Das spannende Leben des Carl von Ripper

Eine Schottin entdeckt auf Mallorca die Geschichte dieses Barons, eines in Vergessenheit geratenen österreichischen Malers, Antifaschisten und Agenten

02.10.2016 | 07:24

An diesem Freitag (23.9.) wird in der Gerhardt Braun Gallery in Palma ein besonderes Buch vorgestellt. Es heißt „Von Ripper´s Odyssey" und schildert das un­gewöhnliche Leben des österrei­chischen Malers Baron Rudolph Carl (später Charles) von Ripper (1905–1960). Verfasst hat es die schottische Autorin und Journa­listin Sian Mackay. Sie lebt in Edinburgh und Sóller.

Auf Ihrer Website schreiben Sie, eine „geheimnisvolle blaue Mappe in einer Villa in Spanien" habe Sie auf die Spur von Baron von Ripper geführt. Wie war das?
Ich habe von 1991 bis 2004 auf Mallorca gelebt und hier unter anderem zu Auswanderern geforscht. Da rief mich eine Bekannte an und erzählte mir, sie hätte in einem leer stehenden Haus in Pollença eine blaue Mappe gefunden. Ich sollte mir die Sachen ansehen, Briefe auf dünnem Air-Mail-Papier, manche davon in Sütterlinschrift, Fotos von Anfang des 20. Jahrhunderts bis in die 50er-Jahre.

Viele Jahre später ist nun Ihre Biografie erschienen. War die Recherche schwierig?
Zunächst habe ich gezögert. Ich wusste, von Ripper war ein österreichischer, christlicher, arischer Adliger, Künstler und Soldat. Damals gab es Wikipedia noch nicht, und viel mehr konnte ich nicht finden. Als ich aber das Titelblatt des „Time Magazine" von Januar 1939 entdeckte, mit von Rippers Druck „Hitler Plays the Hymn of Hate" (Hitler spielt die Hymne des Hasses), wusste ich: Der Mann war bedeutend. Ich musste dieses Buch schreiben, dieser Held und große Künstler musste vor dem Vergessen bewahrt werden.
Dann kam eins zum anderen: Von Ripper hatte viele Freunde, darunter Klaus Mann, Ernest Hemingway, André Malraux oder Salvador Dalí. Viele haben etwas Schriftliches über ihn hinterlassen. Ich sprach auch mit Menschen, die ihn kennengelernt hatten, Mallorquiner oder Verwandte seiner zweiten Frau. Und ich traf Experten, den Berliner Germanisten und Politikwissenschaftler Winfried Meyer oder den Wiener Kunsthistoriker Stephan Koja.

Was für ein Mensch war Baron von Ripper?
Er war faszinierend. Sein Credo lautete „Ich hasse Tyrannei mehr als Krieg", sein Antrieb war es, Hitler zu vernichten, er wollte „das Monster des Faschismus in Europa umbringen". Zudem war er vor und während des Zweiten Weltkrieges ein anerkannter Künstler in Europa und Amerika. Er bekam ein Guggenheim-Stipendium und stellte in derselben Galerie wie Picasso aus. In der New York Pub­lic Library stieß ich auf eine Kopie seines Meisterwerks „Écraser l´Infâme!" (Zermalmt das Niederträchtige!): 17 autobiografische und archetypische Bilder, die die tragischen Ereignisse des frühen 20. Jahrhunderts darstellen. Darin verarbeitete er seine Erlebnisse im Konzentra­tionslager Oranienburg. Die Gestapo hatte ihn 1934 wegen seiner „degenierten Kunst" verhaftet. Er wurde schwer misshandelt.

Wie bekämpfte er Hitler und die Nationalsozialisten?
Er wurde amerikanischer Staatsbürger und ließ sich 1942 als Kriegskünstler zur Army einziehen, später wurde er ein hochdekorierter Nachrichtenoffizier. Im Militärmuseum in Washington, D.C. entdeckte ich seinen bewegenden Bilderzyklus zum Italien­feldzug der Alliierten (Zeichnung untere Reihe Mitte, Anm. d. Red.). Kurz vor Kriegsende konnte er dann in den österreichischen Alpen den SS-Obersturmbannführer Otto Skorzeny festnehmen. Skorzeny war mit dem Kommandanten von Oranienburg befreundet, der für Rippers Folter verantwortlich war. Erstaunlicherweise begegneten sich von Ripper und Skorzeny 1952 wieder: Sie hatten beide ein Haus im Norden der Insel.

Warum zog er nach Mallorca?
Nach dem Krieg wollte er seinen Ruf als Künstler wiederherstellen, arbeitete zunächst in einer Scheune in Connecticut. Seine Erfahrung als Nachrichtenoffizier machte ihn schließlich zum CIA-Agenten an der Wiener Kunstakademie. Dort wurde er zu einer zentralen Figur des Kulturlebens. Aber eigentlich wollte er nur malen und mit seiner zweiten Frau, Avi Leege, einer amerikanischen Erbin, auf Mallorca leben. Er hatte die Insel 1933 vor seiner Festnahme besucht und als sicheren Ort empfunden. Auch nach seiner Freilassung kam er schwer traumatisiert zurück. Ich bin mir sicher, seine schönen Erinnerungen an Mallorca haben ihm während der harten Zeit geholfen.

Was ist von seiner Kunst zu halten?
Er hat einen Platz neben George Grosz verdient, dessen Arbeit ihn inspirierte, oder neben Otto Dix und Käthe Kollwitz, mit denen er befreundet war. Ich hoffe, mein Buch kann dazu beitragen, dass von Rippers Werk in den Kanon deutscher Kunst des 20. Jahrhunderts zurückfindet.

Gibt es Bilder auf Mallorca?
Kürzlich war ich in einem Haus in Pollença, wo ein Bild von ihm aus den 50er-Jahren an der Wand hing. Ein lyrisches, meisterhaftes Werk. Vielleicht tauchen jetzt noch weitere Bilder auf. Er hat ja hier
ausgestellt.

Und was hatte es mit den Briefen in Sütterlinschrift auf sich?
Das waren Briefe von seiner Mutter, die sie ihm von 1952 bis zu seinem Tod 1960 nach Mallorca schickte. Ein 81-jähriger Deutscher, der als Kriegsgefangener nach Schottland gekommen war, konnte sie mir übersetzen. Was für ein Glücksfall!

Sian Mackays Buch „Von Ripper´s Odyssey. War, Resistance, Art and Love" wird am 23.9. in der Gerhardt Braun Gallery um 19 Uhr präsentiert (C/. Feliu, 10, Palma). Es ist in englischer Sprache bei Thistle Publishing erschienen und kostet 14,99 Pfund (Taschenbuch) oder 3,99 Pfund (E-Book).

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