Jacqueline Waldren: Das Paradies ist Realität geworden

Versöhnlicher Ausklang unserer Serie von Sommerinterviews zum Thema Fremde und Einheimische auf Mallorca. Die Anthropologin aus Deià sagt: Alles wird gut

23.09.2016 | 11:44

Es ist nicht der größte anzunehmende Unfall im Journalisten­alltag, aber so ganz ohne ist er auch nicht: Da bereitet man ein Interview vor, formuliert Fragen und feilt an der Dramaturgie – und dann stürzt dieses ganze Ideen­gerüst schon bei der ersten Antwort in sich ein, weil es auf einer falschen Annahme basierte.

Die US-Amerikanerin Jacqueline „Jackie" Waldren hat das wohl lesenswerteste Buch über die Beziehung zwischen den Einheimischen und Ausländern auf der Insel geschrieben. In dem nur noch antiquarisch erhältlichen „Insiders and Outsiders. Paradise and Reality in Mallorca" analysiert die in Oxford ausgebildete Anthropologin, wie das Zusammen- und Nebeneinanderherleben mit den Ausländern den Tramuntana-Ort Deià veränderte.

Die heute 78-Jährige beschreibt darin präzise, wie sich die Einheimischen – die Insider – gegenüber den Zugezogenen – den Outsidern – positionieren. Das Buch erschien 1996, eingearbeitet wurde darin die Entwicklung bis Ende der 80er-Jahre. Dennoch ist vieles von dem, was Jacqueline Waldren­ für den Mikrokosmos Deià beschreibt, hochaktuell und auf andere Orte, ja die gesamte Insel übertragbar. Oder so scheint es zumindest.

Frau Waldren, wie hat sich das Verhältnis zwischen In- und Outsidern in diesen 20 Jahren seit dem Erscheinen Ihres Buches entwickelt?
Ach, diesen Gegensatz gibt es gar nicht mehr so richtig.

Wie bitte? Sie meinen, es gibt keine Insider und Outsider mehr in Deià?
Es hat sich sehr vieles verändert. Unsere Kinder – die in den 60er- und 70er-Jahren geborenen – haben das Dorf nicht mehr verlassen müssen, weil es hier Arbeit gab. Und die Mallorquiner, die in den Hotels oder Restaurants beschäftigt sind, können in den drei, vier Monaten Winterpause verreisen, nach Indien oder Thailand. Sie haben sich der Welt geöffnet. In dieser Annäherung zwischen den Einheimischen und den Zugezogenen spielt auch die Sprache eine Rolle. Ich weiß nicht, ob ich es gut finden soll, dass nun überall Katalanisch gefordert wird, aber Tatsache ist, dass jetzt in der Schule alle Katalanisch sprechen und man nicht mehr, wie noch bei meinen Kindern, diese Unterscheidung treffen kann zwischen denen, die es sprechen, und denen, die es nicht sprechen. Überhaupt sehe ich heute keinen großen Unterschied mehr zwischen den Kindern der Ausländer und denen der Mallorquiner, was ihr Wissen und ihre Chancen anbelangt. Eine andere Frage ist, ob sie diese Möglichkeiten auch nutzen, denn Deià hat diese Macht – ich sage bewusst: Macht – der Natur, der Boheme, des guten Lebens, die die jungen Ausländer daran hindert, das Dorf zu verlassen. Sie bleiben aus Bequemlichkeit.

Jackie Waldrens Forschungsgegenstand ist ihr eigenes Leben: Sie kam als 21-jährige Studentin 1959 nach Deià und lernte hier ihren Mann, den US-amerikanischen Künstler und Archäologen Bill Waldren, kennen und blieb. Sie war somit Teil jener legendären Künstlerkolonie rund um Robert Graves, die den Mythos Deià begründete. Ein Häuflein Briten, Deutscher oder US-Amerikaner erlebte dank spottbilliger Lebenshaltungskosten die große Freiheit. Von Landschaft und Architektur beeindruckt, nahmen sie Deià als ein Paradies wahr – eine Vorstellung die nur wenig mit der von harter landwirtschaftlicher Arbeit, traditionellen Familienstrukturen und hierarchischen Beziehungen zwischen Bauern und Grundherren geprägten Realität der Einheimischen zu tun hatte. Dabei gingen die „deianencs" nicht unfreundlich mit den Zugezogenen um – was auch daran gelegen haben mag, dass sie schon ihre Erfahrungen mit anderen Exzen­trikern wie dem Erzherzog Ludwig Salvator gemacht hatten.

Und die Mallorquiner, betrachten die die Ausländer heute auch nicht mehr als Outsider?
Sie haben die Ausländer akzeptiert, es gibt diesen Graben nicht mehr. Er hatte viel mit der Klassen­zugehörigkeit zu tun: Auch wenn der Ausländer ein Sozialhilfeempfänger war, so war er doch einer, der nicht mit den Händen arbeitete, sondern feingeistig malte. Das macht einen großen Unterschied. Heute verschwimmen diese Unterscheidungen, weil auch die jungen Einheimischen studiert haben und sich ihnen viele Möglichkeiten bieten. Sie sind übrigens fast alle sehr brav. Somit können sich die deianencs heute sagen: Wir haben die Boheme überlebt – und unsere Weltsicht und unsere Familienwerte sind immer noch intakt.

Wie haben sie das hingekriegt?
Indem sie auf Durchzug stellten. Sie haben keine Urteile gefällt, sie haben keinen Neid gezeigt, sie haben hart gearbeitet. Dabei hat es natürlich auch Ängste gegeben und Kritik, aber das war zweitrangig: Die Ausländer öffneten Türen, und sie bereiteten keine Schwierigkeiten. In den 70er- und 80er-Jahren begannen dann die Probleme, als die Haus- und Grunstückspreise stiegen, und die Mallorquiner Schwierigkeiten bekamen, sich selbst etwas zu kaufen. Mit den höheren Einkommen und dem Tod einiger Älterer, die ihren Besitz den Familien vermachten, hat sich das wieder etwas entspannt. Heute gibt es keine Armut unter den Mallorquinern in Deià. Es mag sein, dass sie nicht so viel in Cafés und Restaurants einkehren wie wir Ausländer – obwohl sie auch das von Tag zu Tag immer mehr tun –, aber arm sind sie nicht. Ihnen gehören all die guten Restaurants, und selbst in dem einfachsten Lokal hat der Sohn schon in Frankreich studiert und alles elegant hergerichtet.

Sie sprechen dennoch von „ihnen" und „uns".
Ja, weil es natürlich offensichtliche Unterschiede gibt, heute vielleicht sogar noch stärker als früher, als wir noch mehr miteinander zu tun hatten. Heute sind alle sehr beschäftigt, und man trifft sich höchstens noch zu Familienfeiern. Von den 750 gemeldeten Einwohnern in Deià sind etwa 40 Prozent Ausländer. Ihnen gehören 60 Prozent der Häuser und Grundstücke. Hinzu kommt, dass viele der in jüngster Zeit Zugezogenen kein Spanisch mehr sprechen, weil sie gar nicht ständig in Deià leben. Das ändert die Beziehung zu den Einheimischen – wobei hier alle jungen Leute auch Englisch oder Deutsch reden. Überhaupt ist das Dorf jetzt die Hälfte des Jahres tot, das ist sehr traurig ? Früher war Deià das ganze Jahr über ein lebhafter Ort.

Und das macht den Einheimischen nichts aus?
Aber sie leben doch auch dieses Leben. Sie arbeiten sechs, sieben Monate, schließen ihre Lokale und Restaurants und ziehen sich dann in ihre luxuriösen Häuser zurück. Es ist alles in Balance, wenngleich es eine zwiespältige Balance ist, denn manchmal weißt du nicht mehr so recht: Ist das ein englisches Dorf oder ein mallorquinisches?

In Ihrem Buch beschreiben Sie die Mechanismen, mit denen sich die Insider von den Outsidern abgrenzen, etwa indem sie sich alter oder auch nur vermeintlich alter Traditionen besinnen, die den Außenstehenden nicht ohne Weiteres zugänglich sind.
Ja, die Mallorquiner haben ihre Identität gestärkt, sicherlich auch in Anbetracht der Ausländer. Du brauchst jemand, an dem du dich reiben kannst, um zu wissen, wer du bist. Sie sind sehr stolz darauf, dass sie sozusagen die Originale sind, aber sie müssen es auch nicht im Wettstreit unter Beweis stellen. Sie können es genießen. Es gibt hier zwei oder drei Yoga-Kurse, an denen sowohl Mallorquiner als auch Englischsprachige teilnehmen, die Überschneidungen sind vielfältig.

Wir unterhalten uns in dem kleinen Archäologischen Museum in Deià. Jackie Waldren zeigt hier, in einer ehemaligen Getreidemühle, und mittlerweile nur noch einmal die Woche, einige Funde ihres 2003 verstorbenen Mannes. Ein junges polnisches Pärchen aus Krakau kommt herein, geschickt von einer Freundin, bei der die beiden einen Monat lang in Deià töpfern lernen. Waldren fragt sie, ganz Anthropologin, über ihre Erlebnisse aus. Das Licht, die Berge, das Meer, die Olivenbäume, die Menschen – die beiden sind hellauf begeistert. „So einen Ort habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht gesehen", sagt die junge Frau.

Könnte es sein, dass das von den Ausländern empfundene Paradies jetzt auch zur Realität der Einheimischen geworden ist?
Das mit dem Paradies ist eher eine Wahrnehmung der Ausländer, was nicht heißen soll, dass die Mallorquiner diese Landschaft nicht schon immer genauso geschätzt hätten. Am Wochenende strömen sie aus zu ihren Olivenhainen und fühlen sich wohl mit ihren Tradi­tionen und dem einfachen Leben – zumal sie ja auch den Luxus haben. Eine Sache ist, so zu leben, weil man nichts anderes hat, und eine andere, weil man es sich leisten kann. Sie kehren jetzt zu ihren Wurzeln zurück, zu ihren huertos und Gärten. Der eine junge Mann verkauft Bio-Gemüse auf der Plaza, der andere hat eine Boutique. Die Ausländer zu meiner Zeit lehnten das Materielle ab und suchten den Reichtum der Natur. Heute ergeht es den Mallorquinern genauso: Sie besitzen viel, und das ist ihnen wichtig und darauf sind sie stolz, aber der Reichtum ihres Lebens ist der Olivenhain, der Garten, die Familie, solche Dinge.

Stören sie sich nicht daran, von Touristen überrannt zu werden?
Ja, es gibt tatsächlich sehr viele Touristen hier, besonders dieses Jahr, man kann kaum noch runter zur Cala gehen, und an der Bushaltestelle bilden sich lange Schlangen. Aber die Leute haben sich darauf eingerichtet: Man geht früh morgens einkaufen und allenfalls spät am Nachmittag runter zum Strand.

Wie steht es mit der politischen Beteiligung der Ausländer in Deià?
Sie halten sich da raus, das ist zu konfliktiv. Die Lokalpolitik in Deià ist immer noch sehr undurchsichtig, und es ist sehr schwer zu verstehen, was da hinter verschlossenen Türen vor sich geht. Es ist viel effektiver, keiner Partei anzugehören und die Anliegen im Rathaus ganz diskret vorzubringen.

Auch anderswo auf der Insel gibt es so gut wie keine Ausländer in der Gemeindepolitik. Woran liegt das?
Ganz einfach: Sie haben kein Interesse daran. Warum sollten sie auch, wenn sie auch so hier das Leben führen können, das sie wünschen?

Glauben Sie, dass Deià und seine Beziehung zwischen Ausländern und Einheimischen ein Modell für die Insel sein könnte?
Natürlich ist Deià ein Sonderfall, jedes Dorf ist anders. Aber ich finde es wichtig, dass wir solche Modelle des Zusammenlebens entwickeln. Wir können viel voneinander lernen. Überheblichkeit bringt uns nicht weiter.

Ein Urlauber aus dem Baskenland und seine zwei wissbegierigen kleinen Töchter stecken den Kopf zur Tür herein. Ob das Museum geöffnet sei? Jackie Waldren führt sie durch die schon leicht verstaubte kleine Ausstellung mit ihren vielen Knochen und Schädeln der etwa vor 5.000 Jahren ausgestorbenen Höhlenziege Myotragus balearicus. In der Cova de Muleta zwischen Deià und Sóller hat Bill Waldren auch ein hier gezeigtes menschliches Skelett gefunden. Es ist auf 3984 vor Christus datiert – der älteste derartige Fund auf Mallorca. Wohl ein Wanderer, der in der Höhle Schutz gesucht hatte und dessen Überreste jetzt von Jackie Waldren gehütet werden. Sie wendet sich wieder dem Journalisten zu:

Das ist noch ein Steinzeitmensch. Später kamen andere Menschen auf die Insel, die Kupfer mit sich brachten, um Bronze zu machen. Hieß das, dass die andere Kultur ausstarb? Nein, man vermischte sich. Und so haben auch wir uns vermischt. Wir feiern die Geburtstage, sie die Namenstage, sie hatten ihr Essen, wir das unsere. Dabei sind diejenigen, die heute nach Mallorca kommen, keine Eroberer. Sie
kommen, um sich hier zu erholen, sich zu amüsieren, Abstand zu gewinnen. Früher oder später reproduzieren sie dann auch ihre Kultur, mit ihren eigenen Restaurants, ihren eigenen Kirchen, ihren eigenen Bräuchen. Die Insel ist dafür groß genug. All dies hat den mallorquinischen Charakter nicht pervertiert, die Leute haben ihn beibehalten, indem sie bestimmte Dinge akzeptiert und Regeln aufgestellt haben. Sie sind zu Geld gekommen, haben Besitz verkauft. Aber sie haben sich auch neue Bauweisen angeeignet, neue Erwerbsquellen erschlossen, neue Lebensstile kennnengelernt. Sie gehen alle manchmal in todschicke Restaurants, essen dann aber auch wieder pa amb oli. Ich finde, das ist eine sehr bemerkenswerte Kombination.

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