf Mallorca kaum mehr findet, bei dem Rhythmus hier. Seit in den 50er-Jahren der Begriff Balearisierung (die Bebauung der Küste, Anm. d. Red.) geprägt wurde, wurde immer weiter gebaut,
70 Jahre lang, ununterbrochen.

Mallorca lebte davon.
Ja, aber das Problem ist, dass es nach Saisonende wieder 100.000 Arbeitslose geben wird auf der Insel.
Mallorcas Reichtum schrumpft immer weiter, in den 90er-Jahren waren wir die reichste Region Spaniens, wir lagen sogar vor manchen Regionen in Deutschland und weit über dem europäischen Durchschnitt. Und wo stehen wir jetzt? Unter dem EU-Durchschnitt und auf Platz 8 oder 9 im spanischen Vergleich. Dieses Jahr müssten wir eigentlich auf Platz 1 aufsteigen, aber mitnichten. Das Bruttoinlandsprodukt wird sinken, ebenso das Pro-Kopf-Einkommen, die Löhnen werden nicht mehr steigen als in anderen Autonomieregionen. Was also gewinnen wir damit, dass Palmas Ringautobahn im Januar genauso kollabiert wie im August? Nichts. Die Gewinne bleiben in den Händen einiger weniger, die ex­trem viel Geld verdienen, und dieses Geld wandert direkt in die Schweiz. Deshalb tauchten sowohl auf der Falciani-Liste der Steuersünder als auch in den Panama-Papieren sofort die Namen mallorquinischer Hoteliers auf.

Was wünscht sich ein Mallorquiner, der nicht Hotelier ist, sondern armer Journalist? Weniger Touristen?
Nein, aber dass wir wieder mit und vom Tourismus leben und nicht für den Tourismus. Denn die aktuellen Rekordzahlen haben einerseits nicht mehr Wohlstand gebracht. Und andererseits fühlen sich weder die Urlauber noch die Einheimischen wohl. Ich selbst gehe nirgends hin, ich bin kein Beispiel für einen
Mallorquiner, der am Inselleben teilnimmt. Aber ich kenne Leute, die das tun, die gehen zu den Sehenswürdigkeiten oder auf die Feste der Insel. Die sagen nun zum ersten Mal: Im August bleibe ich zu Hause, denn egal, wo ich hingehe, herrscht Chaos. Irgendetwas stimmt also nicht. Nehmen wir die russischen Yachten, die bezeugen: Die Strände gehören nicht mehr euch Mallorquinern, die gehören uns. Wir leben hier in einer Industrieanlage, wo man sich nicht beschweren kann, dass der Häcksler nachts läuft und Krach macht. Hier ist 24 Stunden am Tag Halligalli angesagt, die Musik aus den Hotels, die Diskotheken, dann kommt ein Partyboot vorbei. So leben wir.

Was denkt ein Mallorquiner, wenn er den Ballermann sieht?
Ein Mallorquiner geht niemals an den Ballermann. Ich war länger nicht am Ballermann als der Durchschnittsdeutsche. In all den Jahren, die ich diese Gegend nicht betreten habe, wurden dort locker 70 oder 80 Millionen Deutsche durchgeschleust.

Es gibt Mallorquiner, die an der Playa de Palma wohnen.
Das sind die Opfer, die in vorderster Schusslinie stehen, wie die Leute in Aleppo, die das direkt abbekommen. Der Lärm, der dort die ganze Nacht herrscht, ist schließlich Körperverletzung, kein Ärgernis, sondern Körperverletzung. Aber um über die Playa de Palma zu sprechen, muss man nach Deutschland gehen, da gibt es viel mehr Leute, die sich damit auskennen als hier.

Verhalten sich Mallorquiner oder Spanier auf Reisen viel besser?
Die Spanier kenne ich nicht, dazu kann ich nichts sagen, sie sind sehr laut, ja. Aber die Mallorquiner sind in dieser Hinsicht nicht typisch spanisch. Ich glaube, sie sind sehr angenehm, beschweren sich nicht, protestieren nicht.

Woran liegt es, dass Deutsche und Mallorquiner nach all den Jahrzehnten immer noch wie in Parallel­universen leben?
Das ist dank der Mallorquiner so. Robert Graves sagte, dass er sich Mallorca ausgesucht habe, weil man ihn hier in Ruhe ließ. Und so ist es: Der Mallorquiner interessiert sich nicht für die Ausländer, auch nicht, wenn sie berühmt oder reich sind, das finden die Mallorquiner nicht im Geringsten faszinierend.

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